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Arbeitskräfte aus dem Süden : Gut, dass wir die Spanier haben

Arbeiter bauen einen Messestand ab. Um spanische Arbeitskräfte zu finden, sind zwei hessische Minister sogar nach Spanien gefahren. Bild: dpa

Motivierte Spanier lernen Deutsch für einen Arbeitsplatz - und zeigen Integrationswillen pur. Das ist gut für Deutschland. Denn die Arbeitslosen hier lassen sich nicht für jeden Job qualifizieren. Eine Analyse.

          Auch die Krise im Euroraum produziert ihre Gewinner. Im Süden des Kontinents erleben die Goethe-Institute eine Nachfrage, wie es sie noch nicht gegeben hat. Vielerorts können neue Lehrer gar nicht so schnell eingestellt werden, wie die Kurse überbucht sind. Vor allem junge Spanier entwickeln eine ungekannte Lust am Erlernen der deutschen Sprache. Sie steht für die Hoffnung auf eine bessere (berufliche) Zukunft im Land von Goethe, Daimler und Bosch. Die Zuwanderungszahlen aus diesen Ländern steigen rasch, wenn auch von einem niedrigen Ausgangsniveau. Deutsche Arbeitgeber haben längst reagiert: Warben sie gestern noch auf Jobmessen in Magdeburg und Aachen um neues Personal, haben sie ihre Stände heute in Madrid und Athen aufgebaut. Ihre Botschaft lautet: Kommt nach Deutschland, wir brauchen euch!

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Hierzulande wachsen ob solcher Signale die Sorgen; denn so mancher fühlt sich doch an die Anwerbepolitik des vergangenen Jahrhunderts erinnert, als mit ähnlichen Parolen Millionen Gastarbeiter ins Land gelockt wurden. An den Folgen einer misslungenen, weil zunächst nicht existenten Integrationspolitik leidet das Land bis heute: Ausländer sind doppelt so häufig arbeitslos wie Deutsche; Bürger mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungsabschlüsse sowie Aufstiegschancen und so weiter.

          Noch drei Millionen Arbeitslose - was bedeutet das?

          Überhaupt gibt es in Deutschland noch immer offiziell drei Millionen, alles in allem mehr als vier Millionen Arbeitslose. Haben also nicht jene Politiker recht, die fordern, zunächst müsse das Potential in Deutschland ausgeschöpft werden, bevor die Suche jenseits der Grenzen fortgesetzt werde?

          Nein, sie haben nicht recht. Denn das eine zu tun heißt nicht, das andere zu lassen. Ein Vorrang für Deutsche würde den falschen Eindruck erwecken, man könne jeden Erwerbslosen für jede offene Stelle qualifizieren. Bildung und Weiterbildung sind sicherlich zwei der Themen, die für die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts und damit der Wirtschaft des Landes herausragende Bedeutung haben. Aber die Potentiale sind begrenzt. Ein jugendlicher Schulabbrecher kann seinen Abschluss nachholen und ein guter Facharbeiter werden - zum Ingenieur wird er es vermutlich nicht bringen. Ohne die nötigen sozialen Kompetenzen wird niemand eine Umschulung für Pflege- und Gesundheitsberufe durchhalten und seine Arbeit mit Hingabe verrichten können.

          Deutschland braucht Fachkräfte aus dem Ausland

          Deshalb ist Deutschland vor allem auf mittlere bis lange Sicht auch auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen, will es seinen Wohlstand halten oder sogar mehren. In kaum einem anderen Land in Europa wird sich der demographische Wandel in den kommenden Jahrzehnten so stark auswirken wie in Deutschland. Schon bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts werden rund drei Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen. Macht das Land weiter wie bisher, wird es nach Berechnungen der OECD stark an Wachstum einbüßen.

          Um das zu verhindern, kann die Politik an mehreren Stellschrauben drehen. Zu den notwendigen Maßnahmen gehört auch eine - gesteuerte - Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern. Die Lehre aus dem vergangenen Jahrhundert lautet, dass die Qualifikation des Einzelnen und die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes entscheidende Zugangskriterien darstellen. Denn ein Arbeitsplatz und ein stetes Einkommen sind die besten Garanten für eine gelungene Integration in die Gesellschaft. Von immenser Bedeutung, beruflich wie privat, sind dabei ausreichende Sprachkenntnisse.

          Spanier, Griechen und Portugiesen dürfen ohnehin hier arbeiten

          Das gilt auch für Hochqualifizierte: Ein Produktionsingenieur muss mit den Arbeitern genauso kommunizieren können wie ein Arzt mit seinen Patienten. In den vergangenen Jahren wurde einiges Richtiges auf den Weg gebracht. Im Zuge der Einführung der EU-Blue-Card sank der jährliche Mindestverdienst für qualifizierte Nicht-EU-Ausländer, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse wurde vereinfacht, und Hochschulabsolventen aus Drittstaaten erhielten mehr Zeit für die Stellensuche. Die Debatte darüber, ob Deutschland sich noch stärker an klassischen Einwanderungsländern wie Kanada und Australien orientieren solle, dürfte spätestens im nächsten Aufschwung wieder aufleben.

          Die aktuellen Wanderungsbewegungen aus Südeuropa sind jedoch anders gelagert. Denn Spanier, Griechen und Portugiesen dürfen sich ihren Arbeitsplatz in der Union ohnehin suchen. Der grenzübergreifende Ausgleich von Angebot und Nachfrage bildet den Grundgedanken des gemeinsamen Arbeitsmarktes. Dass davon alle Beteiligten profitieren, zeigt das Beispiel vieler Polen, die es nach dem EU-Beitritt Richtung Großbritannien und Irland zog, wo sie ihren Teil zum Wachstum beitrugen. Nach Ausbruch der Krise kehrten viele Polen in ihre Heimat zurück, die mittlerweile viel stärker geworden war.

          Es ist wahrscheinlich, dass auch viele Südeuropäer irgendwann wieder die Koffer packen werden, wenn zu Hause die Konjunktur anzieht. Das dürfte allerdings frühestens in ein paar Jahren der Fall sein. Noch sind viele Kandidaten gar nicht in Deutschland angekommen, sondern drücken eifrig die Schulbank und büffeln Deutsch. Mehr Bereitschaft zur Eingliederung kann man eigentlich nicht zeigen.

          Quelle: F.A.Z.

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