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Afrikas Jugend : Die kommende Völkerwanderung

Neuanfang in Europa: Viele junge Afrikaner träumen von einem besseren Leben. Bild: dpa

Afrikas Geburtenrate explodiert. Bis 2050 könnten fast 2,5 Milliarden den Kontinent bewohnen. Korruption und Massenarbeitslosigkeit treiben die Jugend auf eine gefährliche Reise nach Europa. Ein Kommentar.

          Es kann einem schwindelig werden beim Blick auf Afrikas Bevölkerungsentwicklung. 1950 lebten in Afrika etwa 230 Millionen Menschen, das war ein Zehntel der Erdbevölkerung. Heute sind es 1,2 Milliarden. Die Bevölkerung ist extrem jung, und die Geburtenrate liegt weiter außergewöhnlich hoch, daher wird die Zahl drastisch weiterwachsen. Im Jahr 2050 dürften es fast 2,5 Milliarden Afrikaner sein, so die nach oben revidierte Schätzung der Vereinten Nationen. 2100 könnten es 4,4 Milliarden sein – 40 Prozent der Erdbevölkerung.

          Das Hauptproblem ist, dass Arbeitsplätze für die Massen an jungen Leuten fehlen. Millionen junge Erwachsene drängen auf den Arbeitsmarkt, ohne Chancen auf eine feste, halbwegs gut bezahlte Beschäftigung. Sie haben nur Gelegenheitsjobs, schlagen sich durch als Straßenverkäufer, Fahrer und Tagelöhner und vergrößern das Heer unzufriedener Jugendlicher in den wuchernden Millionenstädten. Nordafrika und der Nahe Osten sind weltweit die Regionen mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, so die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Und selbst wer eine Arbeit hat, bleibt meist arm. In Schwarzafrika zählen 70 Prozent zu den „working poor“ mit weniger als 3,10 Dollar Einkommen am Tag.

          Angesicht dieser Situation ist verständlich, dass ein großer Teil der Jugend ans Auswandern denkt. 38 Prozent der jungen Afrikaner würden gerne emigrieren, schreibt die ILO. Schon heute sind Millionen Afrikaner wegen Wirtschaftskrisen, Terror und Bürgerkriegen als Flüchtlinge und Migranten auf dem Schwarzen Kontinent unterwegs. Sie gehen zunächst in Nachbarländer. Doch für Millionen bleibt Europa das Traumziel.

          Wachstum stagniert

          Einige Länder Afrikas haben in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Wirtschaftsaufschwung geschafft. Afrikas Wachstumsrate nach der Jahrtausendwende bis 2008 betrug fast 5 Prozent. Von „Löwen in Bewegung“ schwärmten McKinsey-Berater. Inzwischen sehen die Zahlen ernüchternd aus. Das Wachstum ist auf 3 bis 4 Prozent gesunken – zu wenig angesichts der Bevölkerungszunahme von 2,7 Prozent. Die Bremsung hat zwei Hauptgründe: Zum einen leiden die Erdölexporteure wie Nigeria, Angola, Algerien und Sudan unter dem Ölpreisverfall. Ihre Wachstumsrate hat sich auf 4 Prozent fast halbiert. Und in Nordafrika hat das Chaos nach der „Arabellion“ zu wirtschaftlichem Stillstand geführt. Ägypten, Libyen und Tunesien wachsen seitdem nicht mehr. Zusammen stehen die genannten Länder für fast zwei Drittel der Wirtschaftsleistung Afrikas.

          Eine dritte Ländergruppe entwickelt sich wirtschaftlich erfreulich, darunter Äthiopien, Tansania, Ruanda und die Elfenbeinküste. Doch auch dort liegt vieles im Argen. Äthiopiens autoritäre linke Führung setzt mit eiserner Hand eine Entwicklung nach chinesischem Muster durch – politische Freiheiten, die Opposition und Minderheitenrechte werden mit Füßen getreten. Jenseits der glitzernden Hochhäuser in der Hauptstadt Addis Abeba, die neulich die Kanzlerin besuchte, leidet ein Fünftel der 100-Millionen-Bevölkerung Hunger.

          Mitschuld des Westens

          Es gäbe durchaus Potentiale in Afrika, dem Elend zu entkommen. Asien hat es vorgemacht, die dortige junge Bevölkerung hat in kurzer Zeit eine beachtliche industrielle Entwicklung getragen. Einige Wirtschaftszweige, etwa die Mobilfunkbranche, wachsen rasant in Afrika. Die Urbanisierung bietet auch Chancen. Afrikas Landwirtschaft hätte mit riesigen fruchtbaren Ackerlandflächen die Chance, alle gut zu ernähren, nur ist ihre Produktivität sehr gering. Hinzu kommen Agrarkrisen durch Enteignungen unter Diktator Mugabe. Anderswo haben subventionierte europäische Agrarexporte afrikanische Märkte kaputtgemacht. Hier trifft der Vorwurf zu, dass der Westen eine Mitschuld an den Problemen trägt.

          Aber zum größeren Teil ist die Misere hausgemacht. Afrikas Löwen sind keine asiatischen Tiger. Es gibt zwar Beispiele für große Fortschritte, etwa Ruanda, das konsequent Reformen durchführt. Vielen anderen Ländern Afrikas fehlen aber gute Rahmenbedingungen für Investitionen und Unternehmertum. Es mangelt an Rechtsstaatlichkeit, gesicherten Eigentumsrechten und offenen Märkten. Stattdessen herrschen korrupte Eliten, die sich die Taschen vollstopfen. Ein Gutteil der geschätzt 600 bis 800 Milliarden Euro Entwicklungshilfe seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten ist in dunklen Kanälen versickert.

          Selbst wenn mehr Länder in Afrika und im Nahen Osten mehr Wirtschaftswachstum schaffen, nähme der Migrationsdruck nach Europa nicht ab. Vielmehr wird er zunächst steigen, denn nur Menschen mit höheren Einkommen können die Reise und die Schlepper bezahlen. Eine Massenmigration, die zur Völkerwanderung wird, wie es der äthiopische Berater und Buchautor Prinz Asfa-Wossen Asserate prognostiziert, ist konfliktträchtig und wird heftige politische Reaktionen in Europa hervorrufen. Ein Massenexodus ist auch nicht gut für die Herkunftsländer. Sie bluten aus, wenn gerade die besser ausgebildete Jugend sie scharenweise verlässt. Es wird höchste Zeit, Afrika mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sonst wird nicht nur die Zukunft der Milliarden Afrikaner düster sein.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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