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Reparationen für Griechenland : Die Rede des Alexis Tsipras

  • Aktualisiert am

Alexis Tsipras bei seiner Rede im griechischen Parlament Bild: dpa

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras will Reparationen für den Zweiten Weltkrieg - und er wirft Deutschland „juristische Tricks“ vor. FAZ.NET dokumentiert die wichtigsten Teile seiner Ansprache im Parlament.

          Sehr geehrte Präsidentin,
          sehr geehrte Abgeordnete,

          ich ergreife heute bei dieser historischen Zusammenkunft nicht allein aus symbolischem, sondern aus grundsätzlichem Anlass das Wort. Allem voran, um den Opfern des Zweiten Weltkriegs Tribut zu zollen. Aber auch, um die Kämpfer und Kämpferinnen aus aller Welt zu ehren, die für die Freiheit ihrer Heimatländer ihr Leben gelassen haben. (...) Und um die Kämpfer des griechischen Widerstands zu ehren, die ihr Leben ließen, um unser Land von der nationalsozialistischen Besatzung und ihren Gräueltaten zu befreien – damit unser Land heute frei und unabhängig ist.

          Manche sagen uns: Warum beschäftigt ihr euch mit der Vergangenheit? Schaut in die Zukunft! Aber welches Land, welches Volk kann schon eine Zukunft haben, wenn es nicht an seine Geschichte und seine Kämpfe erinnert? (...)

          Die Generation des griechischen Widerstands unter der Besatzung lebt noch. Die kollektive Erinnerung unseres Volkes an die Bilder und Geräusche der Gräueltaten und Exekutionen von Distomo, Kaisariani, Kalavryta und Viano ist gegenwärtig. Ebenso die kollektive Erinnerung an die Verbrechen und die Zerstörung, die das Dritte Reich über Griechenland und über ganz Europa gebracht hat. (...)

          „Wenn Respekt durch Intoleranz ersetzt wird, herrschen Krieg und Dunkelheit“

          Wir haben die Pflicht – historisch, politisch und moralisch – diese Erinnerungen wach zu halten. Nicht, um das Misstrauen und den Hass zwischen den Völkern zu bewahren, sondern um daran zu erinnern, was Nazismus und Faschismus bedeuten. Um daran zu erinnern, was passiert, wenn Solidarität, Freundschaft, Kooperation und Dialog zwischen den Völkern die Form der Überlegenheit und des historischen Schicksals annehmen. Wenn Respekt durch Intoleranz ersetzt wird – sowohl moralisch als auch sozial – dann herrschen Krieg und Dunkelheit. (...)

          Wir dürfen nicht vergessen, dass auch das deutsche Volk unter den Gräueltaten der Nazis gelitten hat. Und dass der Nationalsozialismus sich durchsetzte, weil das deutsche Volk zuvor gedemütigt worden war. Das ist natürlich keine Rechtfertigung, aber eine Erklärung. (...)

          Die Völker Europas und ihre Anführer sind verpflichtet, sich an die jüngere europäische Geschichte zu erinnern und Schlussfolgerungen zu ziehen. Denn Europa soll und darf heute nicht dieselben Fehler machen. (...)

          „Rechtliche Tricks“

          Tatsächlich war der Zweite Weltkrieg eine Lehre. Trotz der Verbrechen des Dritten Reichs, trotz der Horden Hitlers, die die Welt in Schutt und Asche gelegt hatten, trotz des absolut Bösen des Holocaust wurde Deutschland – zu Recht – von einer Reihe von Maßnahmen gestützt. Zu den wichtigsten zählen der Erlass der Schulden des Ersten Weltkrieges mit dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 und natürlich die enormen Summen, mit denen die Alliierten den Wiederaufbau des Landes finanzierten.

          Das Londoner Abkommen hält jedoch gleichzeitig fest, dass die Frage der von Deutschland zu zahlenden Reparationen für den Zweiten Weltkrieg offen bleibt und mit einem abschließenden Friedensabkommen geregelt werden muss. Dieses Friedensabkommen wurde wegen der Teilung Deutschlands erst 1990 unterzeichnet.

          Die Wiedervereinigung Deutschlands schaffte die notwendige rechtliche und politische Grundlage für die Lösung der Frage – aber seither und bis heute haben deutsche Regierungen dazu geschwiegen, haben rechtliche Tricks angewandt, die Frage aufgeschoben und vertagt. Und so frage ich mich, meine Damen und Herren: Ist diese Haltung wirklich moralisch?

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