Home
http://www.faz.net/-gqe-7b7o0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kardinal Peter Turkson „Was Portugal durchmacht, ist für Entwicklungsländer normal“

Kardinal Peter Turkson ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Heute ist er einer der einflussreichsten Männer des Vatikans. Im Interview mit der F.A.Z. ruft er die Krisenstaaten Europas dazu auf, ihre Ansprüche herunterzuschrauben.

© Christoph Schäfer Kardinal Peter Turkson

Papst Franziskus kritisiert eine „unsichtbare Tyrannei der Märkte“ und spricht von einem „neuen Tanz um das goldene Kalb“. Ist das nicht etwas übertrieben?

Er ist mein Vorgesetzter, wie könnte ich ihm widersprechen? (lacht) Aber im Ernst: Natürlich hat der Papst recht. Seit 2008 leben wir nun mit der Finanzkrise, und nichts deutet darauf hin, dass sie bald verschwindet. Vielmehr geht eine Nation nach der anderen in die Knie. Wie lange wollen wir da noch zuschauen?

Wer ist für die Krise ihrer Meinung nach verantwortlich?

Ich will nicht mit dem Finger auf einzelne Banken und Menschen zeigen. Aber es ist doch klar, dass die Finanzkrise keine Naturkatastrophe ist wie etwa ein Tornado. Verantwortlich für diese Krise sind Menschen, die zu kurzsichtig entschieden haben und die zu schnell Profite wollten. Natürlich spielen auch finanztechnische Aspekte eine Rolle, vor allem aber ist die Krise eine menschlich-ethische. Es geht um unzureichende moralische Maßstäbe, vor allem um Gier.

Was schlägt der Vatikan konkret vor?

Man sollte eine Steuer auf Finanzgeschäfte einführen und die Einnahmen daraus den Ländern geben, die Not leiden. Wir sind auch dafür, die Universalbanken aufzuspalten in traditionelle Geschäftsbanken und Investmentbanken. Außerdem sollten Kreditinstitute das billige Geld der Zentralbank nicht parken. Sie müssen es in den Kreislauf einspeisen, damit die Wirtschaft gedeihen kann. Im Moment kommt das Geld nicht da an, wo es gebraucht wird.

Papst Franziskus sagt, durch Verschuldung gehe in vielen Ländern die Bindung an die reale Wirtschaftskraft verloren. Sollte Deutschland Ländern wie Griechenland deshalb die Schulden erlassen?

Der frühere Papst Benedikt XVI. hat in seiner dritten Enzyklika „Caritas in Veritate“ Großzügigkeit als einen möglichen Weg vorgeschlagen, um der Krise Herr zu werden. Wenn Deutschland einem schwächeren Mitglied der Gemeinschaft gegenüber großzügig sein könnte, wäre das im Sinne des alten Papstes und empfehlenswert. Deutschland ist wirtschaftlich bislang nicht eingebrochen. Wenn es auch nach einem Forderungsverzicht mit etwa gleicher Kraft weitermachen könnte, sollte Großzügigkeit nicht zu schwer fallen.

In den Verträgen zur Währungsunion steht, dass kein Land für die Schulden eines anderen verantwortlich ist. Außerdem hat die frühere griechische Regierung Statistiken gefälscht, um in den Euro-Club zu kommen. Viele Deutsche sehen nicht ein, warum sie Griechenland angesichts dieser Vorgeschichte helfen sollten.

Sie wollen die Griechen lieber bestrafen? Tja. Natürlich können sie das machen. Aber wenn sie Griechenland in der Gemeinschaft der Währungsunion halten wollen, wird das nicht helfen, denn Griechenlands industrielle Basis ist schwach.

Die katholische Kirche ist selbst nicht gerade arm. Warum zeigt sich der Vatikan Griechenland gegenüber nicht großzügiger und spendet Geld für den kriselnden Staat?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neue Papst-Enzyklika Ein Warnschrei für die Schöpfung

In seinem neuen Lehrschreiben Laudato Si fordert Papst Franziskus eine globale ökologische Umkehr. Er spricht sich gegen undifferenzierte genetische Manipulationen aus und ruft dazu auf, den eigenen Körper als Gabe Gottes zu akzeptieren. Mehr Von Jörg Bremer, Rom

18.06.2015, 12:12 Uhr | Politik
Vatikan Papst Franziskus befeuert die Umwelt-Debatte

Die Enzyklika Laudato si, über die Sorge für das gemeinsame Haus sorgt für Kontroversen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, hat erstmals eine Enzyklika in Sachen Umweltschutz herausgebracht. Darin ruft der Papst die Menschen in reichen Ländern dazu auf, ihren Lebensstil zu überdenken. Mehr

18.06.2015, 17:27 Uhr | Politik
Ökologie-Enzyklika Die grünen Wirtschaftsideen des Papstes

An diesem Donnerstag stellt Franziskus seine Ökologie-Enzyklika vor. Der heilige Vater rät darin, auf Luxus und Konsum zu verzichten. Mehr Von Jan Grossarth

18.06.2015, 08:59 Uhr | Wirtschaft
Papst in Bosnien zu Besuch Medjugorje wartet auf ein Wunder

Seit 1981 Jahren berichten Einwohner des südbosnischen Medjugorje immer wieder von Marien-Erscheinungen. Zwar erkennt der Vatikan diese nicht an, dennoch pilgern tausende Gläubige aus aller Welt jährlich dorthin. Dass Papst Franziskus sich jetzt bei seinem Bosnien-Besuch von der Wahrhaftigkeit der Erscheinungen bekehren lässt, ist nicht wahrscheinlich. Mehr

06.06.2015, 12:27 Uhr | Gesellschaft
Papst-Enzyklika Ein ökologisches Manifest

Die neue päpstliche Enzyklika Laudato si ist teils ein klares, kluges und abwägendes Lehrschreiben. Teils aber auch ein moralinsaures Gebräu. Ein Kommentar. Mehr Von Daniel Deckers

18.06.2015, 17:15 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.07.2013, 16:30 Uhr

Eine neue Tarifwelt?

Von Heike Göbel

Bahn und Lokführergewerkschaft haben sich auf einen Tarifvertrag geeinigt. Das ging aber nur mit Hilfe der Schlichter. Ein normaler Tarifkonflikt war das nicht. Mehr 4


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --