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Veröffentlicht: 09.04.2016, 17:21 Uhr

Gastbeitrag Kritik an Draghi ist noch keine Lösung

Die Kritik an der Europäischen Zentralbank ist groß. Aber sieben prominente Ökonomen fragen: Wo bleibt die konstruktive Antwort auf die Krise Europas?

© AFP EZB-Präsident Mario Draghi

Die Eurozone verharrt weiter in einer tiefen, vor allem makroökonomischen Krise. Eine robuste Weltwirtschaft und der fallende Ölpreis haben Europas Wirtschaft eine Zeit lang gestützt. Doch spätestens jetzt zeigt sich, dass sich die Eurozone nur durch viel entschiedeneres eigenes Handeln aus der Krise ziehen kann. Eine Antwort, die neuerliche Lockerung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB), wurde in Deutschland meist scharf und zu einseitig attackiert. Geldpolitisches Nichtstun scheint die bevorzugte Option vieler in Deutschland.

Doch bleiben viele EZB-Kritiker die Antworten auf wichtige Fragen schuldig. Was würde passieren, reagierte die EZB nicht auf die zu niedrige Inflation und die schwache Wirtschaft? Und wenn nicht die Geldpolitik, welche Wirtschaftspolitik ist unter den gegenwärtigen Umständen die richtige? Es reicht nicht, nur zu kritisieren, allein „Nein“ zu sagen. Deutschland kommt eine tragende Rolle dabei zu, konstruktive Antworten auf die europäische Krise zu formulieren. Dazu gehört auch eine offene, konstruktive makroökonomische Debatte, die auf empirischer Evidenz beruht und die Währungsunion als Ganzes im Blick hat.

Die Autoren: Marcel Fratzscher (DIW Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin), Reint Gropp (IWH und Otto-von-Guericke-Universität-Magdeburg), Hans-Helmut Kotz (Harvard University und SAFE), Jan Krahnen (Goethe-Universität Frankfurt am Main und SAFE), Christian Odendahl (Centre for European Reform), Beatrice Weder di Mauro (INSEAD Singapur und Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Guntram Wolff (Bruegel).

Die vierfache Krise der Eurozone

Die Krise der Eurozone ist eine vierfache. Die erste ist eine Wachstumskrise. Erst jetzt hat die Eurozone die wirtschaftliche Leistung von vor der Finanzkrise 2008 wieder erreicht. Zudem leidet der Euroraum weiterhin unter hoher Arbeitslosigkeit und zu niedriger Inflation, die nur zum Teil auf den stark gefallenen Ölpreis zurückzuführen ist. Auch die Kerninflation, die Energiepreise herausrechnet, liegt schon seit längerer Zeit bei einem Prozent  – und die Erzeugerpreisinflation von Waren und Dienstleistungen sogar noch darunter. Die Arbeitnehmerentgelte wachsen immer langsamer, zuletzt nur noch um ein Prozent jährlich. All das sind klassische Anzeichen einer Nachfrageschwäche.

 
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Dazu kommen erhebliche Probleme auf der Angebotsseite. Der Euroraum leidet unter einem zu geringen Produktivitätswachstum. In den Jahren 2002-2015 ist die Wertschöpfung pro Arbeitsnehmer im Durchschnitt um nur 0,5 Prozent im Jahr gewachsen. Der Grund ist nicht die Industrie, wo der Wert bei fast 2 Prozent liegt, sondern die Dienstleistungen, wo das Produktivitätswachstum sehr niedrig, und teilweise sogar negativ ist. Es fehlt an Innovationsdynamik und Investitionen. Solche strukturellen Wachstumsprobleme können mit Nachfragepolitik alleine nicht beseitigt werden.

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Die zweite Krise, die Schuldenkrise, hat weiterhin große Teile der öffentlichen Haushalte in Europa im Griff. Sie reduziert deren fiskalischen Handlungsspielraum. Sie findet gleichzeitig aber auch einen Ausdruck in einer zu hohen Verschuldung von einigen Unternehmen und privaten Haushalten. Diese bedarf der Konsolidierung. Die gelingt aber nur sehr zögerlich inmitten einer Wachstumskrise. Zumal, da die realen Finanzierungskosten, nach Abzug der sehr niedrigen Preissteigerungsraten, hoch sind. Das schwächt die Nachfrage zusätzlich. Es läuft auf einen Teufelskreis hinaus, der zwangsläufig die dritte Krise, die Bankenkrise, verschärft.

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