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Referendum in Griechenland : Eine Wahl zwischen Cholera und Pest

  • -Aktualisiert am

Kapitulation und Erniedrigung oder Ehre und Würde: Die Abstimmung ist emotional aufgeladen, die Gesellschaft gespalten. Bild: Getty

Hinter dem ideologisch aufgeladenen Referendum in Griechenland verbirgt sich ein Strategiewechsel der Regierungspartei. Die Bürger schwanken zwischen Frust, Verzweiflung und Angst. Egal, wie sie entscheiden – es droht eine Katastrophe.

          Da ist er nun, der letzte – oder vielleicht doch erst vorvorletzte – Showdown. Nicht von Angela Merkel wurde er herbeigeführt, nicht von der Eurogruppe und nicht von der Europäischen Kommission. Syriza selbst bläst zum letzten Sturm im nationalen Kampf um „Würde, Ehre und Demokratie“. In einer nächtlichen Fernsehansprache forderte Regierungschef Alexis Tsipras das Volk auf, „souverän und stolz“ über das letzte Angebot der Geldgeber abzustimmen, obgleich es längst vom Tisch ist. Das Volk solle die richtige Entscheidung treffen. „Für uns, für die kommenden Generationen, für die Geschichte der Griechen. Für die Souveränität und die Würde unseres Volkes.“ Mit seiner Rhetorik gab Tsipras die Marschrichtung vor: OXI, nein, zum Angebot der Geldgeber. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. In Griechenland, in ganz Europa.

          Die Bürger sind jetzt am Zug, sie wurden unter Zugzwang gesetzt. Und was sagen sie? Viele wollen kein Referendum. Sie fühlen sich überfordert, wollen die Last der Verantwortung nicht tragen, scheuen sich, eine Entscheidung zu treffen, die die Zukunft des Landes über Jahrzehnte hinweg bestimmen könnte. „Wozu haben wir einen Ministerpräsidenten gewählt?“, fragen sie. „Wie sollen wir das entscheiden? Welche Konsequenzen wird die Befragung haben?“ Die Abstimmung sei ein politisches Manöver, eine Waffe, von der Regierung für ihre Zwecke eingesetzt. Opfer seien die Bürger. Zu Recht fragen viele, warum Syriza sich in der allerletzten Nanosekunde für ein Referendum entschied. Warum nicht drei Monate früher? Andere wiederum freuen sich über das Referendum. Endlich werden sie nach ihrer Meinung gefragt, endlich können sie ihren Ärger über die Gläubiger artikulieren. Für sie ist das Referendum die aktive Teilnahme an den Verhandlungen. Es ist der Weg in die nationale Freiheit und Unabhängigkeit. Das Referendum ist die Sternstunde der Demokratie.

          Abstimmung auf wackligen Beinen

          Überall wird es sichtbar, das Land ist tief gespalten in zwei Lager – in die Ja- und Nein-Sager. Ein sachlicher Austausch zwischen ihnen? Findet nicht statt. Ruhige Stimmen der Vernunft sind spärlich gesät. Kapitulation und Erniedrigung oder Ehre und Würde, lautet ein Slogan der Neinsager. Ihr Nein erinnert an die historische Weigerung des griechischen Diktators Metaxas, der den Italienern 1940 den Einmarsch in Griechenland verweigerte. Seitdem feiern die Griechen den OXI-Tag. Wer am Sonntag für ein Ja stimmt, wird in den Ruch der Kollaboration gebracht. Die Jasager dagegen werben für ein europäisches Griechenland, trotz harter Auflagen. Europa ist ihre Heimat. Mitglied der EU zu sein ist für sie eine Errungenschaft, die sie nicht wegwerfen wollen. Schon immer war das Land gespalten. In Königstreue und Königsgegner, in Europabefürworter und Europagegner, in Ost und West.

          Die Abstimmung steht auf wackligen Beinen, auch weil die Vorbereitungszeit knapp ist und die Sachlage viel zu kompliziert. Darüber hinaus ist das Thema, wie so oft in Griechenland, völlig emotionalisiert. Bei den Politikern, in den Parteien, den Medien und natürlich bei den Menschen. Eine Bauchentscheidung droht die Zukunft des Landes zu bestimmen. Die Gefühle der Menschen schwanken zwischen Frust, Ärger, Wut, Verzweiflung, Ratlosigkeit, Unsicherheit und Angst. Viele fühlen sich von der EU und Deutschland gedemütigt, sie sind in ihrem Stolz verletzt. Andere haben schlichtweg Angst, den Euro zu verlieren und die EU zu verlassen. Je tiefer die Krise, desto unversöhnlicher stehen sich die Haltungen gegenüber. Die Stimmung ist völlig aufgeheizt. Geschlossene Banken und Schlangen vor Bankautomaten und Tankstellen verschärfen die Situation. Rentner fühlen sich an ihre Kindheit erinnert, an die Zustände im und nach dem Krieg.

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