http://www.faz.net/-gqu-85not

Kommentar : Abrechnung auf Twitter

Paul Krugman (rechts) berät Alexis Tsipras Bild: dpa

Twitter-Nutzer und amerikanische Ökonomen ziehen über die deutsche Regierung her. Jetzt hagelt es sogar Boykott-Aufrufe. Dafür gibt es zwei Gründe.

          Nachmittags, so gegen 15 Uhr, ändert sich die Stimmung auf Twitter. Wenn Amerika aufwacht, wird Griechenland zum Thema. Dann rechnen die Amerikaner mit der Rettungspolitik Europas ab, mit den Reformauflagen und der Ablehnung des Schuldenschnitts. Jeder Tweet ein Nadelstich, alle zusammen bilden eine Phalanx der Spitzen. Je weiter sich die Situation in Griechenland zuspitzt, umso breiter wird die Phalanx. Am Dienstagmorgen wurde der Boykottaufruf gegen deutsche Produkte zum Trend.

          Geht es nach der öffentlichen Diskussion auf Twitter, dann hatten die Regierungschefs beim Gipfel überhaupt keinen Grund für ihr Verhalten, außer vielleicht einer irrationalen deutschen Regelgläubigkeit.

          Die Munition stammt von amerikanischen Ökonomen. Paul Krugman beschwert sich in seinem Blog über Deutschland, Joseph Stiglitz schreibt Aufrufe, und manche mischen direkt mit. „Die Eurozone ist ein verrücktes Haus: inkohärent, inkompetent und grausam“, twitterte Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs, ein Held der Linken, am Sonntag während der Verhandlungen.

          Der Widerspruch verstummt - warum?

          Widerspruch gibt es kaum. Dabei sind Amerikas Ökonomen und ihre Ratschläge längst nicht über jeden Zweifel erhaben. Joseph Stiglitz beispielsweise applaudierte laut der Wirtschaftspolitik Venezuelas, das jetzt mit einer Hyperinflation kämpft.

          Der Vergleich zwischen Venezuela und Griechenland mag hinken, allein: Darüber wird überhaupt nicht diskutiert. Nach und nach verstummen die Verteidiger von Europas Politik, am Montagabend während des Gipfels war kaum noch einer übrig. Es bleibt eine große Verständnislücke – und vielleicht eine große Fehleinschätzung. Psychologen wissen seit Jahrzehnten: Wo der Widerspruch wegfällt, regiert der so genannte „Groupthink“, und der ist meistens falsch.

          Woher kommt das? Diese Einstimmigkeit hat zwei Gründe.

          Die oft beschworene „Filterblase“ in sozialen Netzwerken gehört nicht dazu – schon längst ist etabliert, dass die Nutzer von sozialen Netzwerken normalerweise eher gegensätzlichen Meinungen ausgesetzt sind als Blog-Leser. Woran liegt es dann?

          Sprachprobleme und Schweigespirale

          Alles fängt damit an, dass die Verfechter von Reformauflagen selten in englischer Sprache schreiben. Von den Amerikanern werden nur ein paar Argumente wahrgenommen, die eine Handvoll deutscher Ökonomen und Publizisten gelegentlich als Gastbeitrag in einem angelsächsischen Medium unterbringen.

          Danach greift ein altbekanntes Phänomen: die sogenannte „Schweigespirale“. Sie geht so: Wer sich mit seiner Meinung in der Minderheit fühlt, der verstummt eher. Immer mehr Leute verstummen, und es entsteht der Eindruck, alle seien einer Meinung. Dieses Phänomen gilt im Internet ebenso wie offline, das ist nachgewiesen.

          Doch es bleibt nicht auf Amerika beschränkt. Gerade die intelligenten und kosmopolitischen Europäer verstehen die englischen Beiträge, die Blogs und die Tweets. Viele von ihnen fallen der Schweigespirale ebenfalls anheim. So kommt es, dass die Amerikaner die Europäer nicht verstehen. Und die Europäer selbst einander auch nicht.

          Die aktuellsten Entwicklungen finden Sie immer in unserem Live-Blog.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          55 Jahre Élysée-Vertrag

          Der Tag : 55 Jahre Élysée-Vertrag

          Parlamente feiern 55 Jahre Élysée-Vertrag. SPD und Union bereiten Koalitionsverhandlungen vor. Die Euro-Finanzminister beraten über griechisches Reformprogramm. Der Gläubigerausschuss berät im Insolvenzverfahren zur Fluglinie Niki.

          Die Bahn rollt wieder an

          Der Tag : Die Bahn rollt wieder an

          Kanzlerin Merkel trifft Frankreichs Staatschef Macron. Der Bundestag berät über den Familiennachzug. Die Agrarmesse Grüne Woche beginnt. Thyssen Krupp vor turbulentem Aktionärstreffen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Studie von Oxfam : Jeden zweiten Tag ein neuer Milliardär

          Der neuen Oxfam-Studie zufolge ist die extreme Ungleichheit von Reichen und Armen immer noch „katastrophal“. Doch die Methoden der Organisation geraten immer wieder in Kritik.
          Wie erobert man das Reich der Mitte?

          FAZ Plus Artikel: Blick nach China : Was ist los bei C&A?

          Der Modehändler steht in Europa unter Druck. Für Ausgleich müssen die schnelle Expansion in China und der Aufbau des Digitalgeschäfts sorgen – aber ohne fremde Hilfe ist das kaum zu schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.