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Ernährungsindustrie : Bio in grünem Kreuzfeuer

Die Biolandwirtschaft ist eine erwachsende und boomende Industrie geworden – und hat dabei auch einige ethische Ideale auf dem Weg gelassen. Jetzt stolpert sie über ihre utopische Frühzeit.

          Die Biolandwirtschaft ist erwachsen geworden und selbst Industrie. Sie trägt mehr als fünf Prozent zur Ernährung bei, leistet also Massenproduktion. Biobauern sind zunehmend spezialisiert, die Produkte standardisiert, die Arbeitsteilung schreitet voran, kaum ein Biobauer profitiert nicht vom technischen Fortschritt. Doch genau das ist ihr Dilemma: Je größer sie wird, desto angreifbarer wird die Ökolandwirtschaft. Woran liegt das?

          Die Branche, die sich von diesem Donnerstag an in Nürnberg auf der weltgrößten Ökolebensmittelmesse Biofach präsentiert, zeigt zwei Gesichter. Das eine freut sich über einen wieder einmal gewachsenen Umsatz und Marktanteil, über die im Vergleich zu anderen Landwirten exzellente Einkommenslage der Ökobauern und überhaupt übers Erwachsensein. Das andere Gesicht sieht leidend aus. Es leidet unter schlechter Presse, die zunehmend auch hier Skandale ausmacht: eingepferchte Sauen bei Herrmannsdorfer, verbotene Antibiotika bei Bioland. Die Empörung speist sich aus einer wachsenden Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

          Agroindustrie, Giftmischer, Massentierhalter

          Blickt man von den überwiegend emotionalen oder ökologisch motivierten Wünschen der Verbraucher auf die Landwirtschaft, so ist „Bio“ in vielerlei Hinsicht nur ein bisschen besser als die „konventionelle“ Landwirtschaft. Es gibt auch beim Ökobauern regelmäßig Antibiotika für die Tiere, die auch dort in Massen gehalten werden, wenn auch im Durchschnitt in kleineren. Biolandwirtschaft ist auch nur eine schwache Alternative für diejenigen, die sich über „überzüchtete“ Tierrassen beschweren, denn mangels anderer Möglichkeiten mästen auch Ökobauern ebendiese. Weil das Saatgut knapp ist und das Biofutter auch, wird solches entweder auch von ungeliebten Agrarinvestoren wie KTG zugekauft, oder es kommt aus der Ferne, etwa aus Rumänien, von dem nur sehr gutgläubige Menschen annehmen, dass die dortigen Ökokontrollen ein Anti-Korruptions-Zertifikat verdient hätten. Kurzum: Es gibt auch viel an Bioprodukten auszusetzen.

          Woher aber kommt überhaupt das Insistieren auf einer angeblich heilen, naturnahen Lebensmittelherstellung? Es kommt aus der Ökobewegung selbst. Gewissermaßen ist es jetzt so, dass der Bumerang industriefeindlicher Semantik, den die jungen Ökos in den achtziger Jahren ausgeworfen haben und manche bis heute auswerfen, nun auf die Biolandwirtschaft zurückfliegt. Dazu gehört eine Fülle von Schlagworten, die exakte und differenzierte Beschreibungen ersetzen: Agroindustrie, Giftmischer, Massentierhalter, letztlich auch Agrarwende. Sie alle haben nicht nur einen wortwörtlichen, sondern einen metaphorischen Gehalt. Der ist auf den Kern zurückzuführen, dass die Welt des Organischen und Biologischen perfekt sei, diejenige der Chemie aber nicht. So gesehen, wird Industrie zur Sünde gegen die Natur: Das ist der quasireligiöse Kern eines Teils der Bewegung.

          Bio-Tofu aus Südamerika

          Diesen Geist versprühten auch manche Protestplakate, die jüngst auf der jährlichen Demonstration gegen die Agrarindustrie zu sehen waren. Sie vereint eine Fülle sehr unterschiedlich motivierter Gegner der Agrarindustrialisierung, hier wird dieser utopische Kern der Umweltbewegung Ritual: der Wunsch nach einem Leben „im Einklang mit der Natur“. So sah man zum Beispiel die Zeichnung eines Huhns, gespickt mit Arzneispritzen, getragen von der Fraktionsspitze der Grünen. Es gab Plakate, die ein Ende des Einsperrens von Sauen forderten. Rettet den Regenwald! „Blüten-Vielfalt! Keine Agrar-Gifte!“

          Das ist alles nachvollziehbar und vielseitig begründbar, aber jede dieser Forderungen lässt sich auch gegen die real existierende Biolandwirtschaft richten: Auch sie braucht Arzneimittel. Auch sie sperrt Sauen in ein enges Korsett. Auch Bio-Tofu kann aus Südamerika kommen. Und wo Bioweizen wächst, gibt es nur ganz wenige Blüten und demzufolge auch Artenschwund.

          Weniger als zwei Prozent Biofleisch

          Die erwachsene Biolandwirtschaft ist mit dem utopischen Kern ihrer Jugend konfrontiert. Damals in den achtziger Jahren waren die Zeitungen voll von polemischen und polarisierenden Schilderungen der Umweltkatastrophen: Chemieunfälle, Waldsterben, Mensch frisst Erde. Mit diesen Bildern sind die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger der Gegenwart groß geworden. Man konnte in den frühen Jahren der Biobewegung den Eindruck gewinnen, es gebe so etwas wie ein Gegeneinander von Mensch und Erde, in dem der Chemie und dem technische Fortschritt die Rolle des Spaltenden und der Biologie die Rolle der versöhnenden Instanz zukam. So gesehen, kann man auch von einem mythischen Kern sprechen. Es ist jedenfalls das irrationale Moment der Bewegung.

          Ständig rufen Grüne neue Sündenböcke dafür aus, dass ihre Wunschlandwirtschaft von hundert Prozent „Bio“ nicht wahr geworden ist. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter erklärt fast im Wochenrhythmus Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU zum Hauptschuldigen. Und wenn man den Menschen sagt, dass der Anteil von Biofleisch immer noch weniger als zwei Prozent betrage, reiben sie sich die Augen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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          Quelle: F.A.Z.

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