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Erziehung Sei nett zum Kind, das nützt seinen Genen

17.08.2008 ·  Was bestimmt den Menschen? Ist es Schicksal, ob wir klug oder dumm, gesetzestreu oder kriminell zur Welt kommen? Oder ist es unser Umfeld, das uns prägt, fördert oder uns den Charakter verdirbt? Die aktuelle Forschung zeigt: Weder Natur noch Umwelt sind allein verantwortlich.

Von Sonja Kastilan
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Wie wäre es, wenn der Babybrei über die Zukunft eines Kindes entscheiden könnte? Je nach Rezept ließe sich ein Talent fördern: Möhren stärken die Kreativität, Erbsenpüree das Zahlenverständnis, und Apfelkompott erhöht den emotionalen Quotienten. So würde früh etwa ein Bestsellerautor, Arzt, Börsenguru oder eine Politikerin geformt - ganz nach dem Vorbild der Honigbienen.

Bei den Insekten bestimmt schlicht die Ernährung, ob sich eine Larve zur sterilen Arbeiterin entwickelt oder dank des verfütterten „Gelée royale“ zur fruchtbaren Königin. Ihr genetisches Erbe ist ursprünglich das gleiche, aber hier regiert die Diät über die Gene und liefert ein berühmtes Beispiel für die Diskussion „Nature versus Nurture“ und die Frage: Was hat mehr Macht: Umwelt oder Erbgut?

Zusammenhänge zwischen Umfeld, Erbgut und Verhalten

„Honigbienen sind als soziale Insekten dafür interessante Studienobjekte“, sagt Moshe Szyf von der McGill-Universität in Montreal. Denn wie aktuelle Studien zeigen, sorgt die Larvendiät für Markierungen an den Genen und reguliert damit ihre Aktivität auf Dauer: Erbinformationen werden gezielt mit Hilfe von Methylgruppen stillgelegt, sie erhalten quasi biochemische Schlösser. Dieser sogenannte epigenetische Einfluss von Umweltfaktoren ist bei Bienen besonders ausgeprägt, dominiert ihr ganzes Dasein. Doch auch beim Menschen finden sich Hinweise für Veränderungen auf Basis der Epigenetik. Szyf hat sie zum Beispiel im Gehirngewebe von Selbstmördern entdeckt, die als Kinder misshandelt wurden. Die Erlebnisse in früher Kindheit haben sich offenbar in Form von Methylgruppen an den Genen niedergeschlagen - und womöglich das spätere Verhalten bestimmt.

Diese Annahme hegt Szyf aufgrund von Tierversuchen seines McGill-Kollegen Michael Meaney: Ratten, die von ihren Müttern einst vernachlässigt wurden, waren ängstlicher und anfälliger für Stress als umsorgte Artgenossen. Es fanden sich epigenetische Veränderungen an Genen, die bei den Suizidopfern nun ebenfalls auffielen. Zwar fehlt bisher der direkte Beweis, aber Szyf ist überzeugt, dass hier Zusammenhänge zwischen äußerem Umfeld, Erbgut und Verhalten bestehen. Er versucht dies in weiteren Studien genauer zu beleuchten.

Neue Argumente durch Epigenetik

Traumatische Erfahrungen besitzen demnach Einfluss auf ein Individuum, aber auch die Gesellschaft oder der Lebensstil kann Genaktivitäten steuern. Das stellten Forscher etwa bei Patienten mit Prostatakrebs fest, nachdem diese ihre Ernährung auf eine gesündere Kost umstellten und sich mehr bewegten. Bei marokkanischen Berbern konnten klare Unterschiede im Aktivitätsmuster beobachtet werden, je nachdem, ob sie als Nomaden lebten, in ländlichen Regionen hausten oder in der Stadt. Die Umgebung beeinflusst also die Gene - und das bereits ohne irgendwelche epigenetischen Markierungen.

Andere Untersuchungen zeigen, dass die Familie und das persönliche Umfeld sogar verhindern können, dass sich junge Männer aggressiv verhalten, obwohl sie durchaus eine bestimmte genetische Veranlagung dafür besitzen. Solche Studien und das Forschungsfeld der Epigenetik liefern derzeit neue Argumente, dass weder Natur noch Umwelt allein die ganze Verantwortung tragen. Ein Mensch ist aber viel mehr als nur die Summe der jeweiligen Effekte: Hinzu kommen immer die Folgen aus dem komplexen wechselseitigen Zusammenspiel von Genen und Umwelt, davon geht der britische Psychopathologe Michael Rutter aus.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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