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Erwachende Riesen (7) Pilsner Urquell ist jetzt afrikanisiert

31.12.2004 ·  Gold, Diamanten, Mangan, Platin - daß Südafrika dort Weltmarktführer ist oder war, ist geläufig. Aber beim Bier? Die südafrikanische SAB-Miller ist die drittgrößte Brauerei der Welt.

Von Robert von Lucius
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Gold, Diamanten, Mangan, Platin - daß Südafrika dort Weltmarktführer ist oder war, ist geläufig. Aber beim Bier? Die Überraschung hat ihre Geschichte: ein vor seinen Gläubigern fliehender schwedischer Einwanderer, der gleich nach seiner Ankunft 1819 in der "Mutterstadt" Kapstadt seinen Namen änderte, eine reiche Witwe heiratete und mit ihrem Geld eine Brauerei am Fuße des Tafelbergs gründete.

Wer will, findet in dieser Geschichte Parallelen zum Aufschwung der aus ihr hervorgegangenen South African Breweries (SAB) in den vergangenen Jahren. Dabei geht es um Wagnismut und Weitsicht, Fusionen, neue Märkte und jetzt mit SAB-Miller plc auch einen neuen Namen. Nur die Richtung stimmt nicht mehr. Damals kam der Anstoß aus dem industrialisierten Norden in ein junges Land, jetzt kehrt die Tochter zurück und übernimmt in rasantem Tempo Brauereien in aller Welt.

Einen ganz großen und einen traditionellen „geschluckt“

Nur von Australien und dem nördlichen Westeuropa hält sich SAB-Miller noch weitgehend fern. Auch das dürfte sich in absehbarer Zeit ändern. In China, in Osteuropa, in Lateinamerika und in Afrika ohnehin ist der Konzern, der im laufenden Geschäftsjahr den Umsatz von 10 Milliarden Euro deutlich überschreiten dürfte, jeweils unter den größten zwei oder drei Brauereien zu finden. Südlich der Alpen kaufte er mit Birra Peroni den zweitgrößten italienischen Bierhersteller.

Die international größte Aufmerksamkeit erwarben sich die Südafrikaner mit zwei Zukäufen: zum einen mit einem der "ganz großen" amerikanischen Braukonzerne, der Miller Brewing, dem Kauf, der zur Namensänderung führte, zum anderen mit der tschechischen Traditionsmarke Pilsner Urquell.

Ein Aufstieg seit dem Fall der Apartheid

Die Käufe steigerten Ausstoß und Status gleichermaßen. Ein dritter Coup hingegen mißlang gegen den amerikanischen Rivalen Anheuser Busch, hinter dem der Konzern zeitweise auf Rang zwei der größten Brauereien der Welt lag. Inzwischen rangiert SAB-Miller auf Platz drei, denn derzeit liegt die belgische Interbrew an der Spitze. In China gewann Anheuser Busch den ersten feindlichen Übernahmekampf um einen chinesischen Konzern. Anheuser Busch kaufte zwar die Harbin Brauerei zu einem vermutlich überteuerten Preis; aber SAB-Miller kaufte still und leise eine andere fast ebenso große chinesische Brauerei.

Als in Südafrika die Apartheid fiel, war SAB noch die siebtgrößte Brauerei der Welt. Einiges begünstigte ihren Aufstieg: Neben den für Käufe in Afrika und in den Vereinigten Staaten günstigen Wechselkursen, dem erstarkenden südafrikanischen Rand und dem schwächeren Dollar waren es vor allem politische Verschiebungen. Südafrika wurde nach Jahren wirtschaftlicher Isolation respektabel.

Getränke von Limonade bis zu Hirsebier

Die internationale Expansion begann in den nördlichen Nachbarstaaten, und die Ertragskraft wuchs. Der Aufschwung der südafrikanischen Wirtschaft führte zum Fortfall nicht nur von Handelsschranken, sondern auch von Devisenbeschränkungen. So mußte SAB ihren Gewinn nicht mehr in Südafrika anlegen, was es lange genutzt hatte für den Aufbau meist ertragsstarker Hotelgruppen, Kasinos, Abfüllanlagen für alkoholfreie Getränke von Limonaden bis zu Fruchtsäften und den Ausbau des traditionellen Hirsebier-Geschäfts.

Teils wird dieser Vermögensbestand jetzt mit Gewinn verkauft und in den Ausbau des Kerngeschäfts geleitet, wie vor einigen Monaten der Anteil an einer großen Bekleidungskette. Es scheint ironisch, daß dieses Monopol gerade dann unterlaufen werden kann, wenn internationale Aufmerksamkeit und Bierverbrauch besonders hoch sein werden: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika kann eine lange Verbindung zwischen dem internationalen Fußballverband Fifa und Budweiser den Verkauf südafrikanischen Biers in den Stadien behindern.

Wenn es sein muß auch mit harten Bandagen

Mit Jacobus Meyer Kahn steht zunächst als Vorstand, jetzt als Aufsichtsratschef seit langen Jahren eine knorrige Unternehmergestalt an der Spitze des Konzerns; er setzt die Weitsicht der schwedischen Gründer fort, scheut aber harte Bandagen nicht. Wer als Bierbrauer auf den südafrikanischen Markt vorstoßen wollte, auf dem SAB beim Hellbier mit 98 Prozent Marktanteil ein Fast-Monopol hat, bekam das zu spüren - auch kleine Rivalen wie die Namibian Breweries aus dem Nachbarland Namibia und die Bavaria Bräu mit deutschem Hintergrund. Zugriffe auf Hotels, Bars und Verkaufsstätten sorgten dafür, daß deren Bier auf den Regalen gut versteckt wurde: So ist Namibian Light manchmal leichter in Bars in Stockholm zu erhalten als in Johannesburg. Einen ähnlich harten Kampf muß SAB-Miller indes auf dem amerikanischen Markt mit Anheuser Busch austragen, wo der Wettbewerber in Anzeigen darauf verwies, Miller sei jetzt "südafrikanisches, nicht mehr amerikanisches Bier".

SAB-Miller konzentriert sich auf Schwellenmärkte, die mit größerem Wachstum und größeren Gewinnmargen, aber auch größeren Risiken behaftet sind. Der in London wie auch in Johannesburg börsennotierte Konzern hat seinen offiziellen Sitz mittlerweile in London, wird aber weiterhin von einem Büro auf einem Höhenzug der südafrikanischen Metropole Johannesburg aus gesteuert. Nach eigener Einschätzung ist er der einzige Konzern für schnellebige Verbrauchsgüter mit Weltrang, der seinen Ursprung in einem "Drittweltland" hat.

Jetzt zählt sein Bier zu den Marktführern in Lateinamerika wie auch in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas von Polen und Ungarn bis Rußland: Osteuropa ist nach Südafrika der größte Gewinnbringer. Im vergangenen Jahr wurden 137,9 Millionen Hektoliter verkauft, deutlich mehr als alle deutschen Brauereien zusammen. Zwei Drittel des Reingewinns kommt aus Schwellenmärkten, Entwicklungsländern und Osteuropa. Neuerwerbungen, zuletzt etwa in Rumänien, werden weitgehend aus den Gewinnen - im Geschäftsjahr 2003/04 lag er bei 1,1 Milliarden Euro bei einem Jahresumsatz von 10 Milliarden Euro - finanziert. Umsatz und Gewinn steigen auf vielen Märkten alljährlich um zwischen 20 und 50 Prozent; entsprechend steigt auch der Aktienkurs fast beständig. Daran hatte einen wesentlichen Anteil, daß es der Gruppe trotz Warnungen von Analysten gelang, die für 5,6 Milliarden Dollar erworbene kränkelnde Miller-Brewing-Gruppe rasch zu festigen und verlorene Marktanteile in Amerika zurückzugewinnen. Auch im ersten Halbjahr 2004/05 (30. September) konnte SAB-Miller mit 42 000 Mitarbeitern seinen Reingewinn mehr als verdoppeln. So wundert es nicht, daß der nach Umsatz drittgrößte südafrikanische Konzern derzeit einen Großkauf in Kanada vorzubereiten scheint.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 19
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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