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Londoner Abkommen : Die vergessene Klausel beim Schuldenerlass

  • -Aktualisiert am

Der moderne europäische Schuldenberg Bild: Peter von Tresckow

Im Londoner Abkommen 1953 wurde der Bundesrepublik ein Großteil ihrer Schulden erlassen. Doch entscheidend war eine spezielle Tilgungsklausel. Die heutige Debatte über Griechenland ist daher irreführend.

          Wenn in den vergangenen Tagen und Wochen die vermeintlich harte Verhandlungsführung der deutschen Akteure in der „Griechenland Rettung“ gescholten wurde, war der Hinweis auf die großzügige Niederschlagung der deutschen Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg oft schnell bei der Hand. Damals seien der jungen, vom Krieg gezeichneten Bundesrepublik durch eine wohlwollende internationale Gläubigergemeinschaft und insbesondere von den Vereinigten Staaten ihre Auslandsschulden erlassen worden, so dass die Bundesrepublik faktisch ohne Belastungen in die Nachkriegszeit starten konnte, so heißt es. Die historische Unkenntnis, die selbst bei ansonsten klugen Kommentatoren der Griechenland-Krise in diesem Zusammenhang durchscheint, lässt vermuten, dass es sich wohl eher um ein strategisches Argument handelt, das hier historisch untermauert werden soll. Bei besserer Kenntnis der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte würden die Kommentatoren andere Schlüsse ziehen.

          Auf der Londoner Schuldenkonferenz 1952 und 1953 wurde einerseits über die deutschen Vorkriegsschulden und andererseits über die Rückzahlung der amerikanischen Marshallplan-Hilfen verhandelt. Bei den Vorkriegsschulden handelte es sich zum einen um staatliche Schulden, die zum Teil auf die Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgingen, und zum anderen um privatwirtschaftliche Schulden, die aufgrund der Devisenbewirtschaftung ebenfalls nicht bedient worden waren. In den Vorverhandlungen ging es zunächst darum, den Barwert dieser Verschuldung festzustellen, wobei alliierte Demontagen und beschlagnahmtes deutsches Auslandsvermögen mit einzurechnen waren. Die größte Schwierigkeit lag aber darin, einen geeigneten Maßstab für die Umrechnung der in älteren Währungen aufgenommenen Schulden zu finden.

          Fünfzigprozentiger Schuldenschnitt für Deutschland

          Die Festsetzung auf 13,5 Milliarden D-Mark Vorkriegsschulden und 16,2 Milliarden D-Mark Nachkriegsschulden ist als sehr großes Entgegenkommen der Gläubiger zu werten, und tatsächlich waren die Vereinigten Staaten hierbei die treibende Kraft. Immerhin hatten die Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg einmal 132 Milliarden Goldmark betragen. Der tatsächliche circa fünfzigprozentige Schuldenschnitt, der dann in den Verhandlungen 1952 erzielt wurde, stellte daher gegenüber den Entlastungen durch die Bewertung der Ausgangssumme nur noch eine Kleinigkeit dar. Die danach verbleibende Schuldsumme von gut 14 Milliarden D-Mark entsprach etwa einem Zehntel des westdeutschen Bruttosozialprodukts von 1953. Dieser Betrag ist aber nach einer vereinbarten fünfjährigen Schonfrist ab 1958 vollständig durch den bundesdeutschen Staat und die westdeutsche Privatwirtschaft getilgt worden.

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          Insgesamt – so eine Berechnung der Bundesregierung im Jahr 1991 – habe die Bundesregierung 100 Milliarden D-Mark in Abwicklung des Londoner Schuldenabkommens und anderer Verträge gezahlt. Hierzu gehörten die im Luxemburger Abkommen zeitgleich geschlossenen Vereinbarungen mit Israel und Sonderregelungen mit der Schweiz, die als eines der wenigen Länder auch die Clearing-Schulden des Deutschen Reiches größtenteils zurückerhielt. Von einem totalen Schuldenerlass nach dem Zweiten Weltkrieg kann also nicht die Rede sein.

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