Home
http://www.faz.net/-gqu-776ya
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Italien Warten im Teufelskreis

Junge Italiener leben wieder bei ihren Eltern. Unternehmer wissen oft nicht mehr weiter. Die Finanzbehörden arbeiten zunehmend jenseits der Rechtsstaatlichkeit. Die Lage in Italien ist dramatisch - heute wird das Ergebnis der Parlamentswahlen verkündet.

© dapd Vergrößern Ilva-Arbeiter demonstrieren in Rom

Auf dem Mailänder Börsenplatz liegen zehntausend gelbe Helme in Reih und Glied. In Turin gehen Demonstranten rückwärts - „genauso wie Italien“. In Padua hängen Kleinunternehmer Unterhosen auf eine Wäscheleine; und darauf ihr Slogan in großen Lettern: „Ridotti così“ - „So weit hat man uns geschröpft“. Sie machen damit ihrem Ärger über die steigenden Abgaben Luft. Die Stimmung in Italien ist vor der Wahl am vergangenen Sonntag und diesen Montag miserabel bis dramatisch.

Tobias Piller Folgen:

Immer mehr Unternehmer sind an der Grenze ihrer Leidensfähigkeit angekommen. Während in Mailand draußen die gelben Helme liegen, beklagt der Vorsitzende der italienischen Bauwirtschaft im ehemaligen Handelssaal der Börse, dass seit 2008 der Umsatz der Branche um 26 Prozent oder 43 Milliarden Euro geschrumpft sei. 40.000 Unternehmen hätten geschlossen, 360.000 Arbeitsplätze seien verlorengegangen. Alle sprächen über bedrohte Arbeitsplätze im größten italienischen Stahlwerk Ilva in Taranto. Doch sei der reale Rückgang der Beschäftigung in der Bauwirtschaft schon bei umgerechnet 70 Stahlwerken angekommen.

Im Herbst war der Protest der Wirtschaft dagegen noch zahm, als die Unternehmer die Politiker zur Eröffnung der Bootsmesse alleine ließen. Weitaus dramatischer entwickelten sich in den vergangenen Monaten andere Arten von Nachrichten, über diverse Anschläge auf die staatlichen Steuereintreiber von „Equitalia“ und über immer neue Selbstmorde von Unternehmern, die nicht mehr weiterwissen.

Infografik / BIP Haushalt Staatsverschuldung Außenhandel / Italien © F.A.Z. Bilderstrecke 

Das Bruttoinlandsprodukt ist im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent gesunken, und für 2013 ist weiter Rezession in Sicht. Dabei lag die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2012 real schon auf dem Niveau von vor mehr als zehn Jahren. Der private Konsum ist im vergangenen Jahr dramatisch geschrumpft, um mehr als 4 Prozent. Die verfügbaren Realeinkommen sinken seit 2008. Kein Wunder, dass die Zahl der Neuzulassungen von Autos um ein Fünftel gefallen ist, auf das Niveau von 1979. Dieses Jahr wird ein weiterer Niedergang prognostiziert. Bei den Unternehmern sieht es nicht viel besser aus: Die Industrieproduktion liegt immer noch ein Viertel unter den Werten von 2008.

Die Investitionsausgaben sind drastisch gesunken. Die Banken berichten von einer Verdoppelung der faulen Kredite seit Ende 2009, von 59 Milliarden Euro auf nunmehr 125 Milliarden Euro Ende 2012. Italiens Wirtschaft steckt in vielen Teufelskreisen gefangen. Einer trifft Banken und Unternehmen: Bei den prinzipiell stabilen, aber nicht besonders gut mit Eigenkapital ausgestatteten Banken führte der allgemeine Vertrauensverlust gegenüber Italien und den italienischen Staatstiteln zu kritischen Blicken auf das Eigenkapital. Die Institute suchen nun die Bilanzen auch damit zu verbessern, dass sie bestehende Kredite unter die Lupe nehmen.

Unternehmen, denen es dank Exportaufträgen noch bessergeht, berichten von gekündigten Kreditverträgen. Andere, die nur mit Krediten ihr gegenwärtiges Siechtum verlängern könnten, haben so gut wie keine Hoffnung. Die Folge sind noch weniger Investitionen, wachsende Kreditausfälle und depressive Stimmung in wirtschaftlich wichtigen Regionen Norditaliens. Einen weiteren Teufelskreis haben die staatlichen Finanzverwalter in Gang gesetzt: Einerseits wurden die Steuern - Mineralölsteuer, Immobilienabgabe, Mehrwertsteuer - so kräftig erhöht, dass trotz schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr die Staatseinnahmen um 4 Prozent gestiegen sind.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenkrise Athen: Sprechen schon über nächstes Hilfspaket

Der Verhandlungsführer der griechischen Regierung, Euclid Tsakalotos, soll in Brüssel Geld beschaffen. Er spricht von vielen Opfern, meint aber doch nur den Abschied von Forderungen. Mehr Von Tobias Piller, Athen

27.05.2015, 18:50 Uhr | Wirtschaft
Gefängnis in Italien Backen für die Freiheit

Ein Gefängnis in Padua probiert was Neues: Durch eine hauseigene Bäckerei sollen die Insassen besser resozialisiert werden. Mehr

10.12.2014, 16:40 Uhr | Gesellschaft
Kärnten in Finanznot In den griechischen Alpen

In Kärnten grassiert die Angst vor der Pleite. Das liegt an dem Debakel um die Hypo Alpe Adria; sie kostete das Bundesland Milliarden. Doch für die Kärtner steht der Schuldige fest: Die Hauptstadt Wien. Mehr Von Stephan Löwenstein, Klagenfurt

18.05.2015, 07:57 Uhr | Politik
Nach Treffen mit IWF-Chefin Varoufakis verspricht Kredit-Rückzahlung

Der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis hat zugesagt, dass Griechenland alle vereinbarten Auflagen gegenüber seinen Gläubigern unbegrenzt einhalte. Derzeit ringen Gläubiger und die Regierung in Athen um die Auszahlung der letzten Kreditrate des auslaufenden Hilfsprogramms in Höhe von 7,2 Milliarden Euro. Mehr

06.04.2015, 10:26 Uhr | Politik
Wettskandal in Italien Der heimliche Machthaber des Calcio

Reinigungsunternehmer Claudio Lotito hält nach eigener Interpretation auch Italiens Fußball sauber. Nicht nur das Kartellamt sieht die Sache anders. Auch in den kürzlich aufgedeckten Wettskandal soll einer seiner Klubs verwickelt sein. Mehr Von Julius Müller-Meiningen, Rom

21.05.2015, 14:40 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.02.2013, 07:45 Uhr

Umfrage

Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Das System Blatter

Von Holger Steltzner

Fifa-Präsident Joseph Blatter geriert sich als Aufklärer der Affären im Weltfußballverband. Dabei weiß der echte Fußballfan seit langem: In der Fifa stinkt der Fisch vom Kopf. Mehr 5 27


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --