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Ernährung Ein Hoch auf das Huhn

Alle hacken auf den Hühnern herum. Überzüchtet seien sie und unglücklich. Dabei machen die Hühner die Welt besser. Eine polemische Lobrede.

© Cornelia Sick / F.A.Z. Sattmacher

Das moderne Huhn ist umstritten. So wie etwa die Hells Angels, Assad oder das Betreuungsgeld. Es heißt, es sei überzüchtet. Von der Agroindustrie. Wegen des Profits. Die Leute sehnen sich nach ursprünglichen, glücklichen Hühnern.

Jan Grossarth Folgen:

Der grüne, schwarze, rote oder gelbe Bourgeois, wie auch alle anderen Menschen, geben sich zunehmend und allzu gern als Hühnerkritiker. Wer die Zeichen der Zeit erkannt hat, hackt auf dem Huhn herum. Die Grünen werden für die Abschaffung des Hightech-Huhns in den Wahlkampf ziehen. Das moderne Huhn wird geradezu als Teufelswerk beschrieben. Aber wie es glotzt und pickt und mit dem Köpfchen wackelt - würde der Teufel so etwas schaffen?

Hochgezüchtet und niedergeschrieben

Dies ist die Verteidigung des Huhns. Das hochgezüchtete, hocheffiziente, niedergeschriebene Hochleistungshuhn, um das es hier geht, hat viel Schlechtes und viel Gutes. Es ist im Vergleich zu dem Ur-Huhn, das vor Jahrtausenden selbständig in den Urwäldern Asiens lebte, nicht nur arg degeneriert (schlecht!) und kurzlebig (schade!) geworden, sondern auch global (weil nämlich nützlich) und ressourcenschonend (gut!). Das Huhn weist insgesamt in die Zukunft. Ökonomische, biologische und theologische Argumente sind auf seiner Seite. Es ist günstig und wird, anders als das Schwein, auch von Muslimen mit großer Freud’ gegessen.

Zum Hintergrund der Debatte: Vegetariergruppen und das Fernsehen zeigen seit einigen Jahren oft Ekelbilder von hässlichen Hühnern, Agrarpolitiker sprechen von systematischen Missständen und „Handlungsbedarf“, in Niedersachsen flog eine Agrarministerin aus dem Amt, weil sie vorher in der Putenindustrie arbeitete und ihr Mann immer noch, ihr Nachfolger bemüht sich mit großem Elan und vielen Forschungsgruppen um Tierwohl und Amtserhalt.

Die Hühnerkritiker haben richtige Argumente, aber viele übertreiben arg. Schon predigt der Pfarrer den Fleischverzicht. All dies verändert die Branche: Auf der größten Fachmesse Eurotier feierte die Branche etwa in dieser Woche famose Umsätze - aber es herrschte zugleich merkwürdige Krisenstimmung. Es hieß, junge Agrarier bewürben sich nicht mehr so oft in der Tierindustrie, weil das Image dieser Berufe ungefähr dem der Henker entspreche. Es gibt kaum noch Bauern wegen der Technisierung, und ihre Lobby verliert in allen Parteien, auch der CDU, an Bedeutung. Ein „Großstadtprofil“ der Union müsste ganz unbedingt auch Hühnerkritik enthalten.

„Qualzuchten“ werden verboten

Die Tierschutznovelle wird „Qualzuchten“ verbieten - Tiere, die in Asien und Amerika weiter gemästet werden. Es könnte also so kommen wie mit den Billiglöhnern aus der Textilindustrie: gefertigt in Asien oder Osteuropa; aus den Augen, aus dem Sinn, und der deutsche Hühnerkritiker hätte seinen Seelenfrieden. Die amtlichen Verzehrzahlen zeigen die Doppelmoral: Etwa 900.000 Tonnen Huhn wurden 2011 in Deutschland geschlachtet. So viel wie nie - im Jahr der „Wiesenhof“-Skandale. Das war doppelt so viel wie noch zehn Jahre zuvor. Und dies geschah bei sinkendem Fleischverzehr insgesamt. Es klingt widersprüchlich, aber ist wahr: Mit Kritik an der Tierhaltung können Politiker bei genau den Wählern punkten, die deren Erzeugnisse jeden Mittag essen.

In der Welt aber wird sich das Hochleistungshuhn sehr wahrscheinlich durchbeißen. Wo Hunger herrscht, gibt es laut Marx ja nicht mal eine Doppelmoral. Das moderne Huhn wird sich von Berlin und Brüssel nicht aufhalten lassen. Es wird Rind und Schwein mit Leichtigkeit überflügeln. Ob wir wollen oder nicht. „Das Huhn wird alles übertrumpfen“, sagt Paul Aho, der größte Hühnerökonom Amerikas.

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