http://www.faz.net/-gqe-8e29h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.02.2016, 13:00 Uhr

Lucke, Henkel und Co Der einsame Kampf der Alfa-Männer

Was machen eigentlich Bernd Lucke und seine neue Partei? Lustige Videos und sonst nicht viel. Zu den Wahlveranstaltungen kommen mit Glück mal 100 Leute. Warum bleibt der Erfolg aus?

von
© dpa Bernd Lucke kämpft auf ziemlich verlorenem Posten.

Wenn Hans-Olaf Henkel über seine Abgeordnetentätigkeit sinniert, ist er schnell bei einem Lieblingsthema: Früher, in den neunziger Jahren, hat Angela Merkel noch auf ihn gehört. Er war Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, und sie war Bundesumweltministerin. Oft habe er damals mit ihr geredet und sie auf Reisen begleitet, berichtet Henkel in seinem Straßburger Büro. Logischerweise seien er und die Ministerin nicht immer einer Meinung gewesen. „Aber damals war sie noch vernünftig. Sie hat zugehört.“ Heute hört Merkel ihm nicht mehr zu. Und er versteht sie nicht mehr. Einen „Irrsinn“ nach dem anderen habe die heutige Kanzlerin auf den Weg gebracht, sagt Henkel. Mit der sogenannten Euro-Rettung habe es angefangen, 2011 sei die Energiewende gefolgt, 2015 habe die Kanzlerin eine Flüchtlingspolitik in Gang gesetzt, mit deren Folgen die deutsche Gesellschaft nicht fertig werde. Zudem habe Merkel Deutschland in Europa isoliert und erpressbar gegenüber Griechenland gemacht, weil sie wegen der Sicherung der EU-Außengrenzen auf Ministerpräsident Alexis Tsipras angewiesen sei.

© ALFA – ALLIANZ FÜR FORTSCHRITT UND AUFBRUCH Die Zwei aus Brüssel 1

Henkel ist jetzt nicht mehr Industriepräsident, sondern Politiker. 2014 ist er für die AfD ins Europaparlament gewählt worden. Er war dort nicht lange Mitglied. Im vergangenen Sommer hat er mit vier Fraktionskollegen, unter ihnen Parteichef Bernd Lucke, die AfD verlassen, weil diese immer weiter nach rechts driftete. „Unanständige Leute“ tummelten sich dort heute, sagt Henkel. Er wiederholt sein Diktum vom Herbst, dass mit der AfD ein „richtiges Monster“ geschaffen worden sei. Alle, die die AfD als bürgerliche Alternative zur immer weiter nach links rückenden CDU/CSU mitgegründet hätten, seien jetzt in der Verantwortung, die unappetitlich gewordene Konkurrenz zu bekämpfen.

 
Was machen eigentlich Bernd Lucke und seine neue Partei? Nicht viel. Gar nicht viel.

Dafür haben Lucke und seine Mitstreiter die „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (Alfa) gegründet. Auch Lucke sagt, er hätte sich vor drei Jahren bei der AfD-Gründung nicht vorstellen können, wohin die „Alternative“ rutschen würde. Anders als Henkel will er sich aber an seiner Ex-Partei nicht mehr abarbeiten. „Petry-Bashing“ werte die jetzige AfD-Chefin nur auf, meint er. Luckes Problem ist freilich, dass sich ohnehin niemand dafür interessiert, was er über Frauke Petry oder andere ehemalige Parteifreunde zu sagen hat. Egal wozu sich Lucke und seine Alfa-Kollegen äußern, es stößt auf wenig Widerhall. Lucke kann das nicht verstehen. Er vertrete immer noch dieselben Positionen wie früher, sagt er. Und keineswegs sei Alfa die Ein-Themen- (also Anti-Euro-)Partei, als die sie gelegentlich dargestellt werde. Zur Flüchtlingspolitik habe er schon im Herbst das gesagt, wozu sich die CDU im Landtagswahlkampf allmählich durchringe.

Mehr zum Thema

Das Gravitationszentrum von Alfa liegt in Brüssel und Straßburg. Denn die prominentesten Parteimitglieder sind jene fünf Europaabgeordneten, die im Juli der AfD den Rücken gekehrt haben. Neben Lucke und Henkel sind das der altgediente Euro-Gegner und Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty aus Tübingen, der badische Ministerialrat Bernd Kölmel und Ulrike Trebesius aus Schleswig-Holstein. Noch leben die fünf in Fraktionsgemeinschaft mit den verbliebenen AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch und Marcus Pretzell - vielleicht aber nicht mehr lange. Er könne die beiden nicht mehr sehen, sagt Henkel.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Man muss sich nicht lieben Die AfD kann den Brexit nicht genießen

Der Triumph der EU-Gegner in Großbritannien könnte für Deutschlands Rechtspopulisten Grund zum Jubeln sein. Doch die haben gerade andere Sorgen. Mehr

26.06.2016, 10:37 Uhr | Politik
Berlin Merkel setzt sich für baldige EU-Visafreiheit Georgiens ein

Bei den Gesprächen zwischen Ministerpräsidenten Giorgi Kwirikaschwili und Bundeskanzlerin Angela Merkel standen die Beziehungen zwischen Georgien und der Europäischen Union im Mittelpunkt. Merkel setzt sich für eine baldige vollständige EU-Visafreiheit für Georgien ein. Die Kanzlerin wies darauf hin, dass Georgien dafür alle Kriterien erfüllt habe. Mehr

15.06.2016, 19:05 Uhr | Politik
Unionsklausur Merkel und Seehofer wollen sich vertragen

Nach allem Streit über die Flüchtlingspolitik wollen sich die Kanzlerin und der CSU-Chef wieder zusammenraufen. Mit Blick auf den Brexit mahnen beide Besonnenheit und Reformen in der EU an. Mehr Von Peter Carstens, Potsdam

25.06.2016, 16:28 Uhr | Politik
Petry und Strache AfD und FPÖ gemeinsam auf der Zugspitze

AfD-Chefin Frauke Petry und FPÖ-Parteichef haben sich zu einem gemeinsamen Pressetermin auf Deutschlands höchstem Berg getroffen. AfD und FPÖ, so hieß es, wollen nun gemeinsame Arbeitsgruppen einrichten. Mehr

10.06.2016, 17:46 Uhr | Politik
Angela Merkel Weltpolitikerin

Angela Merkel spricht bisweilen wie eine UN-Generalsekretärin. Ihre Diagnose als Weltpolitikerin ist oft richtig. Aber als Kanzlerin muss sie Lösungen finden. Mehr Von Jasper von Altenbockum

23.06.2016, 06:30 Uhr | Politik

Junckers Verzweiflungstat

Von Werner Mussler

Jean-Claude Juncker hat, mit Verlaub, den Schuss nicht gehört. Es ist Zeit, dass er sich verabschiedet. Mehr 52 621


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --