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Veröffentlicht: 23.05.2012, 11:09 Uhr

Vorbilder für Südeuropa So geht das mit dem Wachstum

Von ihnen kann Südeuropa lernen: Esten, Slowaken und Isländer haken die Krise ab. Sie zeigen, dass Sparen und Reformen selbst einen massiven Wirtschaftseinbruch schnell beenden und wieder zu Wachstum führen können.

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© AFP Island: Reykjavik am Fuße der Vulkane

Das Konzerthaus Harpa in der Innenstadt von Reykjavik ist ein wunderbares Symbol: Für die Krise und das anschließende Comeback von Island nach 2008. Erst gingen mitten in der Finanzkrise, die die Insel an den Rand des Staatsbankrotts führte, die Baufirmen pleite. Das Konzerthaus drohte als Bauruine zu enden. Doch die Wende zum Positiven kam schneller als gedacht. 2011 wurde Harpa fertiggestellt.

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Mittlerweile wächst die Wirtschaft in Island wieder, Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit sinken. Auch andere europäische Länder schaffen das, etwa die baltischen Staaten oder die Slowakei, die ebenfalls 2008 und 2009 tief in die Rezession gerutscht waren. Sie zeigen, dass Sparen und Reformen selbst einen massiven Wirtschaftseinbruch schnell beenden und wieder zu Wachstum führen können. Sie könnten Vorbild für Südeuropa sein, deren Wirtschaft nicht aus der Krise herauskommt. Und sie dürften immer wieder als positive Beispiele genannt werden, wenn die Regierungen in den kommenden Wochen auf diversen Gipfeltreffen über Rezepte für mehr Wirtschaftswachstum in den Krisenländern streiten werden.

Estland blieb für Unternehmen attraktiv

Am radikalsten ging wohl Estland nach der Krise vor. 2009 brach die Wirtschaftsleistung um 14 Prozent ein - so stark wie in kaum einem anderen Land. Seitdem wächst sie wieder und die Arbeitslosigkeit schrumpft. Die Regierung wählte das Prinzip Schocktherapie: Alle Spar- und Reformprogramme wurden möglichst rasch umgesetzt, nicht wie in Griechenland über mehrere Jahre verteilt. So ist der Schmerz einmal besonders heftig, doch dann kann Zuversicht zurückkommen.

Estland wird 17. Mitglied der Eurozone © dpa Vergrößern Estland: Die Altstadt von Tallinn

Auf eine Abwertung der Währung wurde verzichtet, um die vor allem von Privatleuten im Ausland angehäuften Schulden nicht noch stärker zu erhöhen und um das Vertrauen der ausländischen Investoren nicht zu verlieren. Und die sind wichtig, weil die Esten selbst zu wenig Geld aufbringen können, um ihr Land zu modernisieren. So strömen nun wieder reichlich Investitionen aus dem Ausland nach Estland und treiben das Wachstum.

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Die fehlende Abwertung der Krone bedeutete aber, dass der Baltenstaat auf anderem Wege wettbewerbsfähiger werden musste: Mit massiven Lohnsenkungen - Ökonomen sprechen von interner Abwertung. Zudem widerstand die Regierung der Versuchung, die niedrigen Unternehmenssteuern stark anzuheben, um mehr Geld in die Kasse zu bekommen. Dadurch blieb Estland für Unternehmen attraktiv, zumal das Arbeits- und Wirtschaftsrecht schon vor der Krise liberal ausgelegt war. Ein kräftiger Anstieg der Exporte belohnte diese Politik, wobei die allgemeine Erholung der Konjunktur in den Heimatländern der Kunden dabei mithalf. Stattdessen erhöhte die Regierung die Mehrwertsteuer und kürzte bei Sozialausgaben sowie staatlichen Investitionen.

Sparen allein half nicht

Ähnlich wie Estland gingen auch Lettland und die Slowakei vor und kurbelten das Wachstum nach der Krise rasch wieder an: Verzicht auf Abwertung der Währung (die Slowakei konnte das eh nicht mehr, weil sie schon 2009 den Euro einführte), weiter unternehmensfreundliche Politik, Kürzung bei Sozialausgaben und Löhnen. Die Slowakei verabschiedete zudem 2011 eine umfangreiche Arbeitsmarktreform, die die Kündigungsfrist kürzte, die Probezeit verlängerte und die Tarifbindung einschränkte. Durch den Wahlsieg des Linkspopulisten Robert Fico könnte diese Reform nun aber wieder zurückgedreht werden. Zudem will er die Einheitssteuer von 19 Prozent, mit der die Slowakei wirtschaftlich so viel Erfolg hatte, für Gutverdiener und Unternehmen erhöhen. Wie in Griechenland können also Wahlen schnell den Erfolg gefährden. In Estland wurde die Regierung allerdings trotz des Sparprogramms wiedergewählt.

19781830 © Masterfile Vergrößern Slowakei: Die Burg von Bratislava

Island schlug hingegen einen anderen Weg zur Erholung ein. Zwar wurde auch hier gespart, vor allem in der Verwaltung, und die unternehmensfreundliche Politik im Grundsatz bewahrt, aber es wurden auch Treibstoff- und Genussteuern erhöht. Zudem verstaatlichte die Regierung Banken, die das Land in die Krise gebracht hatten, und schickte sie anschließend in die Insolvenz. Private Gläubiger und Eigentümer mussten daher anders als in den übrigen Ländern einen Großteil der Pleiten mittragen. Dies war aber auch nur möglich, weil die isländischen Banken nicht so stark mit anderen Banken vernetzt waren wie kontinentaleuropäische.

Island verprellte damit ausländische Investoren, nahm das aber bewusst in Kauf, um sich zu sanieren. Der Staatshaushalt wurde so weniger mit den Kosten der Bankensanierung belastet. Für Frust im Ausland sorgte auch die Abwertung der Krone von bis zu 70 Prozent, die getätigte Investitionen entwertete. Aber sie verbilligte auch die Exporte. Unmut brachten zudem die Kapitalverkehrskontrollen, die die Geldabflüsse aus dem Land verhindern sollten. Doch die Maßnahmen scheinen Erfolg zu haben. Das Wachstum kehrte zurück, Defizit und Arbeitslosigkeit sinken, und der IWF beendete sein Hilfsprogramm.

Für alle Länder gilt jedoch: Sparen allein half nicht. Vor allem die Erholung der Exporte und eine liberale Wirtschaftsordnung führte sie aus der Krise.

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