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Euro-Krise : Holt die EZB jetzt die „Bazooka“ raus?

Am laufenden Band: Euro-Produktion in der Bundesdruckerei Bild: dapd

Eine Billion oder mehr - die Euro-Rettung wird immer teurer. Die Versuchung ist groß, die geldpolitische Panzerfaust abzufeuern und einfach frische Banknoten zu drucken.

          Die Angst ist bei den Menschen angekommen. „Wo soll die ganze Euro-Retterei nur hinführen“, fragen sie. Einige gehen auf die Straße, demonstrieren gegen Banken und Regierungen. Andere reagieren unauffälliger - sie horten Gold oder Bargeld. Das Vertrauen ist dahin: Mittlerweile sagen 55 Prozent der Deutschen, sie seien „stark“ oder „sehr stark“ beunruhigt - weil sie das Gefühl haben, jetzt geht es an ihr Vermögen. In einer Leserbefragung der F.A.S. sagten 91 Prozent der Teilnehmer, sie würden dem längst geplanten dauerhaften Eurorettungsmechanismus ESM die Zustimmung verweigern.

          Es geht darum, wer für die gewaltigen Schulden zahlen muss

          Christian Siedenbiedel
          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf den ständigen Gipfeln, zu denen Europas Staats- und Regierungschefs auch am heutigen Sonntag und am kommenden Mittwoch wieder zusammenkommen, werden die Weichen gestellt, wie Europa künftig mit der Staatsschuldenkrise umgehen will. „Es werden Leitlinien aufgestellt, die fatale Folgen haben können“, warnt Stefan Homburg, Professor für Finanzen in Hannover. Es geht darum, wer für die gewaltigen Schulden der Staaten im Süden Europas am Ende zahlen muss.

          Griechenland ist noch das geringste Problem. Was aber wird sein, wenn die Schulden und Zinsen größerer Länder - Spanien, Italien - zu erdrückend werden und die Eurozone als Ganzes mitzureißen drohen? Bislang funktionierten die Rettungsaktionen so: Die soliden Länder haben für immer größere Summen die Staatsanleihen der Krisenstaaten garantiert. Das half aber nie lange (siehe Grafik). Also müssen immer mehr und immer neue Garantien her: Die Hilfe tendiert Richtung unendlich. Das Retten zwingt die Retter in die Knie. Schon hat die Ratingagentur Moody’s kund getan, auch Retter-Land Frankreich könnte bald sein „AAA“-Rating verlieren.

          Entweder Pleite oder Solidarität - oder Bazooka

          Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Dem Schuldner die Last erleichtern oder aber die Lasten auf alle umlegen, die in Euro zahlen. Entweder man lässt überschuldete Länder pleite gehen. Ökonomen nennen das einen „Default“. Dann regelt sich das Problem wie bei jeder Pleite - die Gläubiger (Banken, Private) müssen auf Forderungen verzichten. Oder aber man überträgt die Rettungsaufgabe auf Dauer an eine Institution, die über unbegrenzte Mittel verfügt. Unbegrenzt über den Euro verfügen kann in Europa nur die Europäischen Zentralbank - weil sie das Geld drucken kann. Sie ist - scheinbar - allmächtig.

          Nur die EZB hat die große „Bazooka“, eine „Panzerfaust“, welche die Märkte in die Schranken weisen könnte. Aber zu welchem Preis? Die Idee, die Schuldenkrise mit der „Bazooka“ zu lösen, heißt: So viel Geld für notleidende Euro-Staaten zur Verfügung zu stellen, dass kein Anleger auf der Welt mehr glauben kann, dass überhaupt je ein Euroland noch pleite gehen kann. Monetisierung nennt man so etwas. Dann, so hofft man, würden auch die Spekulanten Ruhe geben.

          Was aus der Bazooka rauskommen kann: Euro-Scheine bündelweise
          Was aus der Bazooka rauskommen kann: Euro-Scheine bündelweise : Bild: dpa

          „Default“ oder Monetisierung durch die „Bazooka“, so könnte sich bald für die Politiker im Euroraum die Rettungs-Alternative darstellen. Wie werden Sie dann entscheiden? „Die Kosten für einen Default werden systematisch überschätzt, die Kosten für eine Monetisierung werden unterschätzt“, sagt Finanzprofessor Homburg. Was er meint: Politiker, die wiedergewählt werden wollen, fürchten eine kleine Katstrophe (die Staatspleite) mehr als eine lang dauernde größere Katastrophe (die Monetisierung). Das ist rational: Denn ersteres könnte ihr politisches Ende sein, letzteres „nur“ das Ende der vermögenden Mittelschichten in Deutschland und anderswo.

          Hinter dem Streit um den EFSF-Hebel verbirgt sich Sorge um Geldstabilität

          Gewiss, eine Staatspleite eines großen Landes in Europa wäre schlimm. Doch sie zu verschleppen, werde noch teurer, sagt Ökonom Homburg. Es gefährdet letztendlich die Stabilität des Geldes selbst. Und damit alle Vermögen, Einkommen und Renten. Das mussten die Deutschen in der Hyperinflation 1922/23 erfahren. Das Trauma haben sie an Enkel und Urenkel weiter gegeben.

          Diese Angst verbirgt sich hinter dem Streit, der zwischen Deutschland und Frankreich darüber tobt, wie die Schlagkraft des Rettungsfonds EFSF erhöht („gehebelt“) werden kann. Das könnte nötig werden. Denn schon wurde das Rating der italienischen Staatsanleihen vergangenen Dienstag herabgestuft. Womöglich, drohen die Franzosen, reichen am Ende alle Hebel nicht, die aus großen Summen noch größere Summen machen, und es braucht die allmächtige Geldmaschine der EZB.

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