30.05.2007 · Das Leben beginnen wir nicht als Gleiche: Menschen sind groß oder klein, weiblich oder männlich, werden arm oder reich geboren. Gleichheit predigen die Freunde der Gerechtigkeit. Das ist riskant: Wenn alles geteilt wird, lohnt sich die Anstrengung für den Einzelnen nicht mehr. Von Rainer Hank.
Von Rainer HankDas Leben beginnen wir nicht als Gleiche, sondern als Ungleiche. Menschen kommen mit schwarzer, gelber oder weißer Hautfarbe auf die Welt. Sie sind Frau oder Mann, haben reiche oder arme Eltern und einen besseren oder schlechteren Intelligenzquotienten. Denn die genetische Ausstattung, das Erbe der Vorfahren, fällt ziemlich unterschiedlich aus und hat Einfluss auf Gesundheit, Lebenserwartung und Karrierechancen. Mag es auch sein, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, bereits bei der Geburt sind sie ziemlich ungleiche Geschöpfe.
„Machen wir das Beste daraus“, ließe sich als Auftrag aus dem Schicksal ungleicher Startbedingungen ablesen: jeder gemäß seinen Fähigkeiten und unter Nutzung aller relevanten Informationen. Der Reiche müsste höllisch aufpassen, dass er sein Erbe nicht verspielt. Der Arme könnte auf seine Talente setzen und, wenn er will und Glück hat, Vorstandsvorsitzender von Siemens in München oder Professor für Alte Geschichte in Oxford werden.
Das Hohelied der Chancengleichheit
Muss dafür eigens erst Chancengleichheit hergestellt werden? Eigentlich nicht. Die ungleiche Ausgangsposition selbst wäre Ansporn zu Kooperation und Wettbewerb mit den anderen. Eine einzige Bedingung müsste freilich gegeben sein: Vor dem Gesetz müssen alle Menschen gleich sein. Denn nur dann hätte jedermann die Chance, unter gleichen Regeln seinen Zielen zu folgen und aus seinem Streben den größten Nutzen zu ziehen, ohne dass vorher die natürlichen Ungleichheiten korrigiert werden müssten.
Doch von vielen Menschen wird der zufällige Ort, an dem einer ins Leben fällt, als kränkend erlebt. Zumindest am Start müssten die Bedingungen gleich sein, meinen sie und singen das Hohelied der Chancengleichheit. Viele plädieren darüber hinaus dafür, auch die Ergebnisse der Einkommensverteilung zu korrigieren und zu nivellieren. Wenn der Hedge-Fonds-Manager James Simons in einem einzigen Jahr 1,7 Milliarden Dollar mit nach Hause nehmen kann, muss man so etwas nicht per Gesetz untersagen? Immerhin verdient Simons damit 38.000 Mal so viel wie der amerikanische Durchschnittsarbeitnehmer. Hat er das verdient?
Glück und Neid sind keine moralischen Kategorien
Nicht erst seit Jean-Jacques Rousseaus „Diskurs über die Ungleichheit“ (1755), sondern schon seit dem Urchristentum träumt die Menschheit von einer Aufhebung der Unterschiede, der Klassen und Schichten. Egalité, Gleichheit, gehört zum Grundbestand jener Ziele, welche die Französische Revolution oder die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gleichermaßen ins Zentrum ihrer Utopie einer gerechten Welt gestellt haben.
Aber warum soll Ungleichheit ungerecht sein? Stellen wir uns vor, ein kleiner Glücksvogel brächte allen Lesern dieses Artikels in diesem Augenblick 10.000 Euro. Das würde die Ungleichheit unter den Menschen gewiss vergrößern und wäre noch dazu völlig unverdientes Geld. Aber was wäre daran auszusetzen? Es käme zu einer Änderung der Vermögen, die einige besserstellt, ohne irgendjemanden schlechter zu stellen: eine sogenannte Pareto-Verbesserung. Gewiss werden jene Menschen, die der kleine Vogel nicht beglückt hat, jetzt ein bisschen unglücklich werden. Aber Glück und Neid sind keine moralischen Kategorien.
