http://www.faz.net/-gqe-74gya
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 20.11.2012, 04:24 Uhr

Hollande unter Druck Frankreich verliert Spitzenrating bei Moody’s

Die Ratingagentur Moody’s entzieht Frankreich die begehrte Topnote „Aaa“. Das Bankensystem des Landes sei zu groß und ebenso die Verflechtung mit der Peripherie des Euroraums, moniert die Agentur.

© dapd Frankreichs Präsident Francois Hollande.

Die amerikanische Ratingagentur Moody’s hat Frankreich die Bonitätsbestnote entzogen und die Kreditwürdigkeit des Landes um eine Note von „Aaa“ auf „Aa1“ gesenkt. Der Ausblick bleibt negativ, damit droht eine weitere Herabstufung.

Die Kreditprüfer begründeten den Schritt am späten Montagabend  damit, dass sich Frankreichs langfristige wirtschaftliche Wachstumsaussichten eingetrübt hätten. Das Land habe an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, teilte Moody’s in Frankfurt mit. Der finanzielle Ausblick sei unsicher. Es sei auch immer weniger berechenbar, wie Frankreich künftige Schocks in der Eurozone verkrafte. Kritik an Frankreich und der neuen französischen Regierung ist auch von anderer Seite geäußert worden, vor allem der Vorwurf, man wisse nicht, wann und wie endlich Reformen angepackt werden.

Das Rating der wichtigsten Länder Interaktiv: Das Rating der wichtigsten Länder © F.A.Z. Interaktiv 

An der Börse wirkte sich die Rating-Herabstufung kaum aus. Französische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit rentierten mit rund zwei Prozent leicht höher, ein Euro kostete rund 1,28 Dollar. „Die Nicht-Reaktion ist durchaus rational, denn in der Eurozone spielen Ratings nur noch eine begrenzte Rolle“, kommentierte Lutz Karpowitz, Devisenfachmann der Commerzbank.

Moscovici: Vorgänger haben versagt

Die sozialistische Regierung in Paris machte ihre konservativen Vorgänger für die Herabstufung verantwortlich. Die Entscheidung von Moody’s reflektiere, dass die Vorgängerregierungen zu wenig für die Haushaltssanierung und die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft getan hätten, kommentierte Finanzminister Pierre Moscovici.

Mehr zum Thema

Die seit Mai amtierende sozialistische Regierung unter dem Staatspräsidenten François Hollande habe hingegen entschlossen Reformen eingeleitet und werde dies auch weiter tun. Die französischen Staatsanleihen gehörten weiterhin zu den sichersten in der Eurozone, teilte Moscovici mit.

Nur noch Fitch bewertet mit Triple-A

Ein schlechteres Rating kann die Geldbeschaffung am Kapitalmarkt verteuern. Moody’s ist dabei nicht die erste Ratingagentur, die sich Frankreich vorknöpft: Wettbewerber Standard & Poor’s hatte bereits im Januar die zweitgrößte Volkswirtschaft des Euroraums  auf die zweitbeste Note (in der S&P-Bewertungsskala  „AA+“) abgewertet. Damit hält lediglich Fitch noch ein sogenanntes Triple-A aufrecht, wenngleich auch hier mit negativem Ausblick.

Die Abwertung wirkt besonders schwer, weil Frankreich zu den größten Volkswirtschaften und Geldgebern Europas gehört. Auch andere Euroländer haben in der Schuldenkrise bereits an Bonität eingebüßt. Deutschland besitzt bei allen drei Ratingagenturen weiterhin ein Spitzenrating; bei Moody’s ist allerdings der Ausblick ebenfalls negativ. Die Bonitätswächter schauen sich den Fortgang der Schuldenkrise sehr genau an.

Moody’s bemängelt zu großes Bankensystem in Frankreich

Moody’s betonte, dass Frankreich immer noch sehr hoch bewertet sei. Die Wirtschaft des Landes sei breit aufgestellt und es gebe einen starken Reformwillen, führte die Ratingagentur auf der Positivseite auf. Auf der Negativseite verbuchte Moody’s dagegen das ihrer Meinung nach übermäßig große Bankensystem und die engen Handelsverflechtungen mit den Problemländern innerhalb der Eurozone.

Auch die deutsche Wirtschaft leidet unter der Krise. Unternehmen werden weniger Waren in den rezessionsgeplagten Euroländern los; die Verunsicherung steigt und Investitionen werden zurückgestellt. All das bremst das Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im dritten Quartal preis-, saison- und kalenderbereinigt nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Wirtschaft war im ersten Quartal noch um 0,5 Prozent gewachsen, im zweiten um 0,3 Prozent.

Quelle: FAZ.NET/dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Herabstufung Erdogan wirft Ratingagentur Türkeifeindlichkeit vor

Nach dem gescheiterten Militärputsch hatte die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit der Türkei herabgestuft. Erdogan ist empört und wirft der Ratingagentur vor, sich auf die Seite der Putschisten geschlagen zu haben. Mehr

23.07.2016, 14:09 Uhr | Wirtschaft
Nach Mord an Priester Hollande empfängt Vertreter der Religionsgemeinschaften

Einen Tag nach dem grausamen Mord an einen katholischen Priester durch Islamisten hat Frankreichs Präsident Francois Hollande ein demonstratives Zeichen religiöser Toleranz gesetzt. Die Bewohner von Saint-Eienne-du-Rouvray stehen unter Schock, viele kannten den getöteten Priester. Mehr

27.07.2016, 16:26 Uhr | Politik
Ökonom Seyfettin Gürsel Wie schlecht geht es der Türkei wirklich?

Einer der führenden türkischen Ökonomen sagt im FAZ.NET-Interview, wie es um die Wirtschaft das Landes steht. Er erklärt, wieso die Türkei von ausländischem Geld abhängt. Und warum eine Finanzkrise unwahrscheinlich ist. Mehr Von Rainer Hermann

27.07.2016, 11:35 Uhr | Wirtschaft
Normandie Trauer und Wut nach Attentat auf Kirche in Frankreich

Nach dem offenbar islamistischen Attentat auf einen Gottesdienst in Saint-Étienne-du-Rouvray, bei dem ein Priester ermordet und eine weitere Person schwer verletzt wurden, zeigen sich die Einwohner dieser kleinen Gemeinde im Norden Frankreichs fassungslos und erschüttert. Mehr

27.07.2016, 22:16 Uhr | Politik
Nordfrankreich Hollande: Angriff in Kirche war schändlicher Terroranschlag

Zwei Bewaffnete haben in einer Kirche in Nordfrankreich Gläubige als Geiseln genommen und einen Priester getötet. Die Polizei erschoss darauf die Geiselnehmer. Der IS bezeichnet die Angreifer als seine Soldaten. Die Polizei nahm einen Mann fest. Mehr

26.07.2016, 16:31 Uhr | Politik

Leeres Gerede

Von Werner Mussler, Brüssel

Die EU-Kommission sieht von Bußgeldern gegen Spanien und Portugal ab. Dieser Schritt ist unter mehreren denkbaren Optionen die mildeste. Schade. Mehr 1 33

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden