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Veröffentlicht: 18.01.2014, 16:16 Uhr

Goldman-Chefvolkswirt Hatzius „Das größte Risiko für Europa geht von Italien aus“

Jan Hatzius, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, fürchtet die politische Unzuverlässigkeit der Südeuropäer und empfiehlt den Deutschen mehr Inflation.

© Wonge Bergmann Jan Hatzius, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs

Herr Hatzius, was erwartet uns 2014?

Ich bin recht optimistisch, viel optimistischer, als ich es in früheren Jahren gewesen bin. Und wissen Sie, woran das liegt? Die wichtigste Kraft der Weltwirtschaft, die Vereinigten Staaten, kommt endlich wieder in Gang: Wir erwarten, dass die amerikanische Wirtschaftsleistung 2014 um 3,3 Prozent zulegen wird – der stärkste Zuwachs seit der Finanzkrise. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Amerikaner wieder mehr konsumieren. Im vergangenen Jahr stiegen die Steuern um zwei Prozent des verfügbaren Einkommens, solche Erhöhungen drohen 2014 nicht. Und auch Europa kommt langsam wieder auf die Beine: Hier rechnen wir mit einem Plus von 1,1 Prozent – die Zeiten der Rezession im Euroraum sind damit vorbei.

Ihre Zuversicht in Ehren: Aber die Notenbanken halten die Zinsen weiter auf niedrigstem Niveau, obwohl es der Wirtschaft Ihren Worten zufolge bessergeht. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, das sehe ich anders. Das Wirtschaftswachstum in Amerika verbessert sich zwar, aber die Zahl der Beschäftigten ist noch nicht hoch genug. Außerdem liegt die Inflation klar unter der Zielmarke von zwei Prozent, die die amerikanische Notenbank Fed eigentlich anstrebt. Daher ist eine lockere Geldpolitik weiter gerechtfertigt.

In Europa gibt es Stimmen, die sagen, Fed-Präsident Ben Bernanke habe mit dieser Geldpolitik die Saat für die nächste Krise gelegt.

Da bin ich anderer Meinung. Zugegeben, vor Ausbruch der Finanzkrise hat die Fed die Ungleichgewichte an den Immobilienmärkten unterschätzt. Mit den Herausforderungen der Krise ist Bernanke dann aber auf erstklassige Weise umgegangen: Er hat die Zinsen auf einen Wert nahe null Prozent gesenkt, er hat mit dem „Quantitative Easing“ begonnen – also der Politik des Aufkaufs von Staats- und Hypothekenanleihen durch die Notenbank. Das alles war richtig. Ich hätte mir nur eines gewünscht: Dass er die Anleihekäufe noch entschlossener angegangen wäre, also mit höheren Summen auch schon in den Jahren 2010 und 2011. Ich weiß, dass dies in Europa viele anders sehen, aber ich bin überzeugt: Dann wäre der Aufschwung in Amerika stärker ausgefallen, mehr Menschen hätten Arbeit gefunden und der Ausstieg aus dem Kaufprogramm wäre jetzt einfacher. Abgesehen davon, bleibe ich dabei: Seine Bilanz ist positiv.

Löst Janet Yellen genauso viel Begeisterung bei Ihnen aus? Sie übernimmt im Februar Bernankes Posten.

Ich denke, sie wird sehr ähnlich agieren, die beiden kommen aus der gleichen ökonomischen Schule: Beide sind überzeugt davon, dass Geld- und Fiskalpolitik eine wichtige Rolle spielen, um Konjunkturschwankungen auszugleichen. Allerdings wissen sie auch, dass Notenbanken die Inflation mittelfristig auf einem niedrigen und stabilen Wert halten müssen. Vermutlich wird Yellen noch etwas stärker auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt achten als Bernanke.

Was heißt das konkret?

Ich erwarte, dass sie die Anleihekäufe wie bisher unter Bernanke monatlich um zehn Milliarden Dollar reduzieren wird. Gleichzeitig erwarte ich aber auch, dass die erste Zinserhöhung erst Anfang 2016 erfolgt. So lange wird es vermutlich dauern, bis Amerika sich der Vollbeschäftigung annähert und die Inflation wieder in der Nähe von zwei Prozent liegt.

Aber diese Niedrigzinspolitik erzeugt doch irgendwann Blasen an den Finanzmärkten, oder nicht?

Die Notenbanken sollten diese Gefahr zwar nie aus den Augen verlieren, aber derzeit sehe ich sie nicht als sehr groß an. Zugegeben: Die Aktienkurse sind seit der Krise stark gestiegen, und wichtige Bewertungskennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis notieren mittlerweile leicht über ihrem langjährigen Durchschnitt. Aber ein besorgniserregendes Niveau ist das noch nicht. Auch die Bewertungen von Firmenanleihen und Hypothekenpapieren bewegen sich in einem akzeptablen Bereich. Mindestens genauso wichtig ist: Haushalte und Unternehmen nehmen noch immer in recht verhaltenem Maße neue Kredite auf. Auch das ist ein beruhigendes Signal.

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