Home
http://www.faz.net/-gqu-7b3ot
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Gastbeitrag Warum kaum einer in Griechenland investieren will

Athens Reformen reichen nicht: Um attraktiv für (private) Investoren zu werden, muss das Land es leichter machen, Unternehmen zu gründen, Eigentum schützen und noch viel Bürokratie abbauen.

© dpa Die chinesische Reederei Cosco hat sich am Hafen von Piräus beteiligt.

Griechenland hatte es zuletzt geschafft, aus den negativen Schlagzeilen herauszukommen. Nun plötzlich häufen sich wieder die schlechten Nachrichten: Die handstreichartige Schließung des Staatsrundfunks - Novum im demokratischen Europa - führte zu einer virulenten Regierungskrise. Fraglich, wie lange und mit welcher Durchschlagskraft die wohl verbleibende Rumpfregierung nach Austritt der „Demokratischen Linken“ wird weiter regieren können. Gleichzeitig wurde Griechenland in dem von Morgan Stanley herausgegebenen Aktienindex MSCI auf Schwellenlandstatus herabgestuft. Auch ein Novum: Dieser Status ist eigentlich aufstrebenden Entwicklungsländern mit überproportionalen Wachstumsraten und nicht abstürzenden Industrienationen vorbehalten. Und der von der Troika eingeforderte Privatisierungsprozess, der einst 50 Milliarden Euro in die Kassen des griechischen Staatshaushalts spülen sollte, kommt auch nicht so recht in Gang.

Dabei schienen die jüngsten Reformen erste Früchte zu tragen. Erfolge wurden bei der Reduzierung des laufenden Staatsdefizits, des Leistungsbilanzdefizits und der Lohnstückkosten verzeichnet. Das hatte allerdings seinen Preis. Die Wirtschaftsleistung ist in fünf Jahren um 25 Prozent gefallen. Die Arbeitslosenquote von 27 Prozent, wobei vor allem zwei von drei jungen Menschen derzeit keinen Job haben, spiegelt die Folgen der Austeritätspolitik der vergangenen Jahre wider.

Um Tritt zu fassen, braucht das Land Investitionen. Die aber bleiben aus. Mit wenigen Ausnahmen wie den Computerunternehmen SAP und HP meiden ausländische wie griechische Privatinvestoren das Land. Jüngster Beweis: der gescheiterte Versuch zur Privatisierung des staatlichen Erdgas-Konzerns Depa, nachdem sich der einzige Interessent, die russische Gasprom, gegen dessen Erwerb entschieden hat.

Alexander Kritikos © privat Vergrößern Der Autor Alexander Kritikos ist Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Inzwischen appelliert die griechische Regierung an ihre Partner, sie hätten nun die moralische Verpflichtung, in das Land zu investieren. Aber wie so oft wird auch dieser Appell ungehört verhallen. Vielmehr führt das zur Frage, warum sich Investoren von Griechenland fernhalten? Anlageentscheidungen hängen, stark vereinfacht, von den erwartbaren Renditen der Investitionsmöglichkeiten und den damit verbundenen Risiken ab. Und hier gilt es, den Fokus neben den unternehmerischen Risiken auf die institutionellen Rahmenbedingungen eines Landes und den damit verbundenen Risiken zu legen.

Griechenlands Rahmenbedingungen für Investoren waren schon vor der Krise katastrophal. Im Jahr 2010 plazierte die Weltbank in ihrem Indikator zum „Ease of Doing Business“ Griechenland nur auf dem Rang 109 von 183 Ländern, als Schlusslicht in der EU. Die verabschiedeten Reformpakete sollten dieser Problematik Rechnung tragen. Die gute Nachricht: tatsächlich gab es Fortschritte. OECD und Weltbank berichten unisono von schrittweisen Verbesserungen, etwa beim Investorenschutz und dem Insolvenzrecht. Dank dieser Reformen sieht sich Griechenland nun im Ranking der Weltbank auf Platz 78.

Die schlechte Nachricht: Die Reformen reichen bei weitem nicht, um das Land attraktiv für Investitionen zu machen. Vor allem die endlosen bürokratischen Hürden für die Gründung neuer Unternehmen, für den Schutz geistigen Eigentums, für die Eintragung von privaten und gewerblichen Eigentums und für den Erwerb von Rendite abschöpfenden Lizenzen und behördlichen Genehmigungen sind es, die hoch geblieben sind. Hier befindet sich Griechenland mit den Plätzen 146 und 150 der jeweiligen Weltbank-Subindikatoren - in guter Gesellschaft mit Ländern wie Malawi, Uganda und Simbabwe.

