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EZB-Anleihenkäufe : Der Euro im Gleichgewicht des Schreckens

EZB-Präsident Mario Draghi beruhigt die Kapitalmärkte. Aber dafür nimmt er eine höhere Inflation in Kauf. Bild: Tim Wegner/laif

EZB-Präsident Mario Draghi beschwört die Märkte. Und die Spekulanten halten plötzlich still. Doch die Ruhe ist trügerisch: Am Ende erhalten die Sparer die Rechnung.

          Eine gute Nachricht aus der Eurozone jagt die nächste - das hat es schon lange nicht mehr gegeben: Frankreich, das noch vor einem Jahr mit in den Strudel Südeuropas gerissen zu werden drohte, konnte sich vergangene Woche wieder billiger Geld am Kapitalmarkt leihen. Auch Sorgenstaat Italien musste deutlich weniger Zinsen für seine neuen Staatsanleihen berappen. Und die Schweiz, die als beliebtes Anleger-Fluchtland über viele Monate hinweg Euro kaufte, um den Kurs des Frankens nicht in den Himmel schnellen zu lassen, konnte zum ersten Mal berichten, der Euro stabilisiere sich jetzt selbst.

          Es hat sich etwas verändert in dieser Eurokrise, seit Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), im Juli angekündigt hat, die EZB werde „alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten“ - und im September dann konkreter wurde, man werde notfalls unbegrenzt Anleihen kriselnder Eurostaaten kaufen. Draghis Politik scheint das Risiko eines Zerfalls der Währungsunion zunächst tatsächlich zu bannen - allerdings zu einem recht hohen Preis.

          Bild: F.A.Z.

          Wem die Ereignisse der vergangenen Woche als Beleg dafür etwas zufällig erscheinen, der kann auch die längerfristige Entwicklung der südeuropäischen Staatsanleihen oder deren „CDS“ genannte Kreditausfallversicherungen betrachten. Die Renditen für alle Südeuropa-Anleihen sind seit Draghis Ankündigung gesunken - die Kosten für die Ausfallversicherungen haben sich zum Teil halbiert.

          Augenblickserfolg oder Stabilisierung?

          Stabilisiert haben sich auch die Aktienmärkte, in Südeuropa genauso wie in Deutschland. Und auch der Wechselkurs des Euro selbst, beispielsweise gegenüber dem Dollar, ist deutlich gestiegen. Die große Frage: Ist der Befund ein Augenblickserfolg - oder spiegelt er nachhaltige Stabilisierung? Ist es womöglich sogar ein Zeichen dafür, dass die Staatsschuldenkrise in Europa ihren Schrecken verliert?

          Es gibt optimistische Ökonomen, Gertrud Traud etwa, die tüchtige Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen. Sie spricht davon, es gebe „Signale für eine Entspannung“ und „berechtigte Hoffnung, dass die Staatsschuldenkrise ihren Zenit überschritten“ habe. Traud argumentiert: Die Ankündigung der EZB, notfalls unbegrenzt Anleihen kriselnder Eurostaaten aufzukaufen, wenn diese sich zuvor unter den - mit Auflagen verbundenen - Rettungsschirm der Eurostaaten begeben haben, habe die Märkte offenbar nachhaltig beeindruckt: „Die Angst der Anleger, dass der Euro zerfallen könnte, ist kleiner geworden.“

          Dazu passt, dass auch der französische Vermögensverwalter Edouard Carmignac, immerhin einer der Stars der Branche, seine Kunden mit viel Brimborium auf ruhigere Zeiten in Europa einschwört. Bei einem eigens inszenierten Rockkonzert mit den Rolling Stones in Paris ließ er wissen, zum ersten Mal seit drei Jahren deckten sich seine Fonds wieder mit europäischen Bankaktien ein - und kauften Staatsanleihen aus Spanien und Italien. Die Begründung: Draghis wichtige Worte, mit denen die Euro-Krise zwar nicht gelöst sei - aber an Bedrohungspotential verliere.

          Ursachen sind vielfältig

          Hat Carmignac, der Milliardeninvestor, recht? Martin Feldstein, Ökonom an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard, ist skeptisch. „Ich glaube nicht, dass das einen dauerhaften Effekt haben wird“, sagt er. „Die weitere Entwicklung der Euro-Krise wird vielmehr davon abhängen, was Italien und Spanien tun werden.“ Feldstein Argumentation geht so: Mario Draghi hat seine Ankündigung konditioniert. Man werde nur Anleihen von Ländern kaufen, die unter dem Rettungsschirm ESM sind und sich zu wirtschaftlichen Reformen verpflichtet haben.

          Was aber passiert, fragt Ökonom Feldstein, wenn Länder wie etwa Spanien „strategisch“ unter den Rettungsschirm schlüpfen und brav alle Reformauflagen akzeptieren, um ins Anleihenprogramm der Notenbank aufgenommen zu werden - später aber die Vorgaben nicht einhalten? Wird die EZB wirklich die Härte aufbringen können und wollen, die Anleihekäufe sofort einzustellen? Oder wird man nicht vielmehr die Auflagen aufweichen, wie man das im Fall Griechenland gemacht hat?

          Sicher ist: Nicht an den launischen Entwicklungen der Kapitalmärkte wird man die Fortschritte bei der Bewältigung der Euro-Krise messen müssen - sondern an der Bekämpfung der Ursachen. Diese Ursachen sind vielfältig und umstritten. Zumindest auf zwei dürften sich viele Ökonomen aber wohl verständigen können: Zum einen sind die Schulden der Krisenstaaten - teils durch ihre Ausgaben als Sozialstaaten, teils durch die teure Bankenrettung - erdrückend geworden. Zum anderen sind viele Exportgüter dieser Staaten im internationalen Vergleich zu teuer - und sie können ihre Währung nicht abwerten, weil sie Teil der Eurozone sind.

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