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Essay Ein Vereinigtes Europa der Narren?

 ·  Politische Korrektheit verlangt, Europas Einheit als Wert an sich anzusehen. Doch dass die Folgen der Einheit immer positiv sein müssen, kann nur glauben, wer Europa-Politiker für Übermenschen hält.

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© picture-alliance / Bildagentur H Vergrößern Die Narren sind wieder los.

Unter politischer Korrektheit kann man das Bedürfnis nach Übereinstimmung mit der Masse der Mitmenschen verstehen, auch um den Preis der Ausschaltung der eigenen Vernunft, wobei meist das Bekenntnis zu Werten und Zielen das Nachdenken über geeignete Mittel in den Hintergrund drängt. Wer Konsens für einen Wert an sich hält, für den ist eigenes Nachdenken - wie es die Kanzlerin im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte so schön sagte - "nicht hilfreich".

In der Europa-Politik äußert sich die politische Korrektheit in lautstarken Bekenntnissen zu Europas Einheit als Wert an sich in der unreflektierten Behauptung, dass Europas Einheit den europäischen Frieden sichere. Unreflektiert ist diese Behauptung, wenn man sich weigert, Alternativen für die Erklärung des europäischen Friedens auch nur in Erwägung zu ziehen. Ich will hier nur eine Alternative andeuten: Die Nato oder die dort institutionalisierte amerikanische Hegemonie könnte für den Frieden Europas verantwortlich sein.

Unreflektiert ist die These von Frieden durch Einheit in Europa auch, wenn man sich nicht die Frage stellt, welche Art von Einheit für den Frieden am bedeutsamsten ist. Ist es etwa die Brüsseler Bürokratie mit dem Demokratiedefizit der Europäischen Union? Ist es der im Großen und Ganzen funktionierende Binnenmarkt der größeren Europäischen Union, oder ist es der wesentlich schlechter funktionierende und kleinere Währungsverbund der Euro-Staaten?

Unreflektiert ist die These von Frieden durch Einheit in Europa auch, wenn man so tut, als ob die Fragen nach den Folgen von Europas Einheit für Wohlstand, Wachstum und Demokratie entweder belanglos sind oder automatisch positiv. Beides kann kein vernünftiger Mensch für wahr halten. Für belanglos kann man die Folgen der europäischen Einheit nur halten, wenn man glaubt, dass auch ein erfolgloses und verarmendes Europa demokratisch, einig und friedlich bleibt. Wer das glaubt, sollte sich zu dieser These bekennen.

Dass die Folgen der europäischen Einheit immer positiv sein müssen, kann nur glauben, wer Europa-Politiker für Übermenschen hält, die sich grundsätzlich nicht irren können. Das halte ich für Hybris. Hochmut kommt vor dem Fall. Im November 2011 fing die "Financial Times" und ihr Star Martin Wolf an, das Undenkbare zu denken: das Ende des Euro. Nebenbei: Der Titel von Wolfs Aufsatz erinnert an ein fast 50 Jahre altes Buch von Herman Kahn über den Atomkrieg. Auch wenn Bundestag und Bundesregierung es noch nicht wahrhaben wollen: Der Euro war wohl die folgenschwerste Fehlentscheidung der deutschen Nachkriegsgeschichte.

- Was ist Europa?

Europa ist der Kulturkreis oder die Zivilisation, die die freie Marktwirtschaft oder den Kapitalismus erfunden hat, die Naturwissenschaft und Technologie eher und mehr als andere Hochkulturen entwickelt hat, die als erste die Massenarmut überwunden hat. Weder zur erstmaligen Überwindung der Massenarmut noch zur Beherrschung der Welt bis zum Zweiten Weltkrieg war Europa prädestiniert. Das europäische Mittelalter hat ein amerikanischer Globalhistoriker technologisch, wissenschaftlich und wirtschaftlich als ein Zeitalter der chinesischen Suprematie bezeichnet. Noch am Anfang des 19.Jahrhunderts war China die größte Volkswirtschaft der Welt. Noch im 17.Jahrhundert standen die Türken vor Wien.

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Der Autor

Erich Weede, geboren 1942 in Hildesheim, ist emeritierter Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an der Universität Bonn. Zugleich Diplom-Psychologe, gilt Weedes Interesse der Konfliktforschung, der Einkommensverteilung, dem Aufstieg und Niedergang von Nationen und Wachstumsvergleichen. Der Hayekianer spricht klar und formuliert scharf. Der oben stehende Aufsatz basiert auf einem Vortrag, den er kürzlich auf dem Forum Freiheit in Berlin gehalten hat. (hig.)

Quelle: F.A.Z.
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