05.12.2006 · Kinder sind ein ökonomisches Gut. Ihre Ausbildung ist schließlich eine Investition für die Gesellschaft. Alles in Ordnung also mit dem ökonomischen Kalkül? Nicht ganz: Kinder sind die Zukunft. Aber zur Bevölkerungspolitik darf man sie nicht mißbrauchen.
Von Hans D. BarbierDie Klammer ist das wichtigste. Der Titel trifft ins Zentrum der Eigentümlichkeit der ganzen Kinderdebatte. Wenn es um Nachwuchs, um die Bilder von Bevölkerungspyramiden und um die Zukunft der Wirtschaftskraft von Nationen geht, unterscheiden sich Argument und Gegenargument häufig um diese kleine Klammer.
Der Entschiedenheit der Standpunkte tut das allerdings keinen Abbruch. Deswegen ist es ein lohnender Versuch, zwischen „ein“ und „kein“ zu unterscheiden und die Frage durch die Brille des Ökonomen zu betrachten.
Kinder als Transporteure von Sitte und Kultur
Die Zukunft einer jeden heute lebenden Gesellschaft liegt in ihrem Leistungswillen, in ihrer Leistungsfähigkeit und in der Zahl ihrer Kinder und deren Kinder. Gesellschaften überdauern mehr oder weniger erfolgreich in der mehr oder weniger gelungenen Generationenfolge. Man darf daher, ohne in den Verdacht eines seelenfernen Ökonomismus zu geraten, vom Blickpunkt der Gesellschaft her in den Kindern so etwas wie den „Produktionsfaktor Zukunft“ sehen.
Was da in der Generationenfolge an immateriellen Werten und materiellen Gütern produziert wird oder produziert werden sollte, hängt von Blickwinkeln auf die Gegenwart und von Besorgnissen um die Zukunft ab. Für den einen sind Kinder die Transporteure von Sitte und Kultur über die Zeit. Andere sehen in ihnen die realen Erfüller eines monetären Rentenversprechens. Jedes Argument hat sein eigenes Gewicht. Der nationale Kulturtransport über die Zeit ist bei dauerhaft einbrechenden Zahlen der Demographie in der Tat gefährdet. Dies ist wohl der herausforderndste Aspekt des Themas „Kinder und Zukunft“. Er gilt aber in Deutschland als politisch heikel. Deswegen wird meistens über die Rente debattiert, wenn es darum geht, mit Programmen und Haushaltsmitteln mehr für die Bereitstellung des „Zukunftsfaktors Kinder“ zu tun. Hier ist eine ökonomische Verengung zu beobachten, für die die Ökonomen nicht verantwortlich zu machen sind.
Ökonomen haben sich nicht zu schämen
Im übrigen müßte sich die Politik am Rentenaspekt der Demographie nicht so erfolglos abarbeiten, wenn sie auf den Rat der Ökonomen hörte. Die fordern, die Altersvorsorge langfristig auf eine demographisch unabhängigere Basis zu stellen: auf die Leistungskraft des Weltkapitalmarktes.
Ökonomen haben sich des Paradigmas ihrer Profession nicht zu schämen. Auch dann nicht, wenn es um Kinder geht. Es geht nicht um platte Ökonomismen: Kinder und Enkel stehen nicht zum Verkauf oder zur Beleihung an. Aber es würde ein gutbürgerliches Erziehungsziel verfehlt, wenn sie nicht darauf vorbereitet würden, daß sie ihr Auskommen nur dann finden werden, wenn sie als Erwachsene bereit und fähig sind, sich am Markt dienstbar zu machen. Die ökonomische Perspektive des Kinderkriegens und des Kindererziehens beginnt dort. Dazu muß man den Kindern nichts von Nachfrageelastizitäten auf dem Markt für Ingenieure oder Narkoseärztinnen erzählen. Man muß ihnen aber auch nicht verheimlichen, daß die Regel „Ohne Fleiß kein Preis“ mehr ist als eine kleine Reimübung fürs Lesen und Schreiben in der Grundschule. Unter dem didaktischen Dach der von guten Menschen so gern geschmähten ökonomischen Perspektive läßt sich für die Lebensertüchtigung mehr unterbringen als Erläuterungen zur angebots- und nachfragegesteuerten Marktmechanik von Leistung und Gegenleistung.
Umverteilung mit Augenmaß
Kinder darauf vorzubereiten, daß Verdienen mit dem Verdingen beginnt, heißt nicht, darauf zu verzichten, ihnen den Gedanken mit auf den Lebensweg zu geben, daß der Erwerb von Geld und Gut seine bürgerliche Würde gerade auch in der Solidarität mit denen findet, die bei allem Willen nicht leisten können. Kinder, denen die ökonomische Perspektive nie vermittelt wurde, werden sich als Erwachsene kaum eine befriedigende Begründung für das Besteuerungsrecht des Staates zur Erfüllung von Solidarleistungen für die Schwachen zurechtlegen können.
Man muß Kindern in den Erwartungen, die die Gesellschaft an sie knüpft, nicht „ökonomisch“ kommen. Aber das Einüben der ökonomischen Perspektive liefert auch das Augenmaß für die Umverteilung. Es stützt damit den umverteilenden Staat, solange er selbst das Augenmaß nicht verliert.
„Zukunft für Kinder, Zukunft durch Kinder“
Kinder, die im Geleit einer bürgerlichen Werteperspektive und auf dem Fundament einer guten Ausbildung heranwachsen, sind für ihre späteren Familien und für die Gesellschaft ein ökonomisches Gut. Private und staatliche Ausgaben für die Ausbildung sind eine Investition. Das ist heute noch das paradigmatische Erbe der Bildungsökonomie, die - in den Vereinigten Staaten formuliert - zu einer Disziplin der Ökonomie dann auch in Deutschland wurde und die die Bildungspolitik der sechziger und siebziger Jahre prägte.
Über die Qualität der damals getätigten Bildungsinvestitionen mag man streiten. Ökonomie als Sichtweise jedenfalls kann auch da nicht schaden. Die heutige Debatte über Sinn und Gerechtigkeit von Studiengebühren deutet indessen eher nicht darauf hin, daß in Politik und Gesellschaft die ökonomische Perspektive gegenwärtig ist, wenn es darum geht, an einem Programm „Zukunft für Kinder, Zukunft durch Kinder“ zu arbeiten.
Alles in Ordnung mit dem ökonomischen Kalkül?
Ja, Kinder sind ein ökonomisches Gut. Ihre Ausbildung ist eine Investition auch für die Gesellschaft. Ist also alles in Ordnung mit der Anwendung des ökonomischen Kalküls? Schon in der vergleichsweise kurzen Zeit, die seit der hochschießenden Welle der Bildungsökonomie der sechziger und siebziger Jahre vergangen ist, läßt sich ein erstaunlicher Wandel des Paradigmas der Ökonomisierung im Zusammenhang mit Kindern beobachten. Damals lautete die Frage: „Welche Bildungsinvestitionen muß die Gesellschaft tätigen, um den Kindern den Anschluß an Wohlstand und Aufstieg zu ermöglichen?“ Heute liegt die entsprechende Frage dicht bei der Formulierung: „Wie kommen wir an die Kinder, die den Wohlstand unseres Alters sichern?“
Das ist der Wandel von der ökonomisch formulierten Zukunftsperspektive einer Gesellschaft hin zur demographischen Produktionsstättenoptimierung durch die Familienpolitik von Frau von der Leyen. Ohne Fragezeichen und Klammer: So sollten Kinder nicht zum ökonomischen Gut werden.
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