Zurück in die Reihe der Industrienationen

Diese Markteintrittsbarrieren weisen auf verkrustete Wettbewerbsstrukturen hin und schließen den ungehinderten Eintritt neuer Unternehmen weitgehend aus. Ein wenig besser bestellt ist es um die Durchsetzbarkeit von Verträgen: Griechenland belegt hier Platz 87, für ein Eurozonen-Land der ersten Stunde dennoch ein beschämender Wert. In wesentlichen Teilbereichen sehen sich somit Investoren und Innovatoren, die ihre Ideen zu kommerzialisieren trachten, immer noch unkalkulierbaren Risiken und zusätzlichen Kosten ausgesetzt, die sie eben vor Investitionen in diesem Land zurückschrecken lassen.

Will also die griechische Regierung das unternehmerische Potential ihrer Landsleute besser nutzen, die notwendige Privatisierung staatlicher Betriebe ernsthaft vorantreiben und Auslandsinvestitionen ins Land locken, so wird sie ihre Reformen fortsetzen und die Bürokratie- und Regulierungsdichte reduzieren müssen. Dass sich solche Reformen realisieren lassen, haben Länder wie Irland und zuletzt Polen vorgemacht, deren Ökonomien - bei allen Rückschlägen in der Euro-Krise - von diesen Reformen profitiert haben.

Nun hat sich die griechische Regierung durch die Schließung des Staatsrundfunks unnötigerweise selbst geschwächt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie für die weiteren Reformen noch die Kraft hat, um im MSCI-Index wieder den Weg zurück zu den Industrienationen zu finden.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechenland-Krise ESM-Chef sieht weiterhin ein Grexit-Risiko

Wenn Griechenland seine Reformzusagen bricht oder seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhält, besteht immer noch ein Grexit-Risiko. Das sagte der Chef des Rettungsfonds ESM, Klaus Regling, in Berlin. Mehr

27.08.2015, 13:00 Uhr | Wirtschaft
Finanzkrise Eurogruppe fordert Nachbesserung der Reformvorschläge

Griechenland soll nach dem Wunsch der Mehrheit der Europartner seine Reformvorschläge nachbessern. Die 19 Euro-Finanzminister vertagten sich nach mehr als neunstündigen Beratungen in Brüssel ohne eine schriftliche Entscheidung. Nach Angaben aus der Runde werden von der Regierung in Athen sowohl weitere Reformen als auch Garantien für deren Umsetzung gefordert. Mehr

12.07.2015, 10:21 Uhr | Politik
Kommentar Wieder Zeit verloren

Was Alexis Tsipras tut, tut er allein, um an der Macht zu bleiben. Mir seinem Rücktritt mutet er Griechenland – und seinen Partnern – eine neue politische Krise zu. Ein Kommentar. Mehr Von Rainer Hermann

21.08.2015, 15:59 Uhr | Politik
Finanzkrise Nur 60 Euro an griechischen Geldautomaten

Geschlossene Banken, Schlangen an den Geldautomaten - viele Griechen mussten sich zum Wochenbeginn in Geduld üben. Die Regierung in Athen hat Kapitalmarktkontrollen verhängt, um den Abfluss von Finanzmitteln aus dem Land einzuschränken. Die Banken in Griechenland sollen zunächst bis zum 6. Juli geschlossen bleiben. Am Geldautomaten bekommt man als Grieche bis dahin nur 60 Euro am Tag. Mehr

29.06.2015, 14:20 Uhr | Politik
Spekulation An Athens Börse sind Leerverkäufe wieder erlaubt

Seit einem Monat dürfen Anleger an der Börse in Griechenland wieder handeln. Ab morgen dürfen sie auch wieder aktiv und gehebelt auf fallende Kurse setzen. Mehr

31.08.2015, 16:03 Uhr | Finanzen

Veröffentlicht: 09.07.2013, 07:28 Uhr

Co wie?

Von Gerald Braunberger

Bayer will seine Kunststoffsparte noch in diesem Jahr unter dem Namen „Covestro“ an die Börse bringen. Was hat das Unternehmen für Anleger zu bieten? Mehr 0


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Im Winter wird weniger mit dem LKW transportiert

Immer mehr Lastwagen fahren auf deutschen Straßen. Aber der Güterverkehr unterliegt einer jahreszeitlichen Schwankung. Mehr 0