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Kardinal Peter Turkson „Was Portugal durchmacht, ist für Entwicklungsländer normal“

Kardinal Peter Turkson ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Heute ist er einer der einflussreichsten Männer des Vatikans. Im Interview mit der F.A.Z. ruft er die Krisenstaaten Europas dazu auf, ihre Ansprüche herunterzuschrauben.

© Christoph Schäfer Vergrößern Kardinal Peter Turkson

Papst Franziskus kritisiert eine „unsichtbare Tyrannei der Märkte“ und spricht von einem „neuen Tanz um das goldene Kalb“. Ist das nicht etwas übertrieben?

Er ist mein Vorgesetzter, wie könnte ich ihm widersprechen? (lacht) Aber im Ernst: Natürlich hat der Papst recht. Seit 2008 leben wir nun mit der Finanzkrise, und nichts deutet darauf hin, dass sie bald verschwindet. Vielmehr geht eine Nation nach der anderen in die Knie. Wie lange wollen wir da noch zuschauen?

Wer ist für die Krise ihrer Meinung nach verantwortlich?

Ich will nicht mit dem Finger auf einzelne Banken und Menschen zeigen. Aber es ist doch klar, dass die Finanzkrise keine Naturkatastrophe ist wie etwa ein Tornado. Verantwortlich für diese Krise sind Menschen, die zu kurzsichtig entschieden haben und die zu schnell Profite wollten. Natürlich spielen auch finanztechnische Aspekte eine Rolle, vor allem aber ist die Krise eine menschlich-ethische. Es geht um unzureichende moralische Maßstäbe, vor allem um Gier.

Was schlägt der Vatikan konkret vor?

Man sollte eine Steuer auf Finanzgeschäfte einführen und die Einnahmen daraus den Ländern geben, die Not leiden. Wir sind auch dafür, die Universalbanken aufzuspalten in traditionelle Geschäftsbanken und Investmentbanken. Außerdem sollten Kreditinstitute das billige Geld der Zentralbank nicht parken. Sie müssen es in den Kreislauf einspeisen, damit die Wirtschaft gedeihen kann. Im Moment kommt das Geld nicht da an, wo es gebraucht wird.

Papst Franziskus sagt, durch Verschuldung gehe in vielen Ländern die Bindung an die reale Wirtschaftskraft verloren. Sollte Deutschland Ländern wie Griechenland deshalb die Schulden erlassen?

Der frühere Papst Benedikt XVI. hat in seiner dritten Enzyklika „Caritas in Veritate“ Großzügigkeit als einen möglichen Weg vorgeschlagen, um der Krise Herr zu werden. Wenn Deutschland einem schwächeren Mitglied der Gemeinschaft gegenüber großzügig sein könnte, wäre das im Sinne des alten Papstes und empfehlenswert. Deutschland ist wirtschaftlich bislang nicht eingebrochen. Wenn es auch nach einem Forderungsverzicht mit etwa gleicher Kraft weitermachen könnte, sollte Großzügigkeit nicht zu schwer fallen.

In den Verträgen zur Währungsunion steht, dass kein Land für die Schulden eines anderen verantwortlich ist. Außerdem hat die frühere griechische Regierung Statistiken gefälscht, um in den Euro-Club zu kommen. Viele Deutsche sehen nicht ein, warum sie Griechenland angesichts dieser Vorgeschichte helfen sollten.

Sie wollen die Griechen lieber bestrafen? Tja. Natürlich können sie das machen. Aber wenn sie Griechenland in der Gemeinschaft der Währungsunion halten wollen, wird das nicht helfen, denn Griechenlands industrielle Basis ist schwach.

Die katholische Kirche ist selbst nicht gerade arm. Warum zeigt sich der Vatikan Griechenland gegenüber nicht großzügiger und spendet Geld für den kriselnden Staat?

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Veröffentlicht: 12.07.2013, 16:30 Uhr