21.04.2007 · Früher haben sich die Menschen zu Sippen zusammengetan, um sich vor Gefahren zu schützen. Heute gibt es dafür Versicherungen. Doch häufig schätzen die Menschen völlig falsch ein, welche Risiken mit hoher und welche mit geringer Wahrscheinlichkeit eintreten.
Die Geschichte der Menschheit ist seit der Vertreibung aus dem Paradies ein ständiger Kampf gegen unendlich viele kleine und große, oft auch dramatische und gelegentlich existenzbedrohende Risiken. Und die Menschheit hat diesen Kampf mit unglaublichem Erfolg bestanden. Sie hat es immer wieder von Neuem geschafft, existentielle Risiken beherrschbar zu machen.
Nicht Naturkatastrophen, Hungersnöte und Versorgungskrisen, nicht Seuchen oder Kriege und auch nicht das Ozonloch haben die Menschheit auf ihrem Weg zu verbesserten Lebensbedingungen wirklich aufhalten können. Im Gegenteil: Je größer das Risiko war, desto mehr haben sich Menschen angestrengt. Not hat schon immer erfinderisch gemacht. Die Peitsche des Mangels war für die Menschen seit eh und je der stärkste Anreiz, um Ressourcen schonender und besser zu nutzen und schneller nach neuen Technologien zu suchen.
Stämme, Klans, Sippen
Immer wieder waren es gerade existentielle Risiken, welche die Menschheit ganz automatisch zu Verhaltensänderungen, sozialen, wirtschaftlichen und technischen Innovationen motiviert haben. Weil der Einzelne den Alltagsrisiken nicht gewachsen war, haben sich Menschen zu Stämmen, Klans, Sippen und Schicksalsgemeinschaften zusammengeschlossen, um Lösungen für die elementaren Herausforderungen des Lebens zu suchen. Ohne expliziten Vertrag entstanden so erste Versicherungen zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Gemeinschaft, sich in der Not zu helfen. Bald schon wurde ein Versicherungsschutz auf ganze Dörfer ausgeweitet und als Dienstleistung an Handeltreibende oder auch an fremde Kaufleute verkauft. Viel später erst in der Menschheitsgeschichte übernahm der Staat für viele Risiken die Rolle des Versicherers.
Es gibt nicht den geringsten Anlass zur Sorge, dass ausgerechnet in diesem Jahrhundert die Phantasie des Menschen versiegen sollte und keine innovativen Ideen mehr gefunden werden sollten, um existentielle Risiken zu mindern. Dafür spricht die historische Erfahrung. Warum sollte die Wirtschaftsgeschichte nun plötzlich ihre Richtung ändern und ihre Prognosekraft verlieren? Wieso sollte gerade jetzt die Innovationskraft der Menschheit zur Bewältigung existentieller Risiken erlahmen?
Zum Risiko gehört die Chance
Ökonomisch ist es jedoch nicht sinnvoll, alles, was technisch machbar ist, zu tun oder zu lassen, um Risiken zu bewältigen oder zu vermeiden. Denn wie das Yin zum Yang gehört zum Risiko die Chance. Beide gehören sie untrennbar zu allem menschlichen Tun und Unterlassen. Beide meinen sie dasselbe, nur mit unterschiedlichen Vorzeichen. Beide haben etwas mit der Wahrscheinlichkeit zu tun, mit der kommende Ereignisse Folgewirkungen verursachen. Beim Risiko geht es um unerwünschte Folgekosten oder verpasste Gewinne. Bei der Chance geht es um erfreuliche Folgeerträge oder vermiedene Verluste.
Am besten kommt der Yin-und-Yang-Charakter von Risiko und Chance beim Lotto zur Geltung: Der Gewinnchance steht das Verlustrisiko gegenüber. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Wer beim Glücksspiel Risiken vermeidet, beraubt sich der Gewinnchancen. Allerdings gilt es hier ein Vorurteil zu korrigieren. Entgegen dem Volksmund, lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, und entgegen der Rationalität risikoneutral handelnder Menschen ziehen die meisten Spieler einen hohen, aber unsicheren Gewinn einem geringen, aber dafür sicheren Gewinn vor. Deshalb blüht das Geschäft mit Wetten und Lotterien, obwohl die Gewinnchancen, gemessen am Einsatz und an der minimalen Wahrscheinlichkeit, alle Zahlen richtig angekreuzt zu haben, viel zu mager sind.
