Home
http://www.faz.net/-gqu-74ku2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Europas Zukunft Weg mit dem Nationalstaat

Der Nationalstaat ist passé. Ein zentralistisch vereintes Europa würde aber alles noch schlimmer machen. Hier kommt eine radikale Utopie: Ganz neue politische und wirtschaftliche Einheiten.

© ESA Vergrößern Um die Alpen soll sich kümmern, wer will. Wenn’s zufällig Nationen sind, dann sie - sonst andere.

Die europäische Einigung baut auf Nationalstaaten auf - was gemeinhin als selbstverständlich betrachtet wird. Ich möchte jedoch auf eine andere, bisher vernachlässigte und fruchtbarere Möglichkeit eines zukünftigen Europas hinweisen, die der Vielfalt und der Freiheit wesentlich besser entspricht. Nach meiner Vorstellung sollte die Zukunft Europas nicht an hergebrachte geographische Grenzen von Nationalstaaten geknüpft sein. Die Europäische Union braucht ein Bauprinzip, das sich an ihren realen Problemen orientiert.

Wer den neuen Bauplan erstellen will, muss zunächst die Entwicklung hin zur heutigen EU verstehen. Hier lassen sich zwei Stränge unterscheiden: das politisch orientierte Friedensprojekt und das wirtschaftlich orientierte Freihandelsprojekt.

Weitsichtige Staatsmänner

Mit der europäischen Einigung haben weitsichtige Staatsmänner wie Schuman, Monnet, Churchill oder de Gasperi ein Friedensprojekt auf den Weg gebracht, das zukünftige Kriege verhindern sollte. Denn nachdem die Konzeption der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert noch große Fortschritte gebracht hatte - wegweisend ist die Idee der Verfassung als grundlegendes staatliches Konzept, an die sich staatliche und nichtstaatliche Einrichtungen und die Einwohner zu halten haben -, haben die Nationalstaaten im 20. Jahrhundert zu gewaltigen Schäden geführt. Im Ersten Weltkrieg sind rund 10 Millionen Soldaten gefallen und eine riesige Zahl von Zivilpersonen zu Tode gekommen. Der Zweite Weltkrieg hat bis zu 60 Millionen Leben gekostet.

Mehr zum Thema

Das Frankreich von de Gaulle und das Deutschland von Adenauer haben die Voraussetzungen für europäische Institutionen geschaffen, die den Frieden zwischen den Nationalstaaten sichern sollten. Dieses Ziel wurde in der Tat erreicht, was eine große und segensreiche Leistung ist. Zur Lösung innerstaatlicher Konflikte wie in Nordirland oder Spanien haben diese Institutionen allerdings keinen merklichen Beitrag geleistet. Zudem sind die europäischen Institutionen durch ein Demokratiedefizit gekennzeichnet. Insofern ist die Europäische Union also sicherlich keine für das 21. Jahrhundert vorbildliche politische Institution.

Harmonisierung ersetzt Wettbewerb

Das wirtschaftliche Projekt EU stellt ebenfalls eine große Leistung dar. Handelshemmnisse zwischen den Nationalstaaten wurden wesentlich abgebaut und teilweise völlig beseitigt. Dieser Fortschritt wurde jedoch mit hohen Kosten erkauft: Die Brüsseler Bürokratie hat eine kaum überschaubare Zahl von Regulierungen und Direktiven erlassen. Harmonisierung und damit Uniformierung haben in vielen Bereichen den Wettbewerb ersetzt. Und anstelle flexibler Angebote für neue Beitrittsländer wird von ihnen die vollständige Übernahme des „Acquis Communautaire“, also aller geltenden europäischen Vorschriften, verlangt - als wären diese das einzig Richtige.

Gegenüber den heutigen Institutionen der Europäischen Union lässt sich ein ganz anderes Europa denken: ein Europa, das der vielfachen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Diversität Raum gibt und sie fördert. Dazu sind neuartige politische Einheiten notwendig, die sich an den zu lösenden Problemen orientieren.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bankenaufsicht und Preisstabilität Kann die EZB ihre Aufgaben sauber trennen?

In Kürze übernimmt die Europäische Zentralbank die Aufsicht über die 120 wichtigsten Banken im Euroraum. Ihr eigentliches Ziel ist die Preisstabilität. Kann sie beides trennen? Zweifler erhalten nun neue Nahrung. Mehr Von Philip Plickert

22.10.2014, 20:31 Uhr | Wirtschaft
Rufe nach Konsequenzen wegen mutmaßlicher Flüchtlingsmisshandlung

Polizeigewerkschaft: Probleme entstehen durch Privatisierung öffentlicher Aufgaben Mehr

29.09.2014, 20:17 Uhr | Politik
Angst vor Deflation Der Geldregen aus dem Hubschrauber

Aus Furcht vor einer Deflation empfehlen einige Ökonomen eine radikale Geldschwemme: Die Zentralbank sollte jedem Bürger mehrere tausend Euro schenken! Ein genialer Trick zur Ankurbelung der Wirtschaft – oder eine Schnapsidee? Mehr Von Philip Plickert

22.10.2014, 15:14 Uhr | Finanzen
Neue Aufgaben, neues Gebäude Die EZB und ihr neuer Glaspalast

Sie soll Stabilität garantieren, doch sie ist selbst im Umbau: die Europäische Zentralbank bekommt nicht nur neue Aufgaben, sondern auch ein neues Gebäude. Über 2000 Mitarbeiter sollen bis Jahresende in die 185 Meter hohen Doppeltürme in Frankfurt Ostend ziehen. Mehr

29.10.2014, 13:45 Uhr | Wirtschaft
Di Matteos Vorstellungen Es wird eng auf Schalke

Strenge Regeln in der Kabine, klare Ansagen an Boateng und Draxler: Der neue Trainer Roberto Di Matteo versucht, dem FC Schalke seinen Stempel aufzudrücken – ohne den aus London gewohnten Luxus. Mehr Von Richard Leipold, Gelsenkirchen

17.10.2014, 16:48 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.11.2012, 19:21 Uhr

Geld rettet Japan nicht

Von Carsten Germis

Die japanische Zentralbank überrascht die Märkte mit einer noch weiteren Öffnung der geldpolitischen Schleusen. Doch das rettet das Land nicht. Mehr 5 9

Umfrage

Sparen Sie angesichts der niedrigen Zinsen noch?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --