http://www.faz.net/-gqe-72pp8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 08.09.2012, 19:22 Uhr

Schuldenkrise Die Faust & Mephisto AG

Wenn der Staat pleite ist, hilft die Notenpresse. Faust und Mephisto haben dafür extra das Papiergeld erfunden. Und die Tragödie nahm ihren Lauf. Über die Aktualität eines Dramas von 1832.

von
© dpa Goethe in der Campagna, porträtiert 1786 von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Die Lage im Staat ist ernst. Hemmungsloser Egoismus, Parteilichkeit ohne jeden Gemeinsinn und allgemeine Korruption herrschen allenthalben. Am Hofe wird das Geld mit vollen Händen ausgegeben und exzessiv geprasst. Der Finanzminister kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und seine Kredite nicht mehr bedienen. Wie so oft in der Geschichte hat sich ein Staat völlig übernommen und kann seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Unaufhaltsam naht der Staatsbankrott.

Rainer Hank Folgen:

Wir befinden uns im ersten Akt von Goethes „Faust, der Tragödie zweiter Teil“. Mephistopheles braucht nicht viel Phantasie, um das Problem beim Namen zu nennen: „Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlts am Geld.“ Das lässt sich der Staatschef nicht zwei Mal sagen und nimmt Mephisto in die Pflicht: „Es fehlt an Geld. Nun gut so schaff’ es denn.“

Mit Pleitestaaten kannte Goethe sich aus

Goethes Tragödie, 1832 postum veröffentlicht, ist (auch) das Drama eines Staatsbankrotts. Man muss die Bezüge zur heutigen Finanzen- und Schuldenkrise noch nicht einmal explizit benennen, um die Aktualität des Stücks (das zu Unrecht als schwer verständlich gilt) zu erkennen. Und man darf es eine glückliche Fügung nennen, dass in der kommenden Woche, in der das Bundesverfassungsgericht ein Urteil spricht über die Grenzen europäischer Fiskalsolidarität und die Europäische Zentralbank ihre Lust am Geld schaffen auszuleben beginnt, in Goethes Geburtshaus in Frankfurt eine große Ausstellung über „Goethe und das Geld“ gezeigt wird und zugleich am Schauspiel der Stadt hintereinander beide Teile des „Faust“ Premiere haben.

Mit Pleitestaaten kannte Goethe sich aus. Zu den Aufgaben, die ihm als junger Mann und Geheimer Rat des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach oblagen, gehörte für mehrere Jahre auch die Leitung der Herzoglichen Kammer, sozusagen das Finanzministerium des Hauses. Angesichts derangierter Finanzen schrammte der Kleinstaat ständig knapp am Staatsbankrott vorbei. „Mich schaudert’s vor der Idee des Ruins“, schallte es Goethe aus dem Herzogshaus entgegen.

Ein verführerisches Angebot: Die Notenpresse anwerfen

Es war vor allem die verschwenderische Finanzwirtschaft von Herzog Ernst August und Herzogin Anna Amalia, Carl Augusts Eltern, die das Land an den Rand des Ruins gebracht hatte. Völlig überdimensioniert waren die Militärausgaben, die längst nichts mehr einbrachten, weil das Heer nicht mehr für Kriege anderer Länder vermietet wurde. Goethes Verdienst als Finanzminister ist es, die Landstände (Vertreter von Adel, Klerus und Bürgertum) als Gläubiger des Herzogtums zu einer Umschuldung, also einem Verzicht auf Forderungen, zu bewegen. Im Gegenzug musste der Landesherr drastische Einsparungen im Militärwesen und bei den Hofausgaben akzeptieren (“Austeritätsprogramm“ nennt man das heute).

Ganz anders als in Goethes Ministerium geht das Drama der Staatspleite dagegen in Goethes Tragödie Faust II weiter. Nicht etwa durch eine Einschränkung der Staatsausgaben soll das kaiserliche Land gerettet werden, sondern über die Erschließung neuer Geldquellen (“monetäre Staatsfinanzierung“ nennt man das heute).

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verlust der Unabhängigkeit Frankfurts Ende als Freie Stadt

Vor 150 Jahren erhängte sich der letzte Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt – aus Verzweiflung über das Schicksal seiner Vaterstadt. Wie kam es dazu? Mehr Von Hans Riebsamen

24.07.2016, 10:02 Uhr | Gesellschaft
Türkei Erdogan behält sich Verlängerung des Ausnahmezustands vor

Der türkische Präsident Erdogan behält sich eine Verlängerung des zunächst auf drei Monate befristeten Ausnahmezustands in seinem Land vor. Es gebe keine Hindernisse für eine Verlängerung, wenn sich dies als nötig erweisen sollte, sagte Erdogan am Donnerstag in Ankara in seinem ersten Interview seit Verhängung des Ausnahmezustands. Mehr

22.07.2016, 17:43 Uhr | Politik
1866 von Preußen besetzt Das Ende Frankfurts als Freie Stadt

1866 haben sich die Bürger im preußisch-österreichischen Krieg auf die falsche Seite geschlagen. Danach war Frankfurt keine eigenständige Republik mehr. Trotzdem gelang der nun preußischen Stadt bald ein rasanter Aufstieg. Mehr Von Hans Riebsamen

24.07.2016, 17:52 Uhr | Rhein-Main
Nominierung der Demokraten Hillary? Niemals!

Bernie Sanders, der im Vorwahlkampf noch stark auf das politische Establishment seiner Partei geschimpft hatte, stellt sich beim Parteikonvent der Demokraten klar hinter Hillary Clinton. Viele seiner Anhänger sind fassungslos Mehr Von Simon Riesche, Philadelphia

26.07.2016, 19:50 Uhr | Politik
Klemens von Klemperer Der Anwalt der Verlassenen

Der Historiker Klemens von Klemperer warnte stets vor einer unkritischen Verherrlichung der Verschwörer vom 20. Juli 1944, jedoch auch umgekehrt vor schickem, besserwisserischem Herunterreißen. Ihn störte in den sechziger Jahren jener vorbeugende Widerstand. Mehr Von Rainer Blasius

25.07.2016, 11:33 Uhr | Politik

Die Chancen der „Gig-Economy“

Von Britta Beeger

Fest angestellt sind Lieferanten von Online-Plattformen wie Uber meist nicht. Ihre Arbeitskräfte abzusichern, kann sich für Vermittlungsdienste jedoch lohnen. Mehr 1 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“