http://www.faz.net/-gqe-8gnuc

Geldpolitik : Deutsche Ökonomen verärgert über Draghis Niedrigzinserklärung

EZB-Präsident Mario Draghi: Kritik an Deutschlands Sparüberschuss Bild: dpa

Der EZB-Chef hat in einer Rede den deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu einer Ursache der niedrigen Zinsen erklärt. Deutsche Forscher widersprechen.

          Die Erklärung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, dass nicht die EZB, sondern insbesondere der deutsche Leistungsbilanz- und Sparüberschuss die eigentliche Ursache der Niedrigzinsen sei, hat unter deutschen Ökonomen zu teils heftigen Reaktionen geführt. „Die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss nimmt langsam groteske Züge an“, sagte der Finanzwissenschaftler Lars Feld von der Universität Freiburg, der Mitglied im Sachverständigenrat („Wirtschaftsweise“) ist.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), nannte es gegenüber dieser Zeitung „skurril“, dass die EZB neuerdings versuche, die Verantwortung für die Niedrigzinsen völlig von sich wegzuschieben. „Die EZB kann nicht ernsthaft behaupten, sie würde das Zinsniveau nicht beeinflussen, obwohl sie inzwischen einer der größten Käufer von Staatsanleihen ist“, sagte Kooths. Dies widerspreche auch früheren Erklärungen, dass sie die Zinsen bewusst tief setze, um Investitionen anzuregen. Die EZB manipuliere die Zinsen unter das gleichgewichtige Niveau, sagte er.

          Draghi hatte am Montag in einer Rede auf der Jahresversammlung der Asiatischen Entwicklungsbank in Frankfurt erklärt (hier geht es zum Redetext, in Englisch), dass eine globale Ersparnis-Schwemme die Hauptverantwortung für die extrem tiefen Zinsen trage. Niedrige Leitzinsen der Zentralbanken seien nicht das Problem, sondern nur ein Symptom. Das zugrundeliegende Problem sei der Sparüberschuss, der nicht komplett von Investitionen absorbiert werde. Das drücke die Zinsen. Es gebe seit den achtziger Jahren diesen Trend. In der jüngsten Zeit habe sich das Problem verschärft. Explizit erwähnte er Deutschland. Die größte Volkswirtschaft des Euroraums habe seit fast einem Jahrzehnt einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Leistungsbilanzüberschuss liegt vor, wenn ein Land mehr exportiert als importiert; damit verbunden ist dann ein Kapitalexport. Im vergangenen Jahr lag der deutsche Leistungsbilanzüberschuss deutlich über 8 Prozent. Dies gilt weltweit als sehr hoher Wert.

          Uneinigkeit über Ursachen

          Die Ursachen sind unter Ökonomen umstritten. Während die EU-Kommission jenseits von 6 Prozent über mehrere Jahre ein potentiell gefährliches makroökonomisches Ungleichgewicht sieht und gewerkschaftsnahe Kritiker zu geringe Löhne und zu wenig Konsum als Grund für den Exportüberschuss anprangern, rechtfertigen andere Fachleute den deutschen Exportüberschuss.

          Der Wirtschaftsweise Feld etwa sagte, im Leistungsbilanzüberschuss spiegele sich einerseits die starke Internationalisierung der deutschen Wirtschaft, die ihre Wertschöpfungsketten global vernetzt habe und viel im Ausland investiere. „Andererseits ist der Leistungsbilanzüberschuss Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte und Dienstleistungen“, betonte Feld. IfW-Ökonom Kooths sagte, die EZB-Politik, die tendenziell zu einer Abwertung des Euros geführt habe, sei mitverantwortlich für den hohen Export- und Leistungsbilanzüberschuss. Außerdem sei es richtig und verständlich, dass eine alternde Gesellschaft viel spare und ihre Ersparnisse auch im Ausland anlege.

          Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, unterstützte hingegen die Argumentation der EZB. „Mario Draghi hat recht mit seiner Kritik an Deutschlands exzessivem Sparüberschuss“, sagte Fratzscher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Deutschlands Sparüberschüsse und zu geringe Investitionen seien einer der wichtigsten Gründe für die niedrigen Zinsen. „Die deutsche Politik muss dringend die Rahmenbedingungen für private Investitionen und öffentliche Investitionen verbessern, damit deutsche Ersparnisse produktiv eingesetzt werden können“, forderte Fratzscher.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Weidmann macht Druck auf Draghi

          F.A.Z. exklusiv : Weidmann macht Druck auf Draghi

          Der Bundesbankpräsident will, dass das Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank dieses Jahr endet. Im F.A.Z.-Interview spricht er auch über die Nachfolge an der Notenbank-Spitze.

          Wolle aus Uruguay in deutschen Airbags Video-Seite öffnen

          Hochwertiger Export : Wolle aus Uruguay in deutschen Airbags

          Uruguay gilt weltweit als drittgrößter Exporteur von hochwertiger Wolle. Ein Großteil der Ware geht nach Deutschland und Österreich und wird für die Füllung von Autositzen und Airbags verarbeitet - weil das Material nicht entflammbar ist.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Selbstbezogen und selbstzufrieden: Donald Trump (hier bei einem Football-Match am 8. Januar 2018, während die Nationalhymne gesungen wird).

          Trumps Politik : Das amerikanische Wirtschaftswunder

          Anders als von vielen erwartet geht es der Wirtschaft in Amerika heute ziemlich gut. Davon profitiert auch der einfache Arbeiter. Wie stabil ist das wohl alles?
          Außenminister Sigmar Gabriel: „Am kommenden Sonntag schaut nicht nur Europa gebannt auf den SPD-Parteitag.“

          SPD vor dem Parteitag : Gabriel: „Die Welt schaut auf Bonn“

          Martin Schulz kämpft in Düsseldorf vor Parteitagsdelegierten um die Erlaubnis für Groko-Verhandlungen. Auch Sigmar Gabriel redet seiner Partei ins Gewissen – und spricht von einer weltweiten Hoffnung auf die Sozialdemokraten.
          Dunkle Wolken am Dienstag über Bonn: Stürmische Tage stehen bevor

          Tief „Friederike“ : Deutschland drohen stürmische Tage

          Das Tief „Friederike“ hat es in sich: Für Mittwoch erwarten die Metereologen kräftigen Wind, Schnee und Glätte. Am Donnerstag muss sogar mit Orkanböen gerechnet werden – eine Region bleibt allerdings verschont.
          Entschiedener, unmittelbarer, entschlossener: GSG-9-Chef Jerome Fuchs setzt gegen Terroristen auf Härte und Professionalität.

          GSG-9-Chef Fuchs : Der Terroristen-Jäger

          Seine Eliteeinheit wächst und soll einen neuen Standort in Berlin bekommen. Das ist ganz im Sinne ihres 47 Jahre alten Kommandeurs – aber auch eine große Herausforderung für Jerome Fuchs.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.