Kein Risiko - kein Gewinn
Die Kosten einer „Null-Risiko-Strategie“ bestehen in den Kosten der Schadensvermeidung und im Verzicht auf Gewinn und Genuss. Das Geld, das für technische Sicherheitssysteme, Schutzmaßnahmen, Warnanlagen und Kontrollen ausgegeben wird, kann nicht für andere Zwecke verwendet werden. Wer sein Bett nicht verlässt, vermeidet unendlich viele Risiken des Alltags, verzichtet aber auf ebenso unendlich viele Freuden des täglichen Lebens: no risk, no fun, ohne Risiko kein Spaß und kein Fortschritt. Wo würde die Menschheit heute stehen, hätte es nicht immer wieder risikofreudige Tüftler, Erfinder und Entdecker gegeben, die sich nicht mit dem Status quo zufriedengaben, sondern ohne Scheu vor dem Risiko zu neuen Ufern aufbrachen, so wie Kolumbus, der Indien suchte und Amerika fand?
Die mikroökonomisch klügste Verhaltensregel lautet: Genieße das Leben in vollen Zügen, solange die Freuden des Genusses größer sind als die Folgekosten des Genießens. Bei keinem Tun oder Unterlassen geht es um absolute, sondern immer nur um relative Risiken. Es ist nicht entscheidend, wie groß das absolute Risiko beim Fliegen ist. Entscheidend ist, wie groß das relative Risiko beim Fliegen verglichen zum Nichtfliegen ist. Denn auch, wer nicht fliegt und lieber die Bahn nimmt, kann auf dem Weg zum Bahnhof überfahren werden.
Ein menschlicher Makel
Da allerdings zeigt sich ein menschlicher Makel: Menschen schätzen Risiken systematisch falsch ein. Kleine Wahrscheinlichkeiten werden überschätzt, große unterschätzt. Der vergleichsweise sehr kleinen Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes wird viel mehr Gewicht beigemessen als der viel größeren Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zum Bahnhof zu verunglücken. Deshalb fühlen sich Menschen im Auto fälschlicherweise sicherer als im Flugzeug.
Ein Zweites kommt dazu: Menschen sind in ihrem täglichen Leben nicht risikoneutral. Sie scheuen das Risiko, zu verlieren, weil sie ein Verlust weit stärker schmerzt, als sie sich über einen Gewinn in derselben Höhe freuen würden. Sie bleiben also lieber gleich zu Hause, obwohl ihnen das Ausgehen genauso viel Freude bereiten könnte. Oder anders formuliert: Nur wenn eine besonders attraktive Belohnung winkt, gehen Menschen das Risiko des Verlusts ein und machen eine Reise, suchen neue Herausforderungen oder wagen etwas Neues. Bei allen Entscheidungen geht es also darum, Risiken und Chancen des Tuns und Lassens intelligent abzuwägen. Das Ergebnis hängt von zwei Komponenten ab. Einmal spielt die Unsicherheit, mit der kommende Ereignisse eintreten oder ausbleiben, eine Rolle, und einmal ist die Höhe des Schadens oder des Nutzens wichtig, die als Folge eines kommenden Ereignisses entstehen können.
Innovationskraft des Risikos
Zentral ist dabei, dass beide Komponenten und letztlich auch ihre Verknüpfung von Person zu Person unterschiedlich empfunden werden. Also: Es ist nicht die objektive Feststellung von Eintretenswahrscheinlichkeiten, die zählt, sondern die subjektive Einschätzung. Anders formuliert, kann aus einer für alle völlig gleichen Situation wie den Gewitterwolken über dem Schwimmbad eine von Badegast zu Badegast andere Beurteilung der kurzfristigen Wetterentwicklung folgen. Die eine bleibt liegen und freut sich, dass der Regen ausbleibt. Der andere verlässt das Bad und ärgert sich über die fehlende Sonne. Ob also ein kommendes Ereignis als Risiko oder Chance eingestuft wird, hängt ganz entscheidend von der persönlichen Wahrnehmung jedes Einzelnen ab.
Die Ermittlung der Eintrittswahrscheinlichkeit ist meistens eine Frage des aktuellen naturwissenschaftlichen Wissensstands, also des Messens, Zählens und Rechnens. Sie hat aber auch etwas mit Ökonomie zu tun. Ist nämlich die Unsicherheit darüber groß, ob es morgen regnet oder nicht, sind die Menschen bereit, viel Geld für eine bessere Wetterprognose auszugeben, wenn sie in besonderem Maße von einer richtigen Voraussage profitieren können. Sei es, dass sie einen Regenschirm mitnehmen und somit die Folgekosten des Nasswerdens vermeiden, sei es, dass sie die Badehose einpacken und somit die Chance, braun zu werden, nutzen können.
Auch hier zeigt sich somit die Innovationskraft des Risikos. Je höher das Risiko, umso ausgeprägter die Suche nach mehr und besserer Information, umso intensiver wird die Information ausgewertet, und umso überlegter wird entschieden.