Home
http://www.faz.net/-gqe-7901t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Eurokrise und ihre Folgen Das Damoklesschwert der Euroaufwertung

Die Stärke der deutschen Wirtschaft beruht wesentlich auf dem durch die Krise schwachen Euro. Endet die Krise der Währungsunion, dann wertet die Gemeinschaftswährung stark auf - und viele Arbeitsplätze drohen verlagert zu werden.

© AP Mario Draghi hat gerade in Bratislava den neuen Fünf-Euro-Schein vorgestellt.

Ich beginne mit zwei Beobachtungen. Erstens: Das populärste Argument der deutschen Befürworter des Euro ist dieses: Wenn wir zur D-Mark zurückkehren würden, wäre diese auf dem Devisenmarkt so stark, dass unsere Exporte einbrechen würden und damit unsere gegenwärtige Prosperität zu Ende wäre. Zweitens: Seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 kann sich der deutsche Fiskus zu einem negativen Realzins verschulden. Die Rendite von Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit liegt unter der Inflationsrate.

Hinzu kommt, dass der Fiskus auf die nominellen Zinseinnahmen seiner Gläubiger Steuern erhebt. Nach Steuern liegt die Realverzinsung von Bundesanleihen bei minus 1 Prozent oder noch darunter. Der Gläubiger bekommt weniger zurück, als er gegeben hat. Die Schuldner, also Bund, Länder und Kommunen, geben weniger zurück, als sie an Kredit erhalten haben. Es gibt zwei konkurrierende Hypothesen zur Erklärung dieser sehr niedrigen Zinsen. Die eine ist die, dass es sich um ein Krisenphänomen handelt, das mit der Überwindung der Staatsschuldenkrise im Euroraum und der Weltfinanzkrise wieder verschwinden wird.

Die andere Erklärung ist die, dass wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind, in dem der private Sektor der Weltwirtschaft selbst bei einem Nullzins tendenziell einen Überhang der Ersparnisbildung über die Investitionstätigkeit aufweist, so dass bei der weltweit zu beobachtenden Anstrengung der Staaten, ihre Schulden nicht weiter anwachsen zu lassen, hohe Beschäftigung nur durch negative Realzinsen, also Inflation, gewährleistet werden kann.

Das Friedman- und das Keynes-Szenario

Diesen beiden konkurrierenden Hypothesen entsprechen gegensätzliche Rezepturen. Liegen gemäß der ersten Hypothese die niedrigen Zinsen an der Verunsicherung, die aus der Euro-Staatsschuldenkrise resultiert, dann ist es gerade der Abbau der Staatsschulden, der in den früheren Normalzustand zurückführt, in dem der Gläubiger einen Nettoertrag (nach Steuern) auf seine Staatsanleihen bekommen hat. Haben die Anhänger der zweiten Hypothese recht, so ist unter Bedingungen annähernder Preisstabilität eine Staatsschulden-Konsolidierungspolitik aller Staaten zum Scheitern verurteilt, weil dann der Überhang der privaten Ersparnis über die privaten Investitionen die Wirtschaft in eine Rezession führen muss, in der der Abbau der Staatsverschuldung erst recht nicht gelingen kann.

Bei der zweiten Hypothese ist auch zu erwarten, dass das von den Zentralbanken festgelegte Nominalzinsniveau auf Dauer bei null verharren wird, um die Konjunktur, soweit möglich, zu stützen. Im Folgenden stelle ich zwei Szenarien der Wechselkursentwicklung dar, die den beiden Erklärungshypothesen der niedrigen Zinsen entsprechen. Das orthodoxe Szenario nenne ich das Friedman-Szenario. Es entspricht der ersten Erklärungshypothese, die die Niedrigzinsphase als vorübergehendes Krisenphänomen erklärt. Das heterodoxe zweite Szenario nenne ich das Keynes-Szenario.

Es entspricht der Hypothese, dass es bei Preisstabilität ohne erhebliche und permanente staatliche Nettoneuverschuldung nicht möglich ist, Prosperität herzustellen. Bei weiter fortgeführter weltweiter Austeritätspolitik der Staatshaushalte können die Realzinsen nicht ansteigen, weil die Zentralbanken gegen den Überhang der Spartätigkeit über die Investitionstätigkeit dauerhaft ankämpfen müssen. Milton Friedman hat lange vor dem Zusammenbruch des Regimes fester Wechselkurse im Jahre 1973 schon flexible Wechselkurse propagiert. Im Friedman-Szenario ist ein Regime flexibler Wechselkurse durchaus sinnvoll.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechische Krise Grexit-Angst trifft Spanien und Portugal kaum

Der Anleihenmarkt reagiert negativ auf die Zuspitzung der griechischen Krise. Die Kurse südeuropäischer Anleihen fallen. Doch von Sorgen um eine Ansteckung ist nicht viel zu sehen. Mehr Von Martin Hock und Christoph Scherbaum

29.06.2015, 11:06 Uhr | Wirtschaft
Für Europa Das Rating der wichtigsten Länder

Bunt ist die Rating-Welt. Die FAZ.NET-Karte zeigt von Grün bis Rot zu welchen Rating-Klassen die Staaten Europas gehören. Hier unser interaktiver Überblick. Mehr Von Martin Hock und Carsten Feig

05.02.2015, 13:25 Uhr | Finanzen
Rechtliche Hürden Wie Griechenland doch aus dem Euro kommen könnte

Das Wort vom Grexit geht dieser Tage wie selbstverständlich um, dabei setzen die EU-Verträge dem Euro-Austritt Griechenlands hohe Hürden. Eigentlich bleibt nur eine Möglichkeit. Mehr

27.06.2015, 21:20 Uhr | Wirtschaft
Anti-Terror-Kampf EU-Außenminister beraten über Sicherheitsfragen

Wenige Tage nach den landesweiten Razzien in Belgien haben die EU-Außenminister darüber gesprochen, wie die Zusammenarbeit mit den nordafrikanischen Staaten und den Ländern im Nahen Osten verbessert werden könnte. Ziel ist es, den Terror durch Extremisten zu bekämpfen. Mehr

19.01.2015, 15:54 Uhr | Politik
Pimco-Chef über Griechenland Es wird ungemütlich werden

Der Neuseeländer Andrew Bosomworth ist Deutschland-Chef des Großinvestors Pimco. Er spricht über die Angst der Börse vor den Griechen, das verrückte Auf und Ab der Anleihen und die meistdiskutierte Zinserhöhung aller Zeiten. Mehr

21.06.2015, 22:38 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.05.2013, 06:24 Uhr

Maut-Schaden

Von Manfred Schäfers

Die Freude des Verkehrsministers über das Maut-Gesetz währte nur kurz. Tatsächlich rollt nun das Geld, dummerweise in die falsche Richtung: aus dem Verkehrsetat, statt hinein. Mehr 6 5


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --