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Veröffentlicht: 23.02.2010, 12:34 Uhr

Griechenland Geschichte eines Staatsbankrotts

In Griechenland gehören Schuldenkrisen zur Tradition. Daraus resultiert das Trauma der Griechen, von fremden Mächten kontrolliert zu werden. Dies verdeutlicht ein Rückblick auf das 19. Jahrhundert.

von Korinna Schönhärl
© Wikipedia König Otto von Griechenland auf einer Münze aus dem Jahr 1850

Griechenland leidet unter seinen Schulden, aber die Griechen streiken gegen die von der Europäischen Union verordneten Sparprogramme und lehnen eine Sanierung ihrer Finanzen durch Brüssel ab. Diese Starrköpfigkeit hat ihre Wurzeln in der Geschichte. "Wir sind leider bankrott." Dies ist für Griechenland nicht nur düstere Zukunftsvision, sondern Historie des 19. Jahrhunderts. Im Dezember 1893 musste Ministerpräsident Charilaos Trikoupis diese traurige Wahrheit verkünden.

Nach zehnjährigem blutigem Freiheitskampf ertrotzten die Griechen 1830 nach fast 500 Jahren ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, begleitet von einer Welle von Griechenland-Begeisterung in der europäischen Öffentlichkeit. Zum König - eine Republik konnten die europäischen Monarchen natürlich nicht zulassen - bestimmte man Otto, den zweitgeborenen Sohn des Philhellenen Ludwig I. von Bayern. Als Antrittsgeschenk gaben ihm die Großmächte das, was das von Krieg und Bürgerkrieg ausgeblutete Land brauchte: Die Garantie für eine Anleihe über 60 Millionen Francs. Nicht die ersten Schulden des jungen Staates: Schon in den Jahren 1824/1825 hatte die griechische provisorische Regierung Anleihen aufgelegt, von deren Erlös vor lauter Spesen und Provisionen jedoch wenig vor Ort angekommen war.

Auch 1833 sah Otto wenig von dem Geld. Und das, obwohl die aus Bayern mitgebrachten Beamten aus Griechenland einen modernen (Steuer-)Staat nach bayerischem Vorbild machen wollten. Ein schwieriges Unterfangen: Wie sollte man eine Zentralregierung und ein Steuersystem in einem Volk einführen, dessen Helden als Partisanen in den Bergen lebten und ehrfürchtig "Klephten", Diebe, genannt wurden? Wie sollte die Bevölkerung die Aufhebung der orthodoxen Klöster durch den katholischen König verkraften? Wie sollte eine politisch zuverlässige Bauernschaft entstehen, wenn der König den Besitzstand der riesigen Nationalgüter in der Schwebe ließ, um die besitzenden Schichten gefügig zu halten? Wenn Otto seine Truppen losschickte, um Steuern einzutreiben, dann leisteten seine Untertanen bewaffneten Widerstand, und sie waren in den unzugänglichen Bergen den regulären Truppen überlegen. Das jahrhundertealte patriarchale Klientelwesen war mit den neuen, aufgeklärten Vorstellungen nicht kompatibel. Wovon sollte Otto also den Aufbau von Infrastruktur, Verwaltung und Bildungswesen bezahlen?

Zähneknirschen in Athen

Nicht einmal die Zinsen, das zeigte sich schnell, konnte Griechenland aufbringen. Die daraufhin verhängte Kreditsperre auf dem internationalen Finanzmarkt dauerte fast 50 Jahre. Auch die Gründung einer griechischen Nationalbank im Jahr 1841 konnte den Kapitalmangel kaum lindern. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wuchs. Drei "Auslandsparteien" sahen das Heil des Landes jeweils in der Anlehnung an Großbritannien, Frankreich oder Russland und bekriegten sich heftig. Bei den Auseinandersetzungen ging es um Personen und ihre Macht, nicht um unterschiedliche Programme. In einer ersten Revolution 1843 zwangen die Griechen ihrem König nicht nur eine Verfassung auf, sondern setzten auch den Abzug der gesamten bayerischen Beamtenschaft durch. Der "Megali idea", dem Traum von einer Ausdehnung Griechenlands, kam man jedoch nicht näher. Im Krimkrieg musste der König stattdessen untätig zusehen, wie die Engländer und Franzosen drei Jahre lang (1854-57) die griechischen Häfen sperrten, um sein Eingreifen auf Seiten Russlands zu verhindern. Für den Handel war dies ein Desaster. Im Jahr 1863 jagten seine Untertanen Otto schließlich davon.

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