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Kommentar: Währungsunion Wer vom Euro profitiert

Sollen nun nach jeder Schuldenorgie die deutschen Steuerzahler einspringen? Der Euro würde ein Fass ohne Boden. Mit jeder neuen Hilfe wird es zweifelhafter, ob die Deutschen wirklich Euro-Profiteure sind.

© dpa Vergrößern Münzen in einer Geldbörse: Schon vor Einführung des Euro war Deutschland eine starke Exportnation

Die Deutschen haben den Euro nie geliebt. Nur widerwillig haben sie sich 1999 in das Währungsexperiment gefügt. Nach einer Schönwetterperiode von zehn Jahren ist die Währungsunion in einen Sturm geraten. Sie droht von Schuldenbergen erdrückt zu werden. Es gehe ums Überleben des Euro, sagt der EU-Ratspräsident Van Rompuy, was er nachher wieder relativiert. Die politische Elite tönt im Chor: Wir retten den Euro! „Koste es, was es wolle“, fügte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso schon während des Griechenland-Bail-outs hinzu. Viele Bürger hörten es mit Schrecken.

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In Südeuropa begann eine wilde Party

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Nun ist Irland unter den Schutzschirm geschlüpft; Portugal wird wohl nicht mehr lange warten, Spanien könnte folgen. Schon wird spekuliert, ob der Topf von 750 Milliarden Euro überhaupt ausreicht, um alle möglichen Wackelkandidaten vorläufig zu „retten“. Die Europäische Zentralbank kauft Staatsanleihen, um die Kurse zu stabilisieren und die Risikoaufschläge zu senken. Was vor einem halben Jahr noch als Tabu galt – die Haftungsübernahme für fremde Schulden, indirekte Staatsfinanzierung durch die Notenbank –, das ist nun fast tägliche Notfallübung. In rasendem Tempo hat die Währungsunion ihre Grundprinzipien gebrochen.

Um den Unwillen der Deutschen gegen die Haftung für Schulden anderer zu brechen, fährt die Politik schweres Geschütz auf. Für den Fall eines Ausscheidens aus der Währungsunion werden Schreckensvisionen gemalt – obwohl es durchaus historische Beispiele für das Auflösen von Währungsverbünden gibt, die sich als nicht haltbar erwiesen haben. Maastricht war in seinem Kern kein wirtschaftliches, sondern ein politisches Projekt; die Aufgabe der D-Mark war der Preis, den die Franzosen für die Wiedervereinigung forderten. Ökonomische Argumente für die Vorteilhaftigkeit einer Gemeinschaftswährung wurden nachgeschoben. Die Mehrheit der deutschen und auch viele ausländische Wirtschaftsprofessoren blieben in den neunziger Jahren äußerst skeptisch. Starke und schwache Länder unter ein Währungsdach zu zwängen führt zu Spannungen; dieses Risiko war von Anfang an bekannt.

Um die murrenden Bürger zur Teilnahme an den Rettungsaktionen zu bewegen, heißt es beschwörend aus den Spitzen von Politik und Industrie, Deutschland sei „größter Profiteur“ das Euro gewesen. Für viele einfache Bürger ist das kaum nachvollziehbar. Vor allem die Arbeitnehmer haben das Jahrzehnt nach der Euro-Einführung eher als Zeit der Entbehrungen in Erinnerung. Der Konsum hierzulande stagnierte, während in Südeuropa eine wilde Party begann.

Richtig ist: Die Einheitswährung macht innerhalb des Euro-Raums den Devisenumtausch überflüssig. Für grenzüberschreitend tätige Unternehmen entfiel damit ein Kostenfaktor. Wie hoch die Ersparnis für die deutsche Wirtschaft ist, deren Export zu immerhin mehr als 40 Prozent in den Euro-Raum geht, kann nur geschätzt werden. Sie ist nicht unbeträchtlich. Damit hat die gemeinsame Währung zur noch engeren wirtschaftlichen Verflechtung beigetragen.

Schon vorher eine starke Exportnation

Andererseits hat sich auch der Handel mit Ländern außerhalb des Euro-Raums sehr dynamisch entwickelt. Die aufstrebenden Länder in Osteuropa haben als Absatzmärkte noch stärker an Bedeutung gewonnen als die Euro-Peripherie. Mit Asien machen deutsche Exporteure glänzende Geschäfte – trotz des Währungsrisikos.

Und schon vor Einführung des Euro war Deutschland eine starke Exportnation. Die periodischen Aufwertungen der D-Mark haben die Unternehmen unter Druck gesetzt, noch produktiver zu werden. Langfristig hat dies der deutschen Wirtschaft nicht geschadet, sondern genutzt. Für die Bürger brachte jede Aufwertung unmittelbar einen Wohlfahrtsgewinn, weil Importe und Reisen günstiger wurden. Die Behauptung, ohne den Euro hätte sich Deutschland ökonomisch schlechter entwickelt, erscheint auch mit Blick auf die Schweiz oder Schweden fragwürdig. Diese haben ein höheres Wohlstandsniveau ohne die europäische Währung; ihr Export hat sich ebenso dynamisch entwickelt.

Der Euro wurde regelrecht zur Schuldenfalle

Auch für die Südeuropäer war der Euro ein zweifelhaftes Geschenk. Die steil sinkenden Zinsen brachten ihnen gewaltige Kostenersparnisse, sie verleiteten jedoch auch zu übermäßiger Kreditaufnahme. Der Euro wurde regelrecht zur Schuldenfalle, da die realen Zinsen der Peripherie zeitweilig unter null lagen, hat das Institut für Weltwirtschaft in Kiel festgestellt. Absurd aufgeblähte Bausektoren in Spanien und Irland, zu viel Konsum auf Pump in Griechenland waren die Folgen, die in ökonomischen Crashs endeten, als die Kreditblasen platzten.

Wie die Kritiker stets betont haben, ist der Euro-Raum kein optimaler Währungsraum, weil er zu heterogen ist. Es gibt zu wenig Flexibilität und Faktormobilität. Der einheitliche Leitzins bei divergierenden Konjunkturverläufen bringt die Gefahr wandernder Blasen in der Währungsunion. Sollen dann nach jeder Schuldenorgie die deutschen Steuerzahler einspringen? Der Euro würde ein Fass ohne Boden. Und die Deutschen wären immer schwerer davon zu überzeugen, dass sie „Hauptprofiteur“ des Euro seien.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.12.2010, 09:34 Uhr

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Von Stephan Löwenstein, Wien

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