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Erklär mir die Welt (23) Warum ist Wettbewerb so unbeliebt?

20.11.2006 ·  Konkurrenz belebt das Geschäft. Doch wer seine Kunden behalten will, muß sich um so mehr anstrengen. Das macht keinen Spaß. Populärer ist es, den Wettbewerb einzuschränken.

Von Patrick Bernau
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Nehmen wir mal einen Wettbewerb im Sport, sagen wir: einen 100-Meter-Lauf. Acht Läufer rennen, kämpfen sich ab - und am Schluß ist zumindest einer glücklich über das Ergebnis, nämlich der Sieger.

Stellen wir uns aber vor, an den 100-Meter-Lauf schlösse sich sofort ein zweiter an. Und noch einer, und noch einer... Wer unaufhörlich um seinen Platz kämpfen muß, wird das schnell ziemlich anstrengend finden. Selbst die besten Läufer hätten von ständigen Wettrennen wohl bald die Nase voll.

Schreckgespenst Wettbewerb

Im Prinzip geht es Managern in der Wirtschaft genauso: Sie haben keine Lust, ständig mit anderen zu konkurrieren. Weltweit sehen 70 Prozent der Manager Wettbewerb sogar als größte Bedrohung für ihr Geschäft, hat der Personaldienstleister Accenture erfragt.

Das Schreckgespenst Wettbewerb ist einfach erklärt: Wenn möglichst viele verschiedene Anbieter um die billigsten Preise konkurrieren, um den besten Service und um die neuesten Erfindungen, so ist das schlicht unbequem. Um dem lästigen Wettbewerb zu entgehen, lassen sich die Unternehmen daher einiges einfallen.

Den Wettbewerb schützen

Sie kaufen Konkurrenten auf. Sie verschenken ihre Produkte, um die Konkurrenz in die Pleite zu treiben. Und wenn das nichts hilft, sprechen sie die Preise mit anderen Anbietern ab (siehe Kasten).

Solche Aktionen zu verhindern, ist Aufgabe des Staates. Er ist damit gut beschäftigt. In Deutschland gibt es gleich drei Einrichtungen, die den Wettbewerb schützen sollen: das Kartellamt, die Monopolkommission und die Bundesnetzagentur.

Konkurrenz bringt Fortschritt und Wohlstand

Ihre Aufgabe ist wichtig. Keinesfalls dürfte der Staat den Wettbewerb von den Unternehmen aushebeln lassen. Denn Konkurrenz bringt Fortschritt und Wohlstand in die Wirtschaft.

Wenn der Wettbewerb gut funktioniert, bewirkt dies, daß Autos, Ananas und anderes so billig angeboten werden, wie es nur geht - das hat der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek betont. Er sagt: Wie billig ein Gut sein kann, das läßt sich überhaupt erst durch Wettbewerb ermitteln. Für Hayek ist Wettbewerb deshalb „ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen, die ohne sein Bestehen entweder unbekannt bleiben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden“.

Beispiel: Telefonieren

Denken wir an den 100-Meter-Lauf: Richtig schnell werden die Sprinter nur, wenn ihnen andere auf den Fersen sind. So merken auch die Verbraucher erst, wie billig sich eine Ananas produzieren und nach Deutschland schaffen läßt, wenn sich mehrere Hersteller gegenseitig um das Geschäft reißen.

Ganz deutlich wird das beim Telefonieren: Seit es dafür auch andere Unternehmen als die Telekom gibt, sind die Preise tief gefallen - für ein Ferngespräch zum Beispiel von 37 Cent pro Minute auf ein bis zwei Cent. Das hat der Staat nicht geschafft, als er sich noch um die Telefonleitungen kümmerte. Das hat die Telekom nicht hingekriegt, als sie noch ein Monopol hatte. Und die Planwirtschaft hat das erst recht nicht erreicht: In der DDR hatte nur etwa jeder siebte Haushalt überhaupt ein Telefon.

Nützliche Erkenntnisse

Mit Hilfe des Wettbewerbs läßt sich aber nicht nur der billigste Preis entdecken. Der Wettbewerb kann auch allerhand andere nützliche Erkenntnisse hervorbringen. Zum Beispiel, was Mobiltelefone so alles nebenbei haben können: Kamera und Stereoanlage etwa. Wer etwas Neues erfindet, hat im Wettbewerb einen Vorteil und wird belohnt. Deshalb strengen sich die Unternehmen beim Entwickeln und beim Bauen an.

Sind in diesem Jahr Klapphandys beliebt, im nächsten aber solche zum Auf- und Zuschieben? Im Wettbewerb merken das die Anbieter am schnellsten. Wer das neue Trendprodukt als erster anbietet, verdient am meisten. Und andere kopieren ihn bald. So ist dafür gesorgt, daß von begehrten Dingen auch genug produziert wird.

Fairness spielt eine wichtige Rolle

Wer jedoch das Falsche erfindet, wer zu teuer produziert oder technisch zurückbleibt, der wird hart bestraft: Seine Ware bleibt im Laden liegen. Das merkten zum Beispiel die Leute in der Handysparte von Siemens und BenQ, als sie im Wettbewerb herausfinden mußten, daß ihre Handys beim Kunden nicht mehr ankommen. Jetzt ist das Unternehmen insolvent. Der Wettbewerb ist gnadenlos, gerade das macht ihn so erfolgreich.

Wie unbarmherzig der Wettbewerb ist, das stellen Ökonomen inzwischen auch in neuen Experimenten fest. Dabei finden die Wissenschaftler zwar oft heraus, daß sich die Menschen in Wahrheit gar nicht so egoistisch benehmen, wie die Ökonomik immer angenommen hat; Fairness spielt eine wichtige Rolle. Diese Ergebnisse ändern sich aber, sobald in den Experimenten Wettbewerb vorkommt, wie zum Beispiel der Züricher Ökonom Ernst Fehr herausgefunden hat. Wenn viele Anbieter um einen Nachfrager konkurrieren, setzt sich Fairness nicht mehr durch.

Die Politiker denken an die Wähler

Vielleicht beantworten diese Ergebnisse die uralte Frage nach den moralischen Standards der Verbraucher: Warum sie zwar in Umfragen immer großen Wert auf Ethik legen, im Supermarkt aber trotzdem einfach das billigste Angebot nehmen. Klar ist: Beliebter wird der Wettbewerb dadurch, daß er so gnadenlos ist, nicht.

Und so können sich Politiker eine Menge Stimmen sichern, wenn sie den Wettbewerb zurückdrängen. Sie unterstützen manche Branchen, weil deren Technik besonders zukunftsfähig sein soll, zum Beispiel die Windenergie - das bringt Stimmen von den Windmühlen-Fans. Sie subventionieren den Bergbau, obwohl er nicht mehr wettbewerbsfähig ist, um Arbeitsplätze zu erhalten - und sichern sich nebenbei Zustimmung bei den Kumpels.

Zwar kann der Wettbewerb dann nicht mehr unvoreingenommen herausfinden, was die beste Energie für die Zukunft ist. Aber dem Wähler gefällt das. So wird der Wettbewerb auch bei denen unbeliebt, die ihn eigentlich vor den Angriffen der Unternehmen schützen sollten.

Feinde des Wettbewerbs

John Davison Rockefeller: Der amerikanische Ölunternehmer hatte einen ausgeprägten Sinn dafür, wie man sich die Konkurrenz vom Leib hält. Er kaufte Ende des 19. Jahrhunderts heimlich die amerikanischen Raffinerien auf und kontrollierte so 95 Prozent des Marktes. Das flog bald auf, und die amerikanischen Politiker erließen die ersten Kartellgesetze - aber erst 20 Jahre später zerschlugen die Gerichte das Unternehmen endgültig. Mit den angehäuften Gewinnen war Rockefeller trotzdem der reichste Mensch der Welt.

Microsoft: Es läuft immer wieder so: Ein neuer Software-Anbieter bringt ein frisches Programm auf den Markt. Microsoft baut die neuen Funktionen daraufhin in das eigene Betriebssystem Windows ein - so wird die Software der anderen unnötig. Das funktioniert so gut, weil Microsoft mit Windows fast ein Monopol hat. Ob das Unternehmen mit seinen Praktiken gegen die Wettbewerbsgesetze verstößt, darüber müssen immer wieder die Gerichte entscheiden - mit wechselndem Ausgang.

Opec: Dieses Kartell kann keiner verbieten. Schließlich sind die Staaten direkt Mitglied - sie werden wohl kaum ihre Kartellämter auf die Opec hetzen. Mit dabei sind vor allem arabische Erdölländer. Sie stimmen ihre Fördermengen ab, um den Preis hoch zu halten. In den 70er Jahren haben sie es aber übertrieben: Sie fuhren die Förderung aus politischen Gründen zurück, und der Westen stürzte in zwei Ölkrisen. Doch nach dieser Erfahrung gingen Europäer und Amerikaner selbst auf Ölsuche - mit Erfolg. Heute kontrolliert die Opec rund 40 Prozent der weltweiten Ölförderung. Und wenn sie mit Preiserhöhungen droht, ist das dem Markt egal.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 60
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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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