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Veröffentlicht: 10.07.2015, 14:34 Uhr

Griechische Demokratie Am Scheideweg

Griechenland wurde in die Moderne katapultiert und ist dort nie ganz angekommen. Der Staat und Europa sind verhasst, deren Milliardenspritzen werden aber nur zu gern verprasst. Nun liegt die große Rechnung vor.

von Richard Fraunberger
© dpa Bauern-Demokratie: Viele Griechen haben den Widerstand verinnerlicht.

Als er das Podest betrat, brach stürmischer Jubel aus. Nur noch ein tausendfaches, rhythmisches „Ochi“ war zu hören. Alexis Tsipras, Ministerpräsident Griechenlands, hatte alle Mühe, gegen die donnernde Brandung zu seinen Füßen anzureden. „Heute feiern wir den Sieg der Demokratie“, rief er den gut 20.000 Menschen zu, die sich zwei Tage vor dem Referendum am Syntagma-Platz versammelt hatten, um ihn und seine Politik zu unterstützen.

„Ja zu einem Europa der Bürger und Nein zur Austeritätspolitik“, rief Tsipras der Menge zu. Europa dürfe nicht in den Händen derer bleiben, die seine demokratische Tradition ersticken wollten. Nicht um Griechenlands Verbleib in Europa gehe es, sondern um die Frage, ob man in Würde in Europa bleiben wolle.

Es war eine Rede, ganz in der Tradition der großen Politiker Griechenlands. Eine Rede, die die Herzen der Menschen vor Freude zerspringen ließ. Es ging viel um Stolz, Würde, Mut, Freiheit und den Kampf um die Demokratie. „Heut blickt die ganze Welt auf unser Vaterland.“ Tsipras zog alle Register.

Keine Volksabstimmung am Bankautomat

Das Referendum endete mit einer klaren Botschaft an Griechenlands Geldgeber und an die EU. 61 Prozent stimmten gegen die zuletzt vorgeschlagenen Sparauflagen, 38 Prozent dafür. Noch einen Tag zuvor sah es so aus, als lägen beide Lager gleichauf. Die Banken waren schon geschlossen, vor Geldautomaten bildeten sich Schlangen. Höchstens 60 Euro konnten die Bürger abheben. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise hatten die Menschen eine Vorahnung davon, wie es sein könnte, wenn eines Tages nichts mehr aus dem Automaten kommt.

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Das Referendum habe längst stattgefunden, glaubten viele Kommentatoren in Deutschland. Jede Bargeldabhebung sei ein Misstrauensvotum gegen Tsipras. Ein Missverständnis. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker trat vor die Presse. Er fühle sich von der griechischen Regierung verraten, erklärte er mit zitternder Stimme. Was für ein Missverständnis. Auch Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, ließ nicht ab: Tsipras solle seinem Volk empfehlen, im Referendum für das Angebot der Geldgeber zu stimmen. Auch das ein himmelschreiendes Missverständnis!

Die Psyche einer Gesellschaft

Nun ist das Referendum vorüber, und Griechenlands tönerne Füße zerbröseln täglich mehr. Es taumelt, droht ins Neolithikum abzustürzen. Niemand weiß, was die nächsten Tage bringen werden. Es geht längst nicht mehr allein um Zahlen, Analysen und die Psyche einer Gruppe Politiker, die das Schicksal des Landes in ihren Händen hält.

Es geht um die Psyche einer ganzen Gesellschaft. Warum erinnert Griechenland an ein kleines gallisches Dorf, das sich gegen das römische Imperium wehrt, ja dagegen aufbegehrt? Was unterscheidet Griechenland von den anderen Krisenländern der Eurozone? Ist die Wiege Europas zugleich Europas Sonderfall? Wie tickt dieses kleine Land am südöstlichen Zipfel des Kontinents? Und wie konnte es dazu kommen, dass das Referendum so klar ausfiel?

Alexis Tsipras, Meister emotionaler Reden, ganz im Stil des alten Andreas Papandreou, des Gründers der Pasok, ist, was Griechen „pedi tou komatikou solina“ nennen. Frei übersetzt: ein Politiker aus dem Reagenzglas, aufgewachsen in der Obhut der Partei. Ideologie ernährte ihn, Genossen pflegten ihn, kurz, er ist losgelöst vom irdischen Dasein.

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