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Veröffentlicht: 04.05.2016, 07:21 Uhr

Geldpolitik Deutsche Ökonomen verärgert über Draghis Niedrigzinserklärung

Der EZB-Chef hat in einer Rede den deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu einer Ursache der niedrigen Zinsen erklärt. Deutsche Forscher widersprechen.

von
© dpa EZB-Präsident Mario Draghi: Kritik an Deutschlands Sparüberschuss

Die Erklärung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, dass nicht die EZB, sondern insbesondere der deutsche Leistungsbilanz- und Sparüberschuss die eigentliche Ursache der Niedrigzinsen sei, hat unter deutschen Ökonomen zu teils heftigen Reaktionen geführt. „Die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss nimmt langsam groteske Züge an“, sagte der Finanzwissenschaftler Lars Feld von der Universität Freiburg, der Mitglied im Sachverständigenrat („Wirtschaftsweise“) ist.

Philip Plickert Folgen:

Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), nannte es gegenüber dieser Zeitung „skurril“, dass die EZB neuerdings versuche, die Verantwortung für die Niedrigzinsen völlig von sich wegzuschieben. „Die EZB kann nicht ernsthaft behaupten, sie würde das Zinsniveau nicht beeinflussen, obwohl sie inzwischen einer der größten Käufer von Staatsanleihen ist“, sagte Kooths. Dies widerspreche auch früheren Erklärungen, dass sie die Zinsen bewusst tief setze, um Investitionen anzuregen. Die EZB manipuliere die Zinsen unter das gleichgewichtige Niveau, sagte er.

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Draghi hatte am Montag in einer Rede auf der Jahresversammlung der Asiatischen Entwicklungsbank in Frankfurt erklärt (hier geht es zum Redetext, in Englisch), dass eine globale Ersparnis-Schwemme die Hauptverantwortung für die extrem tiefen Zinsen trage. Niedrige Leitzinsen der Zentralbanken seien nicht das Problem, sondern nur ein Symptom. Das zugrundeliegende Problem sei der Sparüberschuss, der nicht komplett von Investitionen absorbiert werde. Das drücke die Zinsen. Es gebe seit den achtziger Jahren diesen Trend. In der jüngsten Zeit habe sich das Problem verschärft. Explizit erwähnte er Deutschland. Die größte Volkswirtschaft des Euroraums habe seit fast einem Jahrzehnt einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Leistungsbilanzüberschuss liegt vor, wenn ein Land mehr exportiert als importiert; damit verbunden ist dann ein Kapitalexport. Im vergangenen Jahr lag der deutsche Leistungsbilanzüberschuss deutlich über 8 Prozent. Dies gilt weltweit als sehr hoher Wert.

Uneinigkeit über Ursachen

Die Ursachen sind unter Ökonomen umstritten. Während die EU-Kommission jenseits von 6 Prozent über mehrere Jahre ein potentiell gefährliches makroökonomisches Ungleichgewicht sieht und gewerkschaftsnahe Kritiker zu geringe Löhne und zu wenig Konsum als Grund für den Exportüberschuss anprangern, rechtfertigen andere Fachleute den deutschen Exportüberschuss.

Der Wirtschaftsweise Feld etwa sagte, im Leistungsbilanzüberschuss spiegele sich einerseits die starke Internationalisierung der deutschen Wirtschaft, die ihre Wertschöpfungsketten global vernetzt habe und viel im Ausland investiere. „Andererseits ist der Leistungsbilanzüberschuss Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte und Dienstleistungen“, betonte Feld. IfW-Ökonom Kooths sagte, die EZB-Politik, die tendenziell zu einer Abwertung des Euros geführt habe, sei mitverantwortlich für den hohen Export- und Leistungsbilanzüberschuss. Außerdem sei es richtig und verständlich, dass eine alternde Gesellschaft viel spare und ihre Ersparnisse auch im Ausland anlege.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, unterstützte hingegen die Argumentation der EZB. „Mario Draghi hat recht mit seiner Kritik an Deutschlands exzessivem Sparüberschuss“, sagte Fratzscher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Deutschlands Sparüberschüsse und zu geringe Investitionen seien einer der wichtigsten Gründe für die niedrigen Zinsen. „Die deutsche Politik muss dringend die Rahmenbedingungen für private Investitionen und öffentliche Investitionen verbessern, damit deutsche Ersparnisse produktiv eingesetzt werden können“, forderte Fratzscher.

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Von Werner Mussler, Brüssel

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