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Griechische Wirtschaftsministerin : „Wir müssen der Bürokratie den Krieg erklären“

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„Mit dem Euro gab es zu viel billiges Geld in Griechenland. Doch damit wurde nicht die Exportwirtschaft gestärkt, ganz im Gegenteil. Wir wurden zu einem Land der Verbraucher. Aber das ist nun vorbei.“ Bild: Lüdecke, Matthias

Griechenlands Wirtschaft schrumpft seit vier Jahren, es gibt immer wieder Ausschreitungen. Seit Anfang März leitet die frühere EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou das Wirtschaftsministerium in Athen. Im Gespräch mit der F.A.Z. wird klar: Es gibt nicht viele, die mit ihr tauschen wollen.

          Sind Sie eine Masochistin, Frau Diamantopoulou? Anders ist nicht zu verstehen, warum Sie in diesen Zeiten das Athener Wirtschaftsministerium übernommen haben.

          Das hat mich meine Mutter auch gefragt, als jüngst wieder einmal heftige Streiks waren. Offiziell bin ich für Entwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und Schifffahrt zuständig. Tatsächlich ist es ein sehr schwieriger Job, der mit Schmerzen verbunden ist. Doch für mich ist es eine Aufgabe, eine Mission.

          Hoffentlich keine „mission impossible“.

          Wir müssen es möglich machen.

          Wann erwarten Sie eine Erholung?

          Als erstes brauchen wir eine Stabilisierung. Nach dem freiwilligen Forderungsverzicht der privaten Gläubiger sind die Vorzeichen positiv. Gerade erst hat die Europäische Investitionsbank sich verpflichtet, eine Milliarde Euro für einen Fonds zur Verfügung zu stellen, aus dem kleine und mittlere Unternehmen 1,44 Milliarden Euro an Krediten erhalten sollen. Das zeigt, dass sich etwas verändert, dass Vertrauen zurückkehrt. Doch es geht nicht nur um die Wirtschaft. Wir müssen die Gesellschaft und das gesamte politische System verändern. Jetzt geht es um Stabilisierung, 2013 könnte es dann Zeichen für eine Erholung geben.

          Der Staat muss sparen, die Menschen verdienen weniger, wenn sie überhaupt noch Arbeit haben, und die Unternehmen haben Probleme, Kredite für Investitionen zu bekommen. Wo soll das Wachstum herkommen?

          Es ist wahr, wir erleben eine Art Katastrophe. Seit vier Jahren schrumpft die Wirtschaft. Man kann es mit einem Krieg vergleichen. Es ist nicht das erste Mal in unserer Geschichte, dass wir so etwas erleben, und wir werden es überleben.

          Noch einmal, wo soll das Wachstum herkommen?

          Wir haben unausgeschöpfte Potentiale, wir haben Bereiche, wo wir durchaus Wettbewerbsvorteile haben. Dazu gehört die Landwirtschaft, wo viele junge Leute wieder eingestiegen sind. Dazu gehört der Abbau von Rohstoffen, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde eine Mine wieder in Betrieb genommen. Dazu gehört natürlich auch der Tourismus, wo es noch viele Möglichkeiten gibt. Ein weiteres Zukunftsfeld heißt Forschung und Innovation. Das Geld, das wir für Investitionen in diesen vier Bereichen brauchen, kommt nicht zuletzt von der Europäischen Union. Wir vermuten, dass wir von dort in den nächsten drei Jahren 16 Milliarden Euro aufnehmen können.

          Seit dem Beitritt zur Europäischen Union hat Griechenland gewiss 100 Milliarden Euro aus Brüssel erhalten, ohne dass es richtig viel gebracht hätte. Helfen noch mehr Subventionen für die Landwirtschaft und Mittel für Autobahnen wirklich weiter?

          Es gab Missmanagement, aber das ist nicht der Kern unserer Probleme. Mit dem Euro gab es zu viel billiges Geld in Griechenland. Doch damit wurde nicht die Exportwirtschaft gestärkt, ganz im Gegenteil. Wir wurden zu einem Land der Verbraucher. Aber das ist nun vorbei.

          Ökonomen schätzen, dass die Löhne in Ihrem Land um 30 oder sogar 50 Prozent zu hoch sind.

          Verglichen mit dem Jahr 2009 sind sie im öffentlichen Sektor um 30 Prozent und in der privaten Wirtschaft um 23 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig haben im Staatsdienst 130.000 Menschen ihre Arbeit verloren. In der privaten Wirtschaft sind 400.000 Stellen gestrichen worden. Für ein so kleines Land wie Griechenland ist das wirklich viel.

          Aber reicht das, beispielsweise um den Schiffbau nach Griechenland zurückzuholen?

          Nein, der ist seit Jahrzehnten weg und wird auch nicht mehr zurückkommen.

          Vor wenigen Wochen wies der tschechische Ministerpräsident Petr Necas im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darauf hin, dass der Mindestlohn in seinem Land mit 320 Euro deutlich niedriger ist als in Griechenland, wo er 750 Euro betrage, obwohl beide Länder ungefähr wirtschaftlich gleich stark seien.

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