14.06.2004 · Müsliriegel statt Banane, Joghurt statt Apotheke: Die Ernährungsindustrie peppt Lebensmittel mit Vitamin C und Folsäure auf. Für Faule, die es bezahlen können.
Von Sybille WilhelmDie Idee ist bestechend: Wenn man keine Gelegenheit hat, Obst oder Gemüse zu essen, hilft der Griff zum "gesunden" Fertigprodukt. Das verspricht die Ernährungsindustrie. In gesättigten Märkten, zumal im Preisdumpingland Deutschland, erkennen die Produzenten von "Functional Food" die Gelegenheit, Lebensmittel mit einem Zusatznutzen und einem ordentlichen Preisaufschlag zu versehen.
Die sogenannten probiotischen Lebensmittel, die Nestle und Yakult seit 1996 lancierten, ebneten der Branche in Deutschland den Weg. Nestle ließ sich die Einführung des Produkts und vor allem die Erklärung, was überhaupt probiotisch bedeutet, ein paar Millionen Euro kosten. Nur zwei Jahre später enthielt bereits jeder siebte verkaufte Joghurt derlei Milchsäurebakterien. Heute sind die Joghurts für die Darmgesundheit mit knapp 860 Millionen Euro Jahresumsatz in Europa das größte Segment beim Functional Food. Tendenz steigend: Für 2007 prognostiziert das Forschungsinstitut Datamonitor allein dieser Produktsparte ein Plus von gut sieben Prozent auf mehr als 1,2 Milliarden Euro.
Psychische und emotionale Vorteile
Und das, obwohl der Darm statistisch gesehen eigentlich nicht die erste Sorge des Konsumenten sein müßte. Denn sowohl das Risiko als auch die tatsächlich diagnostizierten Erkrankungen sind in den Bereichen Knochen und Herz-Kreislauf wesentlich höher. "Die Produkte für die Darmgesundheit bieten den Konsumenten weit mehr Vorteile, als nur der Gesundheit etwas Gutes zu tun", erläutert Andrew Russell, Analyst bei Datamonitor. "Es sind psychische und emotionale Vorteile, die der Konsument allein durch das Wissen erlangt, daß er gesund ißt."
Das gute Gewissen lassen sich die Konsumenten einiges kosten. Die Deutschen geben jährlich durchschnittlich 176 Euro für das Essen mit besonderem gesundheitlichen Nutzen aus und sind damit Europameister. Von 1997 bis 2002 hat sich die Zahl der gesundheitsbewußten Lebensmittelkäufer von 2,5 Millionen auf 5,4 Millionen mehr als verdoppelt. Bis 2007 sollen den Datamonitor-Prognosen zufolge rund 7,3 Millionen Konsumenten in Deutschland Functional Food in den Einkaufswagen packen.
Nutzen umstritten
Ihr Nutzen ist umstritten. Zu jeder Studie, die den Nutzen beweist, gibt es eine Gegenmeinung, die sich ebenfalls ganz plausibel anhört. Die Industrie verdient gut am Wellness-Trend. Während beispielsweise ein 500-Gramm-Becher der Margarine Rama im Supermarkt rund 90 Cent kostet, zahlt der Verbraucher für eine halb so große Packung Becel pro-aktiv, die ebenfalls aus dem Hause Unilever kommt und den Cholesterinspiegel senken helfen soll, knapp drei Euro.
Anlaß zur Hoffnung hat die Lebensmittelindustrie darüber hinaus bei einem Blick auf die Selbstmedikation. Zum Beispiel wurden 2003 in Deutschland allein für Kalziumpräparate knapp 167 Millionen Euro ausgegeben. Den Weg zur Apotheke könnte man sich, wenn es nach den Lebensmittelherstellern geht, bald sparen, indem man mit Kalzium angereicherte Lebensmittel kauft.
Konsumentengruppen gezielt bedient
Und die Industrie wird noch konkreter. Statt beispielsweise mit den probiotischen Produkten seiner Darmflora generell etwas Gutes zu tun, werden fortan Konsumentengruppen gezielt bedient. Nestle, derzeit auf dem Weg vom Lebensmittelhersteller zu einem Wellness-Konzern, hat auch dabei wieder die Nase vorn: Mit der kürzlich eingeführten "Nutrel"-Serie kümmert sich der Hersteller speziell um schwangere Frauen und osteoporosegefährdete Konsumentinnen. "Nestle Deutschland bietet maßgeschneiderte Lebensmittel an, die auf einfache, schnelle und bequeme Weise aktive Gesundheitsvorsorge in Form von Snacks und Cocktails ermöglichen", nennt Nestle-Nutrition-Chef Ferdinand Haschke das Ziel der neuen Produktreihe.
Schwierigkeiten mit der Disziplin
Dabei profitiert der Lebensmittelproduzent von der mangelnden Ernährungsdisziplin vieler Konsumenten. "Verbraucher haben Schwierigkeiten, Ernährungsempfehlungen in die Praxis umzusetzen", sagt Haschke. Denn die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag verzehren gerade einmal fünf Prozent der Bevölkerung. Gleichwohl sind 67 Prozent der Bevölkerung problembewußt oder "pro-aktiv lebensbejahend", hat Nestle herausgefunden. Somit bilden gut zwei Drittel der Bevölkerung die Zielgruppe für die einfach zu konsumierenden Nestle-Produkte, die sich rund um die Gesundheit drehen.
Bis 2010 soll Functional Food nach einer Unilever-Prognose rund ein Viertel des weltweiten Lebensmittelmarktes ausmachen. Bis zum Jahr 2050 rechnet Nestle gar mit einem Anteil von 50 Prozent am Gesamtmarkt. Und dann gibt es ja noch andere Märkte: Der Tierfuttermittelhersteller Masterfood verzeichnet seit neuestem auch im Snacksegment für Hunde einen immer stärkeren Trend zu Functional Food.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2484 | −0,03% |
| Rohöl Brent Crude | 106,85 $ | −0,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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