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Auftritt in München : Der charmante Herr Varoufakis

Gestikulierte fleißig, polarisierte wenig: Giannis Varoufakis in München Bild: Jan Roeder

Aggressiv und auf Krawall gebürstet: So kennt ganz Europa den früheren griechischen Finanzminister. Doch bei einer Diskussion mit dem Ökonomen Hans-Werner Sinn über Griechenland und den Euro zeigte sich Giannis Varoufakis nun erstaunlich handzahm.

          Giannis Varoufakis hat bereits zwanzig Minuten geredet, als erstmals der Name von Wolfgang Schäuble fällt. Der deutsche Finanzminister, er war der erbitterte Gegner des Griechen, damals in der Euro-Krise. Varoufakis gegen Schäuble, das wäre gewiss auch heute noch ein spannungsgeladenes Duell geworden. Aber der überzeugte Marxist und griechische Kurzzeit-Minister kam auf Einladung von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts. Und Deutschlands bekanntester Ökonom erwies sich als freundlicher Gastgeber.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Sinn fordert zwar stets einen harten Reformkurs von der Europäischen Union, er plädiert auch für einen Rauswurf Griechenlands aus der Währungsunion. Aber an diesem Abend vor fast 900 Zuhörern in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität erschöpfte sich darin schon der Dissens zwischen den ungleichen Gesprächspartnern: „Griechenland hätte niemals dem Euro beitreten dürfen“, sagte Sinn. „Stimmt“, entgegnete Varoufakis, „aber einmal beigetreten, ist ein Austritt nicht mehr möglich.“ Der liberale Sinn und der linke Varoufakis, an diesem Abend saßen sie in schwarzen Ledersesseln einträchtig nebeneinander auf der Bühne, einem aufmerksamen, akademischen Publikum zugewandt.

          Plaudern in entspannter Atmosphäre

          In so entspannter Atmosphäre ließ es sich vortrefflich plaudern über die großen Themen, den Euro und die Griechen und die Zukunft Europas. Vor allem Varoufakis zeigte sich wie ausgewechselt: Nichts war mehr zu hören von den massiven Vorwürfen, die er vor allem gegen die deutsche Regierung erhob, und die in einer Bemerkung in seinem Internet-Blog gipfelten, das Verhalten der EU erinnere ihn an die „Gangster von Chicago“. Darauf angesprochen kann Varoufakis nur schmunzeln. Der „Minister no more“, der von Euklid Tsakalotos abgelöst wurde, als die Tsipras-Regierung eine Kehrtwende zur Sparpolitik vollzog, zeigte sich in München von seiner charmanten Seite.

          Da saß er wie gewohnt im dunklen Anzug mit offenem Hemd und dozierte im Stile eines seriösen Wirtschaftsprofessors über die Krise. Immer wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht, das ihn, den „Popstar der Ökonomie“, sehr sympathisch erscheinen ließ. Noch immer lehnt sich Varoufakis auf gegen die aus seiner Sicht viel zu harten Reformauflagen der Europäer. Aber er sagt es in ruhigem Tonfall. Nur einmal wurde er energisch: Da erzählte er eine Episode aus seiner siebenmonatigen Amtszeit, die ihn „wirklich frustriert“ habe. Die Euro-Gruppe, sagte er, habe nie ernsthaft über seinen Reform-Plan diskutiert.

          Noch schlimmer sei aber der Vorwurf aus Brüssel gewesen, die Griechen hätten überhaupt keinen Reformplan. „Das“, sagte er, „hat mich als Akademiker schwer getroffen.“ Man hätte beinahe Mitleid mit ihm bekommen. Und noch etwas ließ Varoufakis das Münchner Auditorium wissen: Als griechischer Finanzminister hatte er ein Team zusammengestellt, das an einem „Plan B“, dem Grexit, arbeiten sollte. Das Team kam zu dem Ergebnis, dass die Einführung einer neuen Währung mindestens zwölf Monate in Anspruch nehmen würde. In dieser Zeit seien aber Spekulanten Tür und Tor geöffnet, ein Grexit folglich gar nicht machbar.

          Auch Sinn hörte Varoufakis` Schilderungen aufmerksam an, um dann doch bei seinem Widerspruch zu bleiben: „Ein Austritt Griechenlands ist nicht unmöglich, der Verbleib im Euro ist das größere Desaster.“ Varoufakis hatte aber noch einen anderen, ernst gemeinten Vorschlag, wie er betonte: „Wäre es nicht überlegenswert, wenn Deutschland den Euro verlässt?“ So ist dem 53 Jahre alten Ökonomen zumindest eines geblieben: Die Krise seines Landes bietet ihm immer noch eine Bühne zur Selbstdarstellung. Am Eingang der Großen Aula war sein neues Buch zu kaufen. „Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre.“

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