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Im Gespräch: Ökonom Lars Feld „Frankreich ist ein Wackelkandidat“

Der 45 Jahre alte Lars Feld ist der jüngste Ökonom im Sachverständigenrat der Bundesregierung. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über das gefährdete Rating der Franzosen, die Lasten der Deutschen und den Irrweg der Europäischen Zentralbank.

© Wonge Bergmann Vergrößern „Wenn Frau Merkel aus dem Urlaub zurückkäme, wären die Märkte beunruhigt. Dass Herr Sarkozy zurückkommt, stört sie wenig”, sagt Lars Feld.

Herr Feld, die Aktienmärkte taumeln, die Notenbanken ergreifen Notmaßnahmen. Wie schlimm ist die Lage?

Ich mache mir wenig Sorgen, dass wir vor einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise stehen. Zwar sind viele Industrieländer hoch verschuldet und die Konjunktur schwächt sich ab. Aber ich erwarte nicht, dass jetzt weitere Länder in ähnliche Turbulenzen geraten wie Griechenland oder Portugal. Und wir müssen auch keine große Rezession befürchten.

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Das sieht EZB-Präsident Jean-Claude Trichet aber ganz anders. Er hat gesagt, diese Krise wäre die schlimmste seit dem Ersten Weltkrieg geworden, wenn die EZB nicht so stark eingegriffen hätte.

Trichet muss sich ja auch rechtfertigen. Die Europäische Zentralbank kauft weiter Staatsanleihen auf, das muss er den Menschen erklären. Ich denke aber nicht, dass man die Probleme von Italien und Spanien vergleichen kann mit den Schwierigkeiten, die wir um die Lehman-Pleite herum gehabt haben.

Trichet übertreibt?

Er hat einen besseren Zugang zu den Daten als ich. Er sieht zum Beispiel, ob der Interbankenmarkt austrocknet. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies in diesem Jahr so gravierend ist wie im vergangenen. Denn die Banken stehen wesentlich besser da. Deshalb sehe ich die neuen Maßnahmen der EZB kritisch.

Sie meinen die Ankündigung, nun nach den griechischen auch italienische und spanische Staatsanleihen aufzukaufen.

Ja, Trichet geht damit ein großes Wagnis ein. Die EZB ist viel stärker in der Fiskalpolitik engagiert, als sie es sein dürfte. Sie sollte nach meinem Dafürhalten die Staatsanleihen, die sie schon hält, umtauschen in Rettungsfonds-Anleihen – und ihr Engagement in der Finanzpolitik beenden.

Wieso ist das so wichtig?

Die Zentralbank ist nur für die Preisstabilität zuständig, für sonst nichts. Wenn sie in bestimmten schwierigen Situationen wie etwa während der Finanzkrise mehr tut, dann muss das eine Ausnahme bleiben. Man kann nicht auf Dauer mit dem Ausnahmezustand operieren.

Im Prinzip ist der Anleihenkauf nichts anderes, als wenn die EZB für die italienische und spanische Regierung Geld druckt, oder?

Ich würde es so sagen: Es ist eine Form der Monetisierung der Staatsschuld dieser Länder. Man sorgt dafür, dass Italien und Spanien sich günstiger weiter verschulden können.

Das ist doch wie Gelddrucken! Die Regierungen haben einen finanziellen Vorteil.

Ja, sie haben einen Vorteil. Aber man muss sich fragen, wie lange das anhält. Denn mittlerweile sind für die Zinsaufschläge die Fundamentaldaten der Länder ausschlaggebend. Und wenn die EZB Staatsanleihen aufkauft, dann hilft das zwar eine Zeitlang, aber irgendwann ziehen sich die Anleger trotzdem zurück.

Es bringt also gar nichts?

Die getroffenen Maßnahmen könnten wirkungslos verpuffen. Oder die EZB müsste so massiv in den Markt gehen, wie es die Amerikaner tun. Dann wird in großem Umfang Staatsschuld monetisiert.

Müssen wir uns Sorgen machen, dass das mit Inflation endet?

Die Inflationsgefahren sind in ganz Europa nach oben gegangen. Auch in Deutschland liegen wir über zwei Prozent Inflation, also über dem Ziel, das sich die EZB gesetzt hat. Der Aufkauf von Staatsanleihen kann das Inflationspotential erhöhen, weil sich die Geldmenge aufbläht. Allerdings ist die Bewegung in der Teuerung derzeit nicht so stark, dass ich beunruhigt wäre. Es ist möglich, das Geld, das durch den Staatsanleihenkauf in den Markt kommt, zu sterilisieren.

Wie soll das gehen?

Zum Beispiel, indem die EZB die Zinsen erhöht, wie sie das ja gerade auch getan hat.

Hat die EZB sich nicht längst von der Stabilitätskultur der alten Bundesbank verabschiedet?

Die Situation, die wir jetzt sehen, ist eine echte Nagelprobe für die Notenbank. Und wir werden erst im Nachhinein feststellen können, ob das eine Abkehr von der Stabilitätskultur war oder nicht. Den wiederholten Beschluss, Staatsanleihen zu kaufen, sehe ich dabei kritisch.

In dieser Woche steht auf einmal ein Land im Mittelpunkt der Gerüchte, das als unantastbar galt: Frankreich. Ist das Land bedroht?

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Veröffentlicht: 13.08.2011, 19:00 Uhr