http://www.faz.net/-gqu-74mo7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.11.2012, 06:48 Uhr

Euro-Finanzminister einigen sich Griechenland bekommt mehr Geld

Die Finanzminister der Euro-Staaten einigen sich, wie sie die Finanzierungslücke im Griechenlandprogramm schließen wollen. Der Weg für die Auszahlung weiterer Kredite an das Krisenland ist frei. Einen Schuldenschnitt soll es nicht geben.

von , Washington
© dapd Griechenland ist wieder einmal vorerst gerettet

Der Weg für die Auszahlung einer weiteren Kredittranche an Griechenland ist frei. Nach zwölfstündigen Verhandlungen einigten die Finanzminister der Euro-Staaten sich am frühen Dienstag in Brüssel auf ein Paket von Maßnahmen, mit dem die Schuldenquote Griechenlands schnell deutlich verringert werden soll. Dazu gehören ein von den Euro-Partnern kreditfinanzierter Schuldenrückkauf Griechenlands, Zinssenkungen und eine deutliche Streckung der Kredite an das Krisenland um 15 auf 30 Jahre. Griechenland muss damit die letzten Kredite aus dem laufenden europäischen Hilfsprogramm erst 2044 tilgen. In einer neuen Wendung sicherten die Euro-Finanzminister zu, die Schuldenquote Griechenlands von derzeit fast 190 Prozent bis 2022 auf „substantiell weniger als 110 Prozent“ der Wirtschaftsleistung zu drücken.

Patrick Welter Folgen:

Damit ist der Streit zwischen den Euro-Staaten und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über die Tragfähigkeit der griechischen Schuld zumindest vorerst beigelegt. Die Entscheidungen „werden die Unsicherheit reduzieren und das Vertrauern in Europa und Griechenland stärken“, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, nach Ende der Verhandlungen.

Die Euro-Finanzminister stellten notfalls weitere Zusagen zur Schuldensenkung in Aussicht, wenn die Griechen einen Primärüberschuss im Staatshaushalt - also ein Plus vor Zinszahlungen – erreichen und alle Reformbedingungen erfüllen. Bis 2016 soll damit insgesamt der Schuldenstand von zuletzt knapp 190 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf 175 Prozent und bis 2020 auf 124 Prozent gesenkt werden. Das entspricht einer 20 Prozentpunkte niedrigeren Schuld im Vergleich zu den aktuellen Prognosen.

Vorerst kein Schuldenschnitt

Wie sich vergangene Woche schon abzeichnete, rückte der IWF von seiner Forderung nach einer Schuldenquote von 120 Prozent im Jahr 2020 ab. Auf der Habenseite kann er aber die europäische Zusage verbuchen, die Schuldenquote bis 2022 auf „substantiell weniger als 110 Prozent“ zu senken.

Der wichtigste fehlende Bestandteil in dem Maßnahmenbündel ist ein Schuldenschnitt der öffentlichen Gläubiger. Darüber sei nicht gesprochen worden, erklärte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am frühen Dienstagmorgen in Brüssel. Das stehe nicht zur Frage. Auch die Niederlande und Finnland lehnen einen Schuldenschnitt ab. An weiteren Maßnahmen zur Schuldensenkung wird unter anderem an eine geringere Mit-Finanzierung Griechenlands bei strukturellen Finanzmitteln der EU oder an weitere Zinssatzreduzierungen gedacht.

Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici erklärte, die künftigen Zugeständnisse seien in „konstruktiver Unklarheit“ gehalten. Offen ist, ob Griechenland in den kommenden Jahren ohne Schuldenschnitt über die Runden kommt. Aus Teilnehmerkreisen der Verhandlungen verlautete, dass der IWF einen Schuldenschnitt für die einfachste Lösung hält, um nach Abschluss der laufenden Anpassungsprogramme die Schuldenreduzierung voranzubringen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenstreit Griechenland soll Schulden bis 2080 tilgen

Der deutliche Reformwille der Griechen macht den Gläubigern Mut. So viel Mut sogar, dass sie das Wort Schuldenerleichterung wieder in den Mund nehmen. Mehr Von Werner Mussler, Brüssel

20.05.2016, 20:53 Uhr | Wirtschaft
EU-Referendum Schäuble schließt weitere Zugeständnisse an Briten aus

Die Briten stehen beim EU-Referendum aus Sicht von Finanzminister Wolfgang Schäuble vor der wichtigsten Weichenstellung seit Jahrzehnten. Für die Menschen des Vereinigten Königreichs handele es sich möglicherweise um die bedeutendste Entscheidung nach dem Krieg, sagte Schäuble am Donnerstag auf einer Finanz-Veranstaltung in Frankfurt. Mehr

13.05.2016, 08:02 Uhr | Politik
Griechenland-Krise Grexit? Kein Thema mehr

Die Zeit für Griechenland wird wieder mal knapp: Spätestens im Juli braucht Athen frisches Geld. Also alles wie im vergangenen Jahr? Nein, in Wahrheit ist es ganz anders: Griechenland wird nicht mehr aus der EU fliegen! Eine Analyse. Mehr Von Thomas Gutschker

16.05.2016, 21:14 Uhr | Politik
Arbeitskreis Steuerschätzung Fünf Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen pro Jahr

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und seine Kollegen in den Bundesländern können aufgrund der guten Konjunktur und hoher Beschäftigung auf mehr Steuereinnahmen hoffen als bislang erwartet. Für das Jahr 2016 rechnet der Finanzminister demnach mit Steuereinnahmen von 691,2 Milliarden Euro für Bund, Länder und Kommunen. Mehr

04.05.2016, 16:55 Uhr | Wirtschaft
ESM Laufzeit der Griechenland-Kredite könnte nochmals verlängert werden

Die Europäer wollen eine neue Eskalation der Griechenland-Krise im Sommer verhindern. Dem Land wird die Auszahlung der nächsten Tranche des Hilfspakets in Aussicht gestellt. Zudem wird langfristig über Schuldenerleichterungen beraten. Mehr

10.05.2016, 07:52 Uhr | Wirtschaft

Big Data für die Ernährung

Von Carsten Knop

Monsanto – das ist für viele Menschen auf dem ganzen Erdball die diabolische Verkörperung des Bösen in Gestalt eines Konzern. Wird sich Bayer die Finger verbrennen? Mehr 5 28


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --