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Schuldenkrise : Wirtschaftsweise: „Grexit“ könnte Euroraum stärken

Schnee in Athen Bild: dpa

Vier deutsche „Wirtschaftsweise“ warnen die Griechen vor fatalen Fehlern im Schuldenstreit. Athen irre sich, wenn es glaube, dass Griechenland unverzichtbar sei für die Währungsunion.

          Ein Euro-Ausscheiden Griechenlands, der Grexit, würde den Währungsraum nicht zwingend schwächen, sondern könnte ihn stärken, sagen vier deutsche „Wirtschaftsweise“. „In der aktuellen Situation könnte ein Grexit – letztlich unbeabsichtigt – sogar das Gegenteil bewirken. Er könnte die Glaubwürdigkeit des heutigen institutionellen Rahmenwerks stärken und so die Integrität des Euro-Raums festigen, statt  außerhalb Griechenlands Chaos auszulösen“ schreiben die Mitglieder des deutschen Sachverständigenrats Lars Feld, Christoph Schmidt, Isabel Schnabel und Volker Wieland sowie der Generalsekretär des Rates, Benjamin Weigert. Ihr Beitrag ist unten in voller Länge publiziert.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Ihre Warnung ist eindeutig: „Griechenland hat eine Regierung gewählt, deren Handlungen die Situation deutlich zu verschlimmern drohen“, schreiben sie. Die griechische Regierung habe eine „fehlerhafte Analyse der wirtschaftspolitischen Alternativen und eine falsche Einschätzung der internationalen Verhandlungssituation.“

          Animation : Was bedeutet eigentlich "Grexit"?

          Die vier Wirtschaftsprofessoren wenden sich gegen die Aussage vieler Politiker in der südeuropäischen Peripherie, dass die „Austeritätspolitik“ in Griechenland gescheitert sei. Es habe in der vor fünf Jahren in Griechenland ausgebrochenen Haushalts- und Finanzkrise keine andere Möglichkeit bestanden als eine harte fiskalische Konsolidierung. Das wirtschaftliche Gesamtbild in Griechenland sei damals „katastrophal“ gewesen – und nicht etwa die Sparpolitik habe es katastrophal gemacht. Die Wirtschaftsweisen warnen vor einer Abkehr des Kurses, der Konsolidierungspolitik mit Strukturreformen verknüpft. Wenn die anderen Euro-Regierungen dies in den Verhandlungen mit Griechenland zuließen, drohe eine politische Radikalisierung in anderen Krisenländern. Populistische Parteien würden dann vermeintlich einfache Wege aus der Krise und Scheinlösungen fordern. Dies wäre fatal für den Euroraum.


          Hier der Beitrag in volle Länge:

          Griechenland: Makroökonomische Anpassung unvermeidlich


          Von Lars P. Feld, Christoph M. Schmidt, Isabel Schnabel, Benjamin Weigert  und Volker Wieland


          „Die Austeritätspolitik ist gescheitert“ – so lautet das Mantra vieler Kommentatoren in Politik und Medien in Europa, am deutlichsten hörbar im angelsächsischen Raum und in südlichen Teilen des Euro-Raums (etwa Stiglitz (2015) und Wolf (2013)). Dieses Mantra nutzt die neu gewählte griechische Regierung, um die Konditionen für das zweite Rettungspaket vom Jahr 2012 mit den Euro-Partnern neu zu verhandeln. Doch dieses Mantra ist sachlich falsch und ignoriert gerade im Falle Griechenlands die eigentlichen Ursachen der Krise.

          Griechenland befand sich am Ende des Jahres 2009 in einer Situation, in der die fiskalische Konsolidierung unausweichlich war und Bestandteil jeder realistischen Politikoption gewesen sein musste. Im Oktober 2009 verdoppelte die damals neu gewählte griechische Regierung die Prognose für das laufende Budgetdefizit, eine Ankündigung, die starke Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten auslöste. Insgesamt offenbarte sich ein katastrophales gesamtwirtschaftliches Bild: Nach Jahren disziplinloser Finanzpolitik lag das griechische Budgetdefizit bei 15 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und das Primärdefizit (ohne Berücksichtigung der Zinsaufwendungen) bei 10 %. Die Schuldenstandsquote belief sich auf 127 %, das Leistungsbilanzdefizit lag bei 10 % und die Netto-Auslandsverschuldung erreichte 87 % des BIP.

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