07.03.2007 · In vielen EU-Ländern hat sich das Wohlstandsgefälle zwischen Reich und Arm verstärkt. Einkommensunterschiede zwischen Chefs und Angestellten sind größer geworden, geht aus einer Umfrage hervor.
Der Prozess der Globalisierung hat den wirtschaftlichen Umbruch in Europa beschleunigt. Dies geht mit einschneidenden gesellschaftspolitischen Veränderungen einher. Die von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene „Eurobarometer-Umfrage“ bestätigt diese Entwicklung. Die Ergebnisse bezeugen nicht nur den Wandel von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften. In vielen Ländern der Europäischen Union hat sich das Wohlstandsgefälle zwischen Reich und Arm eher verstärkt. Beobachten lässt sich auch ein Trend, wonach traditionelle Bindungen an Familie, Kirche, Gewerkschaften oder auch das Gemeinwohl zugunsten einer mehr auf Individualität setzenden Lebensweise schwinden.
Die Ergebnisse der Umfrage hat die Beratergruppe für europäische Politik (Bepa) der Europäischen Kommission jetzt analysiert und in einem Bericht mit dem Titel „Soziale Wirklichkeit in Europa“ zusammengetragen. Er soll in die Debatten des durch wirtschaftspolitische Themen beherrschten Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs an diesem Donnerstag und Freitag einfließen. Ziel ist es, eine umfangreiche Diskussion über das Streben nach mehr Wettbewerbsfähigkeit und die Folgen für das „soziale Wohlergehen“ anzustoßen.
Einkommen in Unternehmen klaffen auseinander
Die Verfasser des Berichts, Roger Liddle und Frédéric Lerais, kommen zu dem Schluss, dass die Globalisierung nicht die eigentliche Triebfeder des Wandels sei, sondern allenfalls die Fortentwicklung der maßgeblich auf die Informationstechnik und Dienstleistungen gestützten „Wissensgesellschaft“ beschleunige. 2005 seien schon mehr als 40 Prozent aller Beschäftigten in diesen Branchen tätig gewesen. In Schweden lag der Anteil bei 54 Prozent, in Portugal erst bei 26 Prozent. Während das Einkommensgefälle zwischen den EU-Staaten insgesamt rückläufig ist, hat es innerhalb der EU-Länder eher zugenommen.
Charakteristisch seien die Schwierigkeiten traditioneller Industriereviere wie Lothringens oder des Ruhrgebiets, ein neues „wirtschaftliches Rückgrat“ zu finden. Aber auch innerhalb von Unternehmen klaffe das Einkommen stärker auseinander: Der Vorstandschef eines britischen Unternehmens verdiene jetzt das Hundertfache eines einfachen Angestellten; vor zwei Jahrzehnten war es erst das Dreißigfache. Liddle und Lerais erläutern jedoch: „Es ist eindeutig ein Mythos, zu glauben, dass diese Ungleichheit nur in der angelsächsischen Welt zunimmt.“
86 Prozent sind „recht zufrieden“
Bei aller Sorge über die Folgen des Wandels sind laut „Eurobarometer“-Umfrage 86 Prozent der Bürger in den EU-Ländern mit ihrem eigenen Leben „recht zufrieden“. Sogar 51 Prozent sind der Meinung, dass sie durch ihre Sozialversicherung ausreichend geschützt seien. Insgesamt schätzen die Bürger ihre individuellen Zukunftschancen allerdings besser ein als die Gesamtperspektive für die Gesellschaft.
Am deutlichsten wird dies in der Bewertung der Zukunftschancen der heutigen Generation der Jugendlichen. Auf die Frage nach den Perspektiven derjenigen, die heute im Kindesalter sind, antworteten nur 17 Prozent, dass diese Altersgruppe es leichter haben werde als sie selbst. Fast zwei Drittel - 64 Prozent - sind hingegen der Ansicht, dass es die junge Generation schwerer haben werde als sie selbst.
Gute Ausbildung als Schlüssel zum Erfolg
Fragt man hingegen nach der Bewertung ihrer persönlichen Entwicklung in den kommenden fünf Jahren, antworten die knapp 27.000 Befragten optimistischer: Nur jeder Siebte - 14 Prozent - erwartet, dann selbst in einer schlechteren Lage als jetzt zu sein. 41 Prozent rechnen mit einer Verbesserung, 40 Prozent mit einer gleichbleibenden Entwicklung. Auch dahinter verbirgt sich ein differenziertes Bild: Mit der größten Zuversicht in der EU blicken die Esten in die Zukunft. 60 Prozent rechnen mit einer Verbesserung, aber nur sechs Prozent mit einer Verschlechterung. Ähnlich positiv ist die Stimmung in Großbritannien (53 Prozent Optimisten, neun Prozent Pessimisten). Schwarzgesehen wird vor allem in Ungarn, wo nur 25 Prozent eine Verbesserung, aber 38 Prozent eine Verschlechterung ihrer persönlichen Lage erwarten. In Deutschland halten sich Optimisten (26 Prozent) und Pessimisten (23 Prozent) die Waage - wobei in Ostdeutschland negative Erwartungen (29 Prozent) leicht überwiegen, zuversichtlich sind dort 28 Prozent der Befragten.
Liddle und Lerais erklären die Kluft zwischen der eher pessimistischen Betrachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und der positiv bewerteten persönlichen Perspektive mit folgender, in der EU verbreiteten Erkenntnis: „Meinem Land mag es nicht so gutgehen, aber ich kümmere mich gut um mich selbst.“ Auf die Frage nach dem Schlüssel zum persönlichen Erfolg nannten 62 Prozent eine gute Ausbildung. Es folgten „Hart arbeiten“ (45 Prozent), die „richtigen Kontakte“ (26 Prozent), „Glück haben“ (24 Prozent) und „Clever sein“ (17 Prozent).
Besonders viel Wert auf gute Ausbildung wird in Dänemark (83 Prozent) und Deutschland (81 Prozent) gelegt. Zu den kuriosen Ergebnissen der Umfrage gehört, dass in Schweden gute Verbindungen (54 Prozent) als wichtiger für den Erfolg als harte Arbeit (41 Prozent) gelten. In Litauen gilt Cleverness (36 Prozent) mehr als harte Arbeit (23 Prozent). Zur „sozialen Wirklichkeit“ Europas zählt wohl auch, dass auf Malta elf Prozent der Befragten es als Schlüssel zum Erfolg betrachten, männlichen Geschlechts zu sein. Auf der anderen EU-Inselrepublik im Mittelmeer, Zypern, gab nur ein Prozent der Befragten eine entsprechende Antwort.
Umfragen und Studien usw.
Peter horrex (Eysel)
- 07.03.2007, 13:53 Uhr
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