Home
http://www.faz.net/-gqu-75cyw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Griechenland Jenseits der Krise

Viele Griechen wissen nicht, ob es eine Zukunft gibt. Manche fahren zum Berg Athos, einem Ort ohne Wirtschaft und Krise, und suchen eine Antwort bei den Mönchen.

© Jan Grossarth Vergrößern Athos: Byzantinische Vergangenheit, Mittelalter und religiöses Zentrum der orthodoxen Christen

Athos ist eine Gegenwelt. Hier gab es vieles nie oder gibt es vieles nur selten, was uns selbstverständlich erscheint: Autos, Beton, Licht bei Nacht. Tagsüber hört man das Meer, und nachts leuchten die Sterne konkurrenzlos. Auch die Wirtschaftskrise ist hier nicht angekommen, allein deshalb, weil es hier keine Wirtschaft gibt, keine Banken und keine Beamten.

Jan Grossarth Folgen:

Das Schiff fährt langsam die Küste von Athos, des nördlichen Inselfingers der griechischen Halbinsel Chalkidiki, entlang, vorbei zieht eine Märchenwelt aus Bäumen, Felsen, vereinzelten Einsiedlerhäusern und Klöstern. Zwanzig gibt es hier und angeblich mehr als zweitausend Mönche - wieder mehr als noch vor zwanzig Jahren. Das rostige Schiff steuert immer, wenn ein Kloster auftaucht, das Land an. Dann steigen bärtige Männer in Schwarz aus und ein und andere in Jeans. Die wenigsten sind Griechen, die meisten sind Russen, Serben, Bulgaren und andere Orthodoxe. Die hatten Athos nach dem Ende des Kommunismus neu entdeckt. Jetzt kommen auch wieder die Griechen. Die Fähre schippert weiter, dann wird der Heilige Berg, wie man ihn nennt, sichtbar.

22627995 Am Ende der Landzunge ragt der Berg Athos aus dem Meer © Jan Grossarth Bilderstrecke 

Man glaubt sich im Mittelalter. Die Pilger kommen aber aus der Gegenwart. Nikolaos, der Anfang vierzig ist und seinen Nachnamen nicht verrät, ist allein hier. Obwohl er nicht mehr viel Geld für Reisen hat. Seit zehn Monaten sei er arbeitslos, sagt er, Vater von drei Kindern, das vierte im Mutterbauch. Er erlebt die griechische Wirtschaftskrise, die das fünfte Jahr erreicht hat, wie eine Erosion aller Sicherheit. Nur zwei Monate wird er noch Arbeitslosengeld vom Staat bekommen, danach keinen Euro mehr. Zum Glück wohnten sie im eigenen Haus - zwischen Meer und Bergen in Larissa, es sei wunderschön, aber er wolle trotzdem auswandern. Am liebsten nach Kanada. Wegen der Kinder. In Griechenland hätten die keine Perspektive.

Nikolaos’ Heimat Larissa ist das Stadt gewordene Griechenland-Klischee: der Ort mit den meisten Porsche Cayennes je Einwohner auf der Welt. Die hätten sich Bauern von EU-Subventionen auf phantasierte Landwirtschaft geleast. Andererseits: echte Armut.

Athos ist nicht etwa eine Gegenwelt in diesem Sinne, dass es hier keine Armut gäbe, sondern weil hier die Armut nicht auffällt und sogar kultiviert wird. Hier gilt sie als Wert oder zumindest als nützlich auf dem inneren Weg zum Herrn. „Hier auf Athos vergesse ich für vier Tage alle Sorgen“, sagt der Pilger Nikolaos. Er sei schon zum vierten Mal in diesem Jahr hier, er komme immer öfter, Zeit habe er ja, der Berg gebe ihm Kraft, das Gebet beruhige ihn. Je tiefer die Depression, desto wichtiger die Pilgerreisen. Sie wirken wohl wie eine Injektion, die die Angst löst und wieder atmen lässt.

Von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit

Ein Jahrzehnt EU-Griechenland - von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit. Nikolaos, der von der Fähre hinauf auf die vorbeiziehenden Wälder und Klöster schaut, hat das Auf und Ab mitgemacht. Bis zum Krisenbeginn 2008 arbeitete er enorm viel, zwölf Stunden am Tag, finanzierte Haus und Familie. Dann sei die Arbeit langsam weniger geworden, und Ende 2011 sei seine Firma, die Satellitenschüsseln herstellte, insolvent geworden. Jetzt lebt er von Schwarzarbeit. Und es gebe immer mehr Ärger mit Afrikanern und Pakistanern in Larissa, die Straßenkriminalität habe stark zugenommen, und die Kinder von früheren Gastarbeitern, jetzt Arbeitslosen, aus Albanien etwa bekämen kein Essen mehr am Morgen und kippten mittags auf dem Schulhof um.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Backwahn als Treffpunkt Buddhistisches Kloster betreibt Café

Seit zwölf Jahren arbeiten und studieren buddhistische Mönche und Nonnen in ihrem Kloster mitten im kleinen Dorf Päwesin in Brandenburg. Die meisten Besucher kommen jedoch nicht wegen der buddhistischen Weisheit. Mehr

28.05.2015, 06:12 Uhr | Wirtschaft
Griechen in Deutschland Geld ist nicht alles."

Im Feinkostladen von Jioannis Sotiriadis in Berlin-Kreuzberg wird zwei Tage vor der griechischen Parlamentswahl eifrig über die verschiedenen Optionen diskutiert. Wie viele Griechen glaubt auch er, dass es in Athen an der Zeit für einen Wechsel ist. Mehr

24.01.2015, 12:49 Uhr | Politik
Parallelwährung Kommt in Griechenland jetzt der Geuro?

Unser Kolumnist Thomas Mayer war bei Finanzminister Varoufakis. Der wollte wissen, ob sein Land eine Parallelwährung einführen kann – und war für alle Überlegungen offen. Mehr Von Christian Siedenbiedel

19.05.2015, 14:11 Uhr | Wirtschaft
Griechenland Die Krisenkinder von Athen

Fabriken stehen still, Geschäfte bleiben geschlossen - viele junge Griechen sind mit der Wirtschaftskrise aufgewachsen. Mehr als die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen ist ohne Arbeit. Mehr

25.01.2015, 15:41 Uhr | Gesellschaft
Griechenlands Schuldenkrise Tsipras setzt sich gegen Partei-Ultras durch

Viel knapper als gedacht entscheidet Griechenlands Regierungschef eine wichtige Abstimmung auf dem Syriza-Parteitag für sich. Sein Regierungssprecher verspricht sodann, auch weiter Kredite des IWF zu tilgen. Mehr

25.05.2015, 15:12 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.12.2012, 18:57 Uhr

Umfrage

Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Vorteil Tsipras

Von Werner Mussler

Es ist noch lange nicht klar, wie der Nervenkrieg zwischen Athen und den Euro-Staaten ausgeht. Doch der Konflikt ist jetzt dort, wo der griechische Ministerpräsident ihn immer haben wollte: auf der Chefebene. Mehr 32 53


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --