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Gefälschte Defizitzahlen : Verleugnete Wahrheiten in Griechenland

Der ehemalige Präsident der griechischen Statistikbehörde, Andreas Georgiou, wird juristisch verfolgt. Als Gastprofessor lehrt er in Amerika. Bild: AP

Andreas Georgiou wird von der griechischen Justiz verfolgt. Der ehemalige Präsident des Hellenischen Statistikamts hatte falsche Defizitzahlen aufgedeckt. Jetzt erhält er Rückendeckung aus aller Welt.

          Statistikfachleute auf der ganzen Welt organisieren Unterstützungskampagnen für Andreas Georgiou, den von der griechischen Justiz verfolgten früheren Präsidenten des Hellenischen Statistikamts (Elstat). Georgiou hatte nach seinem Amtsantritt im Herbst 2010 falsche Statistiken mit zu niedrigen Defizitangaben seiner Vorgänger neu berechnet und korrigiert. In mehreren Gerichtsverfahren wurde er seitdem angeklagt und mit ungewöhnlich harten Strafen belegt.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Im Sommer dieses Jahres wurde er wegen angeblicher Pflichtverstöße zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Im November verurteilte ihn ein Zivilgericht wegen „übler Nachrede“ zu 10.000 Euro Schadenersatz an einen früheren Elstat-Abteilungsleiter. Die Urteile stießen bei den Kreditgebern Griechenlands auf Unverständnis und Empörung, denn Georgious Arbeit war dort als wichtig und richtig gelobt worden. Die Athener Zeitung „Kathimerini“ kritisierte eine „Hexenjagd“ gegen Georgiou.

          Nun hat die American Statistical Association (ASA) eine Unterschriftensammlung gestartet. „Die fortgesetzte Verfolgung von Dr. Georgiou für seine Arbeit, obwohl schon viele Male seine Unschuld bewiesen wurde, ist eine doppelte oder gar dreifache Gefahr und beunruhigend in mehrfacher Weise“, heißt es in dem Aufruf der ASA. Die strafrechtliche Verfolgung beschädige die aktuellen griechischen Statistiken und damit die Bemühungen Griechenlands, seine Wirtschaftskrise zu überwinden und Investoren zu gewinnen. Verlässliche Statistiken seien ein Eckstein für eine Demokratie und gesunde Wirtschaft, schreibt die ASA. „Die Verfolgung verletzt auch die wissenschaftliche Freiheit und die Menschenrechte von Dr. Georgiou und seiner Kollegen“, die ihre Ergebnisse ohne Einflussnahme vorlegen sollten, betont die ASA.

          Der ASA gehören aktuell 19.000 Statistiker von Universitäten, Regierungsstellen, Organisationen und Unternehmen an. Ihre Unterschriftensammlung läuft noch bis Ende des Jahres. Zuvor hatte schon die Deutsche Statistische Gesellschaft das erste Urteil gegen Georgiou kritisiert. „Nach Auffassung der DStatG ist das Urteil nicht nur ungerechtfertigt gegenüber Herrn Georgiou, sondern es hat auch negative Auswirkungen auf die Integrität der griechischen und europäischen amtlichen Statistiken“, hieß es in einer Stellungnahme. Die von Wolfgang Schmid von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder geführte Statistikervereinigung erklärte ihre Solidarität mit dem früheren Elstat-Chef.

          Der gebürtige Grieche Georgiou hatte mehr als zwei Jahrzehnte als Statistiker für den Internationalen Währungsfonds (IWF) gearbeitet und einen guten Ruf erworben. Als die Krise in seinem Heimatland 2010 voll ausbrach, wurde er von der damaligen Regierung gerufen, um die falschen Statistiken zu korrigieren. Nach Ende seiner Amtszeit 2015 ging er in den Vereinigten Staaten zurück. Der 57-Jährige lehrt heute als Gastprofessor am Amherst College.

          Wegen der hohen Gerichtskosten sei er in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wie er dieser Zeitung mitteilte. Die von der Syriza-Regierung ernannte Generalanwältin Xenia Dimitriou fordert in einem anderen Verfahren sogar eine lebenslange Haftstrafe für ihn wegen eines angeblichen Schadens in dreifacher Milliardenhöhe, den der Statistiker verursacht haben soll. Die Generalstaatsanwältin war mit zwei Freisprüchen eines Berufungsgerichts nicht zufrieden und hat einen neuen Prozess verlangt, der Oberste Gerichtshof gab dieser Forderung statt. Nach Ansicht von Beobachtern versucht Syriza die griechische Justiz unter ihre Kontrolle zu bekommen.

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