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Schuldenkrise : Vorbild Island?

Für die Bewältigung der Schuldenkrise gibt es keine Rezepte von der Stange. Der isländische Weg bietet aber gute Denkanstöße. Dass die Rettung maroder Banken auf Kosten der Allgemeinheit alternativlos sei, hat das Land jedenfalls widerlegt.

          Am Anfang war Island. Als von den Schuldenbergen in Griechenland, Spanien und Portugal noch niemand außer Eingeweihten redete, leistete der Ministerpräsident der Inselrepublik im Nordatlantik vor laufenden Kameras einen Offenbarungseid. „Gott segne Island“, seufzte er im Oktober 2008 ins Mikrofon, nachdem er der Nation die bittere Wahrheit verkündet hatte. Keine der drei Großbanken des Landes, die zuvor mit waghalsigen Geschäften rasant gewachsen waren, konnte mehr ihre Verbindlichkeiten tragen. Die Bilanzsumme von Kaupthing, Landsbanki und Glitnir entsprach damals dem Zehnfachen des isländischen Bruttoinlandsprodukts. Indem der Staat die Kontrolle über sie übernahm, schien sein eigener Bankrott kaum zu vermeiden. Der Internationale Währungsfonds und die skandinavischen Brüderländer sprangen Island mit Hilfskrediten bei.

          Reizvolles Szenario

          Vier Jahre später haben sich die Vorzeichen gedreht. Die Finanzbranche des Landes ist auf weniger als ein Fünftel ihrer einstigen Größe geschrumpft. Für das laufende Jahr erwartet die Regierung ein Wachstum von 2,8 Prozent. 2014 soll der Staatshaushalt wieder im Plus liegen, und die Rückzahlung der Hilfskredite hat früher als vereinbart begonnen. Für alle, die mit der Krisenpolitik im Rest Europas unzufrieden sind, ist die Vulkaninsel deshalb zum leuchtenden Vorbild geworden. Dort wurde gewagt, was anderswo auf Biegen und Brechen vermieden wird: Die Banken wurden nicht gerettet, sondern abgewickelt; über die Erstattung für ihre ausländischen Sparkunden hat nicht eine Politikerriege entschieden, sondern mittels Referendum das Volk; und als Voraussetzung für den Aufschwung der isländischen Exportwirtschaft hat sich als hilfreich erwiesen, dass die Krone als eigenständige Währung abwerten konnte.

          So reizvoll dieses Szenario angesichts der verbissenen Bemühungen um den Erhalt der Währungsunion und die Zahlungsfähigkeit ihrer Banken schon auf den ersten Blick wirkt, lohnt es sich, noch etwas genauer hinzusehen. Das gilt für jede einzelne Maßnahme, ganz besonders aber für den Kern der isländischen Krisenbewältigung, die Währungsfrage und die Bankenabwicklung. Denn die drei Großbanken wurden nicht etwa in „good banks“ und „bad banks“ aufgespalten, sondern in „new banks“ und „old banks“ - wobei den alten, abzuwickelnden Instituten das gesamte Auslandsgeschäft mit vielen zweifelhaften Vermögenswerten und noch mehr turmhohen Verbindlichkeiten übertragen wurde, während sich die neuen, mit staatlichem Kapital ausgestatteten Banken auf die überschaubaren einheimischen Aktivitäten beschränken.

          Einbußen von mehr als 30 Prozent wahrscheinlich

          Noch immer sind die drei Abwicklungsgesellschaften damit beschäftigt, sich einen Überblick über die vor allem von ausländischen Gläubigern wie der Deutschen Bank eingereichten Forderungen und den Verbleib des Vermögens zu verschaffen. Mehr als 30 Prozent ihrer Ansprüche, so viel scheint sicher, werden die Gläubiger am Ende nicht erhalten.

          Einfach so kopieren lässt sich diese Lösung kaum. Denn für Banken, die seit vielen Jahrzehnten rund um die Welt vertreten sind, wäre ein solcher Schnitt ungleich schwieriger als für die drei isländischen Institute, die ihr Auslandsgeschäft erst zu Beginn des Jahrtausends aufgebaut haben. Und der Widerstand der Gläubiger gegen den zermürbend langsamen Prozess wäre auch auf Island größer, wenn sie zwischenzeitlich nicht mit dem Verlust viel höherer Beträge aus dem Engagement in Südeuropa rechnen müssten.

          Strenge Kapitalkontrollen

          Noch deutlicher sind die Einschränkungen, unter denen sich die Segnungen einer eigenen Währung genießen lassen. Von der Abwertung der Krone profitiert nun zwar das Rückgrat der isländischen Wirtschaft - Fischerei, Tourismus und energieintensive Schwerindustrie. Für Branchen mit einem höheren Grad der grenzüberschreitenden Arbeitsteilung, wie sie etwa die deutsche Unternehmenslandschaft prägt, zeigt sich hingegen ein anderes Bild. Sie ächzen unter dem bürokratischen Aufwand, den sie für die Devisenbeschaffung auf sich nehmen müssen. Auch deshalb seien auf Island in den vergangenen Jahren kaum neue Arbeitsplätze geschaffen worden, kritisieren Unternehmer.

          Denn die strengen Kapitalkontrollen, die einst als Notbremse gegen den Absturz des Wechselkurses eingeführt wurden, gelten immer noch - sowohl für ausländische Investoren als auch für einheimische Betriebe. Selbst Privatreisende dürfen im Monat nur umgerechnet 2000 Euro umtauschen. Außerdem war die Flexibilität der eigenen Währung, die sich nun als Teil der Lösung verstehen lässt, einst eine der Ursachen für das übertriebene Wachstum der isländischen Finanzbranche. Denn der frühere Zinsabstand zwischen der Krone einerseits und Euro, Dollar und Yen andererseits war es, der die Insel für viele Investoren erst so attraktiv machte.

          Die Lehre ist: Jedes Land bekommt die Krise, die zu ihm passt; umgekehrt gibt es auch für die Krisenbewältigung keine Rezepte von der Stange. Denkanstöße aber bietet der isländische Weg durchaus. Dass die Rettung maroder Banken auf Kosten der Allgemeinheit alternativlos sei, hat das isländische Beispiel jedenfalls widerlegt. Die Frage ist nur, ob eine Gesellschaft sich die Folgen unorthodoxer Lösungen zuzumuten wagt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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