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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Erklär mir die Welt (4) Warum verdienen Fußballspieler so viel Geld?

 ·  Fußballstars erhöhen die Qualität ihrer Mitspieler, ihre Vereine werden wettbewerbsfähiger. Sie locken weitere Stars in die Liga, das Interesse der Zuschauer nimmt zu. Der Markenwert des Fußballs steigt, der Geldregen für die Vereine hält an. Dafür lassen sich Ronaldinho, Ballack und Co. fürstlich bezahlen.

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Die Welt ist ungerecht. Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, steht seit Jahren heftigst in der Kritik. Sein Gehalt von rund zwölf Millionen Euro gilt vielen als moralisch verwerflich. Da helfen ihm auch Umsätze von über 25 Milliarden Euro und eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent nichts, ganz im Gegenteil. Der Star des FC Barcelona, Ronaldinho, kann über die Einkünfte eines Ackermann nur lächeln. Mit 23 Millionen Euro verdient er fast das Doppelte. Die Fans neiden ihm den Verdienst nicht, obwohl Barca ein Mittelständler mit gerade mal 200 Millionen Euro Umsatz und mäßiger Rendite ist.

Dabei ist das Einkommen, das Ronaldinho erzielt, nur die Spitze des Eisbergs hochbezahlter Kicker. Ronaldo auf Platz drei der Geldrangliste kam in der Saison 2005/2006 auf 17,4 Millionen Euro, Zinedine Zidane auf Platz sechs erzielte über 15 Millionen Euro, und John Terry auf Platz zehn verdiente noch 9,7 Millionen Euro.

Über drei Milliarden Euro für 20 Clubs

Nach dem Wechsel zum FC Chelsea wird auch Michael Ballack mit geschätzten Einkünften von zehn Millionen Euro im Jahr in die Top ten aufrücken. Aber auch mittelmäßige Kicker gehören zum Club der Millionäre. In den letzten Jahren sind die Einkünfte der Balltreter geradezu explodiert.

Das ökonomische Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt auch auf dem Markt für Fußballspieler. Der Preis steigt, wenn das Angebot hinter der Nachfrage zurückbleibt. Genau das passiert seit Mitte der neunziger Jahre in Europa. Die Einnahmen der 20 führenden Clubs stiegen von 1,2 Milliarden Euro in der Saison 1996/97 auf über drei Milliarden Euro 2004/05.

Privatfernsehen verbessert Vermarktungschancen

Allerdings schien die Entwicklung zunächst anders zu verlaufen. Der Europäische Gerichtshof entschied 1995 im Bosman-Urteil (benannt nach einem Fußballer) zum einen, daß Profifußballer in der Europäischen Union nach Vertragsende ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen. Zum anderen wandte sich die Entscheidung gegen Beschränkungen des Einsatzes von Ausländern in der EU und öffnete damit die Spielermärkte.

Überall in den europäischen Topligen nahm der Ausländeranteil sprunghaft zu. Für sich betrachtet wirkt die Öffnung der Spielermärkte dort eigentlich wie eine Bremse für die Spielergehälter. Aber auch die Bosman-Entscheidung konnte die Einkommen der Kicker nicht im Zaum halten. Die Kaufkraft der Vereine der besten Ligen stieg spürbar. Auslöser war die Öffnung der Märkte für elektronische Medien. Mit dem privaten Fernsehen verbesserten sich die Vermarktungschancen des Fußballs grundlegend. Die Fernsehgelder steigerten die Finanzkraft der Vereine. Werbung, Sponsoren und Merchandising spülten weitere Millionen in die Kassen. Vor allem englische Vereine wählten die Rechtsform der Aktiengesellschaften und besorgten sich Millionen auf den Kapitalmärkten.

Champions League als Geldmaschine

Nach einer Drohung führender europäischer Vereine, eine eigenständige Liga zu installieren, reagierte der europäische Fußballverband, die Uefa. Sie folgte der Logik des Marktes, reformierte die europäischen Wettbewerbe und vergrößerte die Absatzmärkte. Vor allem die Champions League entwickelte sich für die teilnehmenden Vereine zu einer Geldmaschine, an der neben den Landesmeistern weitere nationale Spitzenclubs teilnehmen. Ihre Zahl hängt von der Stärke der nationalen Ligen ab. Die Politik der Uefa stärkte die Kaufkraft der Vereine insgesamt weiter.