Die Einkommensungleichheit wächst, aber die Armut nimmt ab
Tatsächlich ist das Beispiel des Glücksvogels kein reines Märchen. Seit Indien und China dank marktwirtschaftlicher Öffnung und Globalisierung (also aufgrund von Anstrengung, nicht von Glück) ihren Wohlstand dramatisch zu mehren verstehen, wachsen auch die Einkommensunterschiede insbesondere zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung Asiens dramatisch. Doch im selben Zeitraum ist die absolute Armut der Menschen in diesen Ländern (gemessen am Anteil jener, die täglich nicht mehr als zwei Dollar zur Verfügung haben) ebenfalls dramatisch zurückgegangen. Die Einkommensungleichheit wächst, aber die Armut nimmt ab. Was soll daran verwerflich sein?
Der Ökonom Simon Kuznets hat schon vor fünfzig Jahren gezeigt, dass wachsender Wohlstand und Einkommensungleichheit immer Hand in Hand gehen (siehe Grafik). In armen Ländern sind nämlich in der Regel die Einkommen gleichmäßig verteilt. Von einem beginnenden Wachstumsprozess (Kuznets dachte an die Industrialisierung der Vereinigten Staaten) profitieren zwar alle - aber nicht alle gleichermaßen: Die einen bleiben Baumwollpflücker, die anderen werden Facharbeiter in der Automobilindustrie, womöglich die Risikofreudigen. Und die Einkommensungleichheit nimmt zu.
Gleichmacherei macht träge
Wirtschaftliche Revolutionen, bei denen der Wohlstandsgewinn gleichmäßig verteilt wird, hat die Geschichte bislang noch nicht erlebt. Aber meist finden die Menschen, nachdem sie es alle zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, die Ungleichheit untereinander unerträglich und sinnen auf Programme der Umverteilung. Sie verlierten den Glauben, dass jeder, wenn er sich nur anstrengt, seines Glückes Schmied sein könnte, und trachten danach, die Zufälle des Lebens durch staatlichen Zwang auszugleichen. Je schwächer das Vertrauen in die soziale Mobilität, desto größer ist die Legitimation solcher Eingriffe. Steuern und Abgaben werden zu Transferinstrumenten der Umverteilung: Wer mehr einnimmt, muss auch mehr abgeben, damit die Einkommensunterschiede schrumpfen.
Doch die politische Strategie des Ausgleichs der Einkommensunterschiede ist riskant. Denn egalitäre Wohlstandsgesellschaften werden träge, lohnt sich doch die individuelle Anstrengung immer weniger, wenn die Früchte des Erfolgs an andere verteilt werden. Mehr noch: Sollte höhere Bildung sich in höheren Einkommen auszahlen, dann wäre es nicht sehr vernünftig, die Reicheren stärker zu besteuern. Denn Investitionen in ihr Humankapital lohnten sich künftig nicht mehr für sie. Das wäre kontraproduktiv für den Wohlstand eines Landes und zudem ungerecht: Denn Ungleichheiten, die aufgrund von Leistung und Bildung zustande kommen, sind sogar die schärfsten Gleichheitsfanatiker bereit zu tolerieren. Während aber meritokratisch, also durch Leistung verursachte Ungleichheit in den vergangenen zwanzig Jahren zugenommen hat, ist die Diskriminierung der Einkommen aufgrund von Geschlecht oder Nationalität geschrumpft. Der Abstand zwischen Frauen- und Männereinkommen nimmt ab. Keine schlechte Entwicklung für die Ungleichheit.
Ist Ungleichheit also wirklich prima? Ja. Sie ist unsere condition humaine, unter der wir leben: Voraussetzung für Individualität und Ansporn zum Leistungswettbewerb. Gleichheit wäre ziemlich lahm und langweilig.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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