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Veröffentlicht: 28.06.2015, 16:34 Uhr

Integrations-Mythos Die Sakralisierung Europas

Europa als politische Union ist ein Mythos seit der Antike - und lange Zeit auch ein ziemlich erfolgreicher. Inzwischen kann die Integrationskraft jedoch nur noch hilflos beschworen werden.

von
© dpa Menschen in einem Café in Athen

Die Queen ist klug. Sie lässt sich nicht in die Falle locken. „Wir wissen, dass Teilung in Europa gefährlich ist und dass wir uns dagegen schützen müssen, sowohl im Westen als auch im Osten unseres Kontinents“, sagte Königin Elisabeth II. in ihrer Tischrede beim Staatsbankett im Schloss Bellevue am vergangenen Mittwoch. Als man ihr daraufhin eine Anspielung auf den Grexit (Austritt der Griechen) und den Brexit (Austritt der Briten) unterstellen wollte, ließ die kluge Königin ausrichten, sie habe von der EU nicht als politischer Einheit, sondern von Europa als Kontinent gesprochen.

Rainer Hank Folgen:

Europa als politische Einheit ist eine Fiktion. Das war es von Anfang an. Es gab Europa nie, weder christlich noch antik. Europa ist eine Prinzessin aus Phönizien (das liegt irgendwo zwischen Israel und Syrien), deren sich die Ideologen im Interesse der Stabilisierung von Herrschaft bedient haben. Immer schon. Als Meister zur Herstellung dieser Herrschaftsideologie machte sich der griechische Historiker Herodot, der erste seiner Zunft, im fünften Jahrhundert vor Christus einen Namen, ein „erfindungsreicher Lügner“, ein Mann, ausgestattet mit viel kreativer Einbildungskraft.

Herodot hat den Mythos vom Abendland erfunden. Von ihm stammt die Erzählung eines Ost-West-Konflikts, den barbarische Perser angestoßen haben sollen. Es ist die klassische David-Goliath-Geschichte, die den Ursprungsmythos Europas umso mehr schmückt: Die Griechen, klein an Zahl, besiegen die vielen persischen Barbaren im Osten. Eine Geschichte, allzu schön, um wahr zu sein. Die wenigsten Historiker nehmen sie ihrem Ahnherrn heute noch ab.

Putin hat die Rolle der Perserkönige von damals

Gleichwohl ist der Mythos von Europa eine Geschichte, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Völker des Kontinents eingegraben hat. Wann immer der politische Frieden oder das wirtschaftliche Wachstum gefährdet ist, werden die Integrations-Lautsprecher aufgedreht, um mit Europa-Pathos die Straßen und Plätze zu beschallen. Demnach sitzen die gefährlicheren Gegner stets im Osten. Die Rolle der Perserkönige von damals, Darius oder Xerxes, nimmt heute der Russenherrscher Putin ein. Allemal bedarf der Mythos der europäischen Integration einer geostrategischen Unterfütterung. Krieg oder Frieden, rückwärts oder nach vorn, dafür oder dagegen – mit diesen dichotomischen Sprachmustern haben Europapolitiker immer schon etabliert, was der Religionssoziologe Hans Joas die „Sakralisierung Europas“ nennt: eine rückwärtsgewandte Idealisierung, von der sich auch hochgradig säkularisierte Intellektuelle betören lassen.

So etwas ließ sich auch in der vergangenen Woche des großen Griechenbebens beobachten, welches an diesem Wochenende wieder einmal einen Höhepunkt erlebt: als vermeintliche Rettung oder als vermeintliches Scheitern. Einerlei, wie es ausgeht, allemal ist klar: Nach der Rettung (dem Scheitern) ist vor der Rettung (dem Scheitern).

Der Euro: „Mehr als eine Währung“?

Umso mehr schwellen die Gesänge der Europa-Idealisierung jetzt wieder an. Unter dem Leitbegriff „Die Wirtschafts- und Währungsunion vollenden“ legte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, zusammen mit vier weiteren Vorsitzenden europäischer Spitzeninstitutionen (darunter auch EZB-Chef Mario Draghi), einen Bericht vor, der behauptet, nur eine Vertiefung der europäischen Integration werde Europa gegen künftige globale Herausforderungen wappnen und jedem einzelnen Mitgliedstaat zu mehr Wohlstand verhelfen. Nicht nur Europa, jetzt wird sogar der Euro sakralisiert, wenn die fünf Präsidenten behaupten, er sei „mehr als nur eine Währung“.

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Was wäre dieses Mehr? Dabei muss die Aussage, alle Mitglieder der Währungsunion hätten ihre Landeswährung „unwiderruflich“ aufgegeben, wie eine Beschwörungsformel wirken an Tagen, an denen der Grexit als Option so realistisch erscheint wie bislang noch nie. Umso vager und zugleich rhetorisch aufrüttelnder fallen die Sätze der fünf „Euromantiker“ (den Begriff hat Hans Magnus Enzensberger geprägt) aus: „Ihr gemeinsames Schicksal erfordert, dass sich alle Mitglieder der Währungsunion in Krisenzeiten solidarisch verhalten.“ Solidarität klingt immer gut, weil sich jeder etwas anderes darunter vorstellen kann.

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