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Griechenland-Krise : Deutsches Verlustrisiko beträgt rund 90 Milliarden Euro

Auch in der EZB steckt ein - umstrittenes - Verlustrisiko. Bild: Reuters

Wenn Griechenland pleitegeht, könnte Deutschland rund 87 Milliarden Euro verlieren. Aber nur, wenn Griechenland im Euro bleibt.

          Mit der Verschärfung der Griechenland-Krise stellt sich die Frage, wie die Verluste der einzelnen Länder im Falle eines griechischen Staatsbankrotts und eines Konkurses der griechischen Geschäftsbanken einzuschätzen wären. Eine solche Rechnung hat vor wenigen Wochen der Präsident des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, mit Verweis auf die Zahlen von Ende März 2015 veröffentlicht.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Seitdem hat sich das Volumen der Ela-Kredite der Europäischen Zentralbank (EZB) von 69 auf 90 Milliarden Euro erhöht. Dadurch vergrößert sich auch das deutsche Verlustrisiko wie auch das Verlustrisiko der anderen Eurogläubigerstaaten, aber an den groben Größenverhältnissen ändert sich nicht allzu viel.

          Sinn hat in dieser Rechnung einen maximalen Verlust für Deutschland in Höhe von 87 Milliarden Euro errechnet. Die größten Positionen sind deutsche Forderungen gegenüber dem Rettungsfonds ESFS (38,1 Milliarden Euro), Forderungen aus dem Zahlungsverkehr (Target) und aus einer überdurchschnittlich hohen Banknotenausgabe in Griechenland (29,1 Milliarden Euro) sowie Forderungen aus anderen Rettungspaketen der Euroländer (15,2 Milliarden Euro). Aus den EZB-Käufen griechischer Staatsanleihen ergibt sich ein Verlustrisiko von 4,5 Milliarden Euro.

          Die fiskalischen Risiken aus dem Ausfall von Krediten sind leicht nachvollziehbar. Sinn befasst sich in seiner Untersuchung auch mit den Verlustrisiken, die aus einem eventuellen Konkurs der griechischen Geschäftsbanken über die EZB anfallen könnten: „Vielmehr werden bei einem Staatskonkurs ohne weitere Stützungsmaßnahmen auch die griechischen Banken in Konkurs gehen, weil sie viele Staatspapiere halten und viele Kredite der Zentralbank nur deshalb bekamen, weil der griechische Staat die privaten Wertpapiere, die die Banken als Pfänder einreichten, garantiert hat.“ Verluste aus solchen Geschäften blieben nicht allein bei der Bank von Griechenland hängen, sondern verteilten sich auf alle nationalen Zentralbanken.

          Nun ist es nicht so, dass Steuerzahler im Falle von Verlusten einer Zentralbank zwingend Geld einschießen müssten – die Zentralbank Tschechiens hat über mehr als 10 Jahre klaglos mit einem negativen Eigenkapital funktioniert. Aber die Verluste treffen die Steuerzahler indirekt, weil sie zu niedrigeren oder gänzlich wegfallenden Gewinnausschüttungen der Zentralbanken an die Staatshaushalte führen. Sinn geht auch auf die Ela-Kredite ein, für die offiziell nur die jeweilige nationale Zentralbank haftet. Falls eine nationale Zentralbank Ela-Kredite nicht zurückzahlen kann, sind aber auch die anderen Zentralbanken betroffen.

          Sinn verweist auch darauf, dass diese Rechnungen für einen Verbleib Griechenlands im Euro gelten. Im Falle einer neuen Währung blieben die fiskalischen Risiken identisch, aber die für die Zentralbanken entstehenden Risiken können sich verändern.


          Das Krisenglossar


            Bank Run

            Aus Angst vor der Staatspleite haben die Griechen schon seit Monaten Milliarden Euro von ihren Konten abgehoben oder ins Ausland geschafft. Mittlerweile ist die Möglichkeit, Geld abzuheben auf täglich 60 Euro begrenzt worden und soll noch weiter eingeschränkt werden. Dmit soll ein akuter Bankenrun verhindert werden, bei dem die Kunden scharenweise versuchen, ihre Konten leer zu räumen. Die Folgen: Die Banken bluten aus, sie können den Firmen kein Geld mehr leihen, die Wirtschaftsaktivität erliegt.

            ELA

            Die "Emergency Liquidity Assistance" ist ein Instrument der nationalen Notenbanken des Eurosystems. Es dient dazu, illiquiden Kreditinstituten gegen Sicherheiten vorübergehend Liquiditätshilfen durch die Notenbanken zu gewähren, sofern diese als grundsätzlich solvent gelten. Die Risiken trägt die nationale Notenbank, in diesem Fall die bank of Greece, die damit die Geschäftsbanken stützt. Der EZB-Rat kann die Operationen beschränken, wenn er der Auffassung ist, dass diese Operationen nicht mit den Zielen und Aufgaben des Eurosystems vereinbar sind. Dafür ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich. Der Rat konnte so die ELA-Hilfen der Bank of Greece einfrieren.

            ESM

            Der "Europäische StabilisierungsMechanismus" wurde 2012 in Reaktion auf die erste, druch Greichenland ausgelöste Euro-Krise ins Leben gerufen. Er soll Euro-Länder in Zahlungsschwierigkeiten durch Notkredite und Bürgschaften unterstützen. Bislang war dies vor allem Griechenland.

            Grexit

            Auch wenn die Verhandlungen vorläufig zusammengebrochen sind, so ist damit das Euro-Aus für Griechenland - also der Grexit - besiegelt. Tatsächlich ist ein Rauswurf aus dem Euro-Club durch die übrigen Mitglieder nur möglich, wenn die griechische Regierung am Ende selbst zustimmt. Rechtlich gesehen müsste Athen auch aus der EU austreten und sich dann um eine Wiederaufnahme bewerben. 70 Prozent der Griechen wollen den Euro aber behalten. Bei einem Verbleib im Euro ohne weiteren finanziellen Beistand von EZB und Euro-Ländern würden Banken und Wirtschaft aber austrocknen, da die greichische Notenbank nicht in extenso den Geschäftsbanken Notfallkredite (siehe ELA) zukommen lassen darf. Die Regierung wäre damit über kurz oder lang zum Grexit und der Rückkehr zur Drachme gezwungen. Eine chaotische Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr wäre die Folge, schätzen Ökonomen.

            Kapitalverkehrskontrollen

            Um einen Bank Run zu verhindern, sind nicht nur die Möglichkeiten eingeschränkt worden, Geld an Autoimaten abzuheben. Vielmehr wurden die Banken vorübergehend ganz geschlossen und Onlinetransfers unterbrochen. Wenn sie wieder aufmachen, wird der Geldverkehr wohl weiter blockiert bzw. behindert werden. So wurde es vor drei Jahren in Zypern gemacht.

            Parallelwährung

            Eine Art Mittelweg zwischen Euro und Grexit wäre die Einführung einer Parallelwährung: Weil dem Staat Barmittel fehlen, zahlt er Beamte und Rentner zumindest zum Teil mit Schuldscheinen aus. Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als der Euro. Die Schuldscheine werden in der Finanzwelt "IOU" genannt, nach dem Englischen "I Owe You" (Ich schulde Dir). Kalifornien griff im Sommer 2009 erfolgreich auf das Hilfsmittel zurück, um eine Pleitephase zu überbrücken.

            Zahlungsverzug

            Ein Zahlungsverzug liegt dann vor, wenn eine fällige Zahlung nicht geleistet wurde. Bei Zinszahlungen auf Anleihen gibt es eine "Gnadenfrist" genannte Zeitspanne von 30 Tagen nach dem Termin, in der die Zahlung noch geleistet werden kann. Das gilt nicht unbedingt für andere Kredite.

            Zahlungsunfähigkeit

            Ob ein Staat pleite ist, kann letztlich nur eine Regierung selbst bestimmen. Aber wenn Ratingagenturen einen "Default" feststellen, gilt das Land am Markt als bankrott. Dazu wird es wohl aber nicht kommen, wenn Athen seine beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fällige Rate in Höhe von 1,5 Milliarden Euro am 30. Juni nicht begleicht, da die Agenturen vor allem am Kapitalmarkt gehandelte Papiere im Blick haben. Die Frage ist, ob die Europäische Zentralbank (EZB) diesen Zahlungsverzug als Zahlungsausfall betrachtet und darauf den Hahn für das griechische Finanzsystem zudreht. Die Banken müssten dann praktisch über Nacht abgewickelt werden.



          Quelle: F.A.Z.

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