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Schuldenkrise Ist „Target 2“ nur ein Sündenbock?

Der belgische Ökonom Paul De Grauwe streitet mit Hans-Werner Sinn über die gewaltigen Ungleichgewichte im Eurozahlungssystem. Deutschlands Risiken würden nur „umverpackt“, sagt De Grauwe.

© F.A.Z. Vergrößern Die Entwicklung seit 2007: Target-Salden auf hohem Stand

Die gewaltigen Ungleichgewichte von rund einer Billion Euro im Zahlungssystem „Target 2“ erhitzen weiter die Gemüter von Ökonomen und lassen die Bürger erschaudern. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sieht Deutschland in einer „Target-Falle“. Denn die auf dem Target-Konto der Bundesbank stehenden rund 700 Milliarden Euro Forderungen an das Eurosystem wären bei einem Zerfall der Währungsunion zu einem Großteil verloren. Daher sei Deutschland erpressbar, kritisiert Sinn, dass es bei immer neuen Rettungsaktionen zugunsten der Europeripherie mitmachen muss.

Der belgische Ökonom Paul De Grauwe hat nun in einer recht scharfen Replik geschrieben, das Target-System werde „zum Sündenbock“ gemacht. Es gebe keine zusätzlichen Risiken aus der Höhe der Target-Salden, vielmehr würden nur Deutschlands Risiken „umverpackt“, die sich aus den jahrelangen Leistungsbilanzüberschüssen ergeben. De Grauwe bezweifelt nicht, dass Deutschland extrem hohen finanziellen Risiken gegenüberstehe, doch seien diese „völlig selbstgemacht“, nämlich durch den deutschen Export, schreibt er auf der Ökonomenplattform Vox. In den Jahren bis 2008 schossen die Überschüsse im Handel mit den Peripherieländern in die Höhe, die damals blasenhafte Booms genossen. Finanziert wurde dies mit großzügigen Krediten deutscher Banken. Auf mehr als 600 Milliarden Euro türmten sich die Leistungsbilanzüberschüsse gegenüber den Euroländern bis Ende 2011.

De Grauwe betont, dass damit die heutigen Risiken angelegt wurden. Die Banken, die das Kapital in die Peripherie lenkten, gingen ein hohes Risiko ein. In den Target-Salden war davon nichts zu sehen. Bis zum Ausbruch der Krise lagen diese um die Null-Linie. Erst seit Ausbruch der Krise 2008/2009 schossen die Target-Salden steil auseinander. Warum? Weil die Nord-Banken keinen Kredit mehr gaben. Die Banken der Krisenländer mussten immer mehr auf Kredite bei ihren Notenbanken zurückgreifen. Dieser Geldschöpfung - Sinn spricht von einer „goldenen Kreditkarte - entsprechen auf der anderen Seite des Eurosystems die explosionsartig wachsenden Forderungen der Deutschen Bundesbank sowie anderer mittel- und nordeuropäischer Notenbanken. Die Forderungen stehen nun im Feuer und könnten zu gigantischen Verlusten führen. „Deutschland hätte das vermeiden können, indem es seine Leistungsbilanzüberschüsse reduziert hätte; es weigerte sich, das zu tun, daher liegt die Verantwortung für das Risiko bei Deutschland und nicht bei einem obskuren System wie Target 2“, schreibt De Grauwe.

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De Grauwes Widerspruch zu Sinn erscheint aber etwas konstruiert, denn auch der Ifo-Präsident, der die Target-Problematik als Erster thematisiert hat, weiß, dass die Risiken schon im Kapitalfluss vor der Krise angelegt waren. Aber Sinn argumentiert, dass Target eine Verlängerung und Vergrößerung dieser Risiken bewirkt. Durch die unbegrenzte Zentralbankrefinanzierung können die Krisenländer weitere Leistungsbilanzdefizite finanzieren, zum anderen wird Kapitalflucht ausgeglichen. Der Sachverständigenrat hat in seinem Jahresgutachten jüngst erklärt, die Target-2-Salden seien „fast ausschließlich auf Veränderungen der Kapitalströme zurückzuführen“. Sinn sieht dies nur zum Teil als erwiesen an.

Problematisch an De Grauwes Argumentation ist seine Vorstellung, dass das Risiko „für Deutschland“ gleich bleibe - unabhängig davon, ob private Banken und Investoren oder die Bundesbank die Milliardenforderungen gegen die Europeripherie halten. Hinter der Bundesbank steht der deutsche Staat, mithin der Steuerzahler. Dieser haftet also letztlich für das Abenteuer. Auf diese Verlagerung des Risikos von privaten Gläubigern hin zum Steuerzahler im Zuge der „Euro-Rettung“ zielt Sinns Kritik im Kern.

Quelle: F.A.Z.

 
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