Ökonomische Gesetze von Angebot und Nachfrage sind das eine, die Macht von Spielern und Vereinen ist das andere. Die Macht hat sich auf den Spielermärkten seit der Bosman-Entscheidung zugunsten der Spieler und zu Lasten der Vereine verschoben. Die Kicker holen finanziell mehr heraus, weil sie mobiler sind und schöpfen einen größeren Teil der gestiegenen Vereinseinnahmen ab. Das Zusammenspiel von spielerischer Macht und ökonomischem Gesetz läßt die Gehälter in die Höhe schießen.

Die Stars schöpfen den Rahm ab

Die meisten Vereine wehren sich gegen exorbitante Gehaltsforderungen nur halbherzig. Wer in der Spitze mithalten will, glaubt den „Rüstungswettlauf“ um die besten Spieler mitspielen zu müssen. Da bleibt die ökonomische Vernunft oft auf der Strecke. Nicht alle Vereine handeln wirtschaftlich solide. Unprofessionelles Verhalten des Managements wird durch reichlich fließende Gelder von Steuer- und Gebührenzahlern begünstigt. Kein Wunder, wenn wirtschaftlich solides Verhalten oft eher Mangelware ist.

Allerdings profitieren Spieler von den explodierenden Einkommen sehr ungleich. Mittelmäßige Kicker gehen zwar nicht leer aus, den Rahm schöpfen aber die Stars ab. Schon kleine Wettbewerbsvorteile reichen, Marktanteile drastisch zu verändern. Nur wenige Balltreter können ein Spiel allein entscheiden, weil sie etwa den „tödlichen Paß“ spielen. Diese Fähigkeit ist besonders wertvoll, weil Tore relativ selten fallen. Entsprechend astronomisch sind die Einkünfte der Stars.

Torhüter sind am schlechtesten bezahlt

Die Gefahr ist dennoch gering, daß Einkünfte zu ungleich verteilt werden. Erfolg hat eine Mannschaft nur, wenn Spieler kooperieren. Wird der Abstand zu den Einkommen der Stars in einem Team zu groß, spielen mittelmäßige Kicker weniger mannschaftsdienlich. Die Ungleichheit in den Einkünften stößt an eine quasi „natürliche“ Grenze. Ein gutes Management versucht daher, mittelmäßige Spieler besser zu bezahlen oder Stars abzugeben. Uli Hoeneß hat den Verzicht auf Ballack so begründet.

Nicht nur zwischen Stars und dem Rest der Mannschaft sind die Einkommen ungleich verteilt. Die Einkünfte unterscheiden sich auch nach der Spielposition. Am schlechtesten bezahlt werden Torhüter, am besten Stürmer. Mittelfeld- und Abwehrspieler liegen dazwischen, wobei der Job im Mittelfeld besser als in der Abwehr entlohnt wird. Erstaunlich ist, daß Stürmer besser bezahlt werden als die universeller einsetzbaren Mittelfeldspieler. Offensichtlich sind Stürmer knapper als Mittelfeldspieler.

Verdienen Stars, was sie verdienen?

Die Gretchenfrage bleibt: Verdienen Stars, was sie verdienen? Nach einer Serie schlechter Spiele äußern die Fans schon mal lautstark ihren Unmut. Tatsächlich sind Stars in den Augen der Fans ihr Geld wert - darauf deutet der Boom bei den Zuschauern hin. Mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten erhöhen Stars die Qualität ihrer Mitspieler, ihre Vereine werden national und international wettbewerbsfähiger. Sie locken weitere Stars in die Liga, das Interesse der Zuschauer nimmt zu. Der Markenwert des Fußballs steigt, der Geldregen für die Vereine hält an.

Die Rechnung, Stars auch exorbitant hohe Gehälter zu zahlen, geht spätestens auf, wenn Vereine an den Werbeeinnahmen der Stars beteiligt sind. So erhält Real Madrid die Hälfte der Einnahmen eines David Beckham. Das hohe Gehalt dieses Stars finanziert sich allein aus dem weltweiten Verkauf von Beckhams Trikot, was Real Madrid einen Umsatz von 50 Millionen Euro jährlich beschert. Das alles kann ein Joseph Ackermann nicht vorweisen, er ist kein Star. Kein Wunder, daß er nur die Hälfte von dem verdient, was ein Ronaldinho einstreicht.

Norbert Berthold ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Würzburg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.07.2006, Nr. 27 / Seite 54
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