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Griechenland Jenseits der Krise

 ·  Viele Griechen wissen nicht, ob es eine Zukunft gibt. Manche fahren zum Berg Athos, einem Ort ohne Wirtschaft und Krise, und suchen eine Antwort bei den Mönchen.

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© Jan Grossarth Vergrößern Athos: Byzantinische Vergangenheit, Mittelalter und religiöses Zentrum der orthodoxen Christen

Athos ist eine Gegenwelt. Hier gab es vieles nie oder gibt es vieles nur selten, was uns selbstverständlich erscheint: Autos, Beton, Licht bei Nacht. Tagsüber hört man das Meer, und nachts leuchten die Sterne konkurrenzlos. Auch die Wirtschaftskrise ist hier nicht angekommen, allein deshalb, weil es hier keine Wirtschaft gibt, keine Banken und keine Beamten.

Das Schiff fährt langsam die Küste von Athos, des nördlichen Inselfingers der griechischen Halbinsel Chalkidiki, entlang, vorbei zieht eine Märchenwelt aus Bäumen, Felsen, vereinzelten Einsiedlerhäusern und Klöstern. Zwanzig gibt es hier und angeblich mehr als zweitausend Mönche - wieder mehr als noch vor zwanzig Jahren. Das rostige Schiff steuert immer, wenn ein Kloster auftaucht, das Land an. Dann steigen bärtige Männer in Schwarz aus und ein und andere in Jeans. Die wenigsten sind Griechen, die meisten sind Russen, Serben, Bulgaren und andere Orthodoxe. Die hatten Athos nach dem Ende des Kommunismus neu entdeckt. Jetzt kommen auch wieder die Griechen. Die Fähre schippert weiter, dann wird der Heilige Berg, wie man ihn nennt, sichtbar.

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© Jan Grossarth Vergrößern Am Ende der Landzunge ragt der Berg Athos aus dem Meer

Man glaubt sich im Mittelalter. Die Pilger kommen aber aus der Gegenwart. Nikolaos, der Anfang vierzig ist und seinen Nachnamen nicht verrät, ist allein hier. Obwohl er nicht mehr viel Geld für Reisen hat. Seit zehn Monaten sei er arbeitslos, sagt er, Vater von drei Kindern, das vierte im Mutterbauch. Er erlebt die griechische Wirtschaftskrise, die das fünfte Jahr erreicht hat, wie eine Erosion aller Sicherheit. Nur zwei Monate wird er noch Arbeitslosengeld vom Staat bekommen, danach keinen Euro mehr. Zum Glück wohnten sie im eigenen Haus - zwischen Meer und Bergen in Larissa, es sei wunderschön, aber er wolle trotzdem auswandern. Am liebsten nach Kanada. Wegen der Kinder. In Griechenland hätten die keine Perspektive.

Nikolaos’ Heimat Larissa ist das Stadt gewordene Griechenland-Klischee: der Ort mit den meisten Porsche Cayennes je Einwohner auf der Welt. Die hätten sich Bauern von EU-Subventionen auf phantasierte Landwirtschaft geleast. Andererseits: echte Armut.

Athos ist nicht etwa eine Gegenwelt in diesem Sinne, dass es hier keine Armut gäbe, sondern weil hier die Armut nicht auffällt und sogar kultiviert wird. Hier gilt sie als Wert oder zumindest als nützlich auf dem inneren Weg zum Herrn. „Hier auf Athos vergesse ich für vier Tage alle Sorgen“, sagt der Pilger Nikolaos. Er sei schon zum vierten Mal in diesem Jahr hier, er komme immer öfter, Zeit habe er ja, der Berg gebe ihm Kraft, das Gebet beruhige ihn. Je tiefer die Depression, desto wichtiger die Pilgerreisen. Sie wirken wohl wie eine Injektion, die die Angst löst und wieder atmen lässt.

Von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit

Ein Jahrzehnt EU-Griechenland - von der kreditfinanzierten Party in die Hoffnungslosigkeit. Nikolaos, der von der Fähre hinauf auf die vorbeiziehenden Wälder und Klöster schaut, hat das Auf und Ab mitgemacht. Bis zum Krisenbeginn 2008 arbeitete er enorm viel, zwölf Stunden am Tag, finanzierte Haus und Familie. Dann sei die Arbeit langsam weniger geworden, und Ende 2011 sei seine Firma, die Satellitenschüsseln herstellte, insolvent geworden. Jetzt lebt er von Schwarzarbeit. Und es gebe immer mehr Ärger mit Afrikanern und Pakistanern in Larissa, die Straßenkriminalität habe stark zugenommen, und die Kinder von früheren Gastarbeitern, jetzt Arbeitslosen, aus Albanien etwa bekämen kein Essen mehr am Morgen und kippten mittags auf dem Schulhof um.

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