28.06.2006 · Die einen sagen: Die Männer sind schuld. Die anderen sagen: Die Frauen. Bald ist der Streit vorbei. Die Gehaltslücke verschwindet.
Von Inge KloepferAm Ende ist es eine Frage der Wertschätzung. Und zwar im ökonomischen Sinn. Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Weil ihre Arbeit am Arbeitsmarkt weniger wert ist.
Zumindest in Deutschland haben Frauen im Durchschnitt am Ende des Monats weniger Geld auf ihrem Gehaltskonto: Ihr Einkommen liegt bei 77 Prozent des männlichen Bruttoverdienstes, hat die Bundesregierung ermittelt. Verglichen werden die Gehälter bei angenommener gleicher Arbeitszeit. Es gibt ihn also, den kleinen Unterschied, der hierzulande bedeutsamer ist als anderswo. Selbst das vermeintlich so konservative Italien behandelt seine Frauen besser.
Warum aber kriegen die deutschen Frauen die Kurve nicht? Die Gründe dafür sind vielschichtig, haben aber alle ihre Wurzel in einem gesellschaftlichen Rollenverständnis, von dem sich Männer und Frauen hierzulande immer noch nicht befreit haben.
Lange Lücken prägen die Erwerbsbiographien
Erstens: Schuld daran sind die Männer, die mehrheitlich über Frauenkarrieren entscheiden. Frauen werden direkt diskriminiert, was sich am besten an den Gehaltsunterschieden zu ihren männlichen Konkurrenten in Führungspositionen zeigt. Bis zu einem Drittel beträgt dort die Gehaltsdifferenz zu Lasten des weiblichen Geschlechts, die sich nicht mehr durch Unterschiede in Alter, Bildung und Dauer der Unternehmenszugehörigkeit erklären läßt. Hinzu kommt, daß Frauen viel seltener in Führungspositionen gelangen. Vorurteile und uralte Rollenmuster verstellen den Entscheidern den Blick dafür, was Frauen leisten oder leisten können. Die Diskriminierung beginnt dabei häufig schon zu Beginn des Berufslebens. Bereits bei der Einstellung werden Frauen anders - und oft schlechter - behandelt als Männer, was sich dann durch ihr ganzes Erwerbsleben zieht, von der Bezahlung bis hin zur Beförderung.
Zweitens: Ganz so schlecht aber ist das starke Geschlecht nicht - gibt es doch noch ganz andere Gründe als die direkte Diskriminierung dafür, daß Frauen weniger verdienen als Männer. Frauen nehmen am Erwerbsleben anders teil als ihre männlichen Artgenossen. Denn sie unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufig für Jahre - meist für die Familie. Lange Lücken prägen die weiblichen Erwerbsbiographien. Das hinterläßt tiefe Spuren auf den Gehaltsabrechnungen des schwachen Geschlechts. Unterbricht eine Frau ihren Beruf für längere Zeit, wird automatisch vermutet, daß sie aufgrund fehlender Erfahrung weniger leistet. Sie gilt als weniger produktiv. Und das drückt auf ihr Gehalt. Es ist, wie es ist am deutschen Arbeitsmarkt: Berufserfahrung in Form einer kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit wird belohnt. Bezahlt wird nach Seniorität - unabhängig von Leistung und Leistungsfähigkeit. Für Frauen ist das ein Nachteil.
Der deutsche Arbeitsmarkt ist segmentiert
Drittens: Frauen waren lange Zeit schlechter ausgebildet als Männer und damit tatsächlich weniger produktiv. Noch in den siebziger Jahren verfügten Mädchen über eine schlechtere Schulbildung als Jungen. Mit schlechterer Schulbildung waren andere Ausbildungswege vorgezeichnet, an deren Ende sich Frauen auf weniger qualifizierten und damit schlechter bezahlten Stellen wiederfanden. Sie sind am Arbeitsmarkt weniger wert. Das schlägt bis heute auf die Erwerbsstatistiken durch. In Beschäftigungsgruppen mit niedrigen Gehältern sind Frauen überrepräsentiert.
Viertens: Der deutsche Arbeitsmarkt ist segmentiert, er zerfällt in Männer- und Frauenberufe, deren Grenzen noch längst nicht verschwunden sind. Die typischen Frauenberufe (etwa in der Kranken- und Altenpflege) sind der Gesellschaft weniger wert; sie werden im Durchschnitt schlechter bezahlt als typische Männerberufe. Mehr noch: Diese Berufe, für die sich Frauen entscheiden, führen häufig in die Sackgasse. Frauen können sich nicht weiterqualifizieren, weil das nicht vorgesehen ist, und sie können vor allem eines hier nur begrenzt: beruflich aufsteigen und mehr Geld verdienen.
Geld verdienen war Sache des Ernährers, des Mannes
Die Ökonomie kann vieles erklären, die Frage der gesellschaftlichen Wertschätzung bestimmter Berufe allerdings nicht. Denn hier geht es um das Grundverständnis der Geschlechterrollen. In Bismarckschen Zeiten nahm das duale Berufsausbildungssystem seinen Anfang. Mit dem Ziel der klaren Berufsorientierung und einer rechtlichen Sicherung der Ausbildung sollte Jungen, und nur Jungen, der Übergang von der Schule ins Berufsleben geebnet werden. Ein Jahr später wandten sich die Politiker Bismarcks dann den Mädchen zu. Für die war eine duale Berufsausbildung gerade nicht vorgesehen. Die Mädchen bekamen eine Vollzeitschulausbildung, die sich nicht an späteren Berufen orientierte, sondern auf die Gründung einer Familie, auf soziale und vor allem ehrenamtliche Tätigkeiten zielte.
Schon gar nicht war daran gedacht, daß Frauen irgendwann einmal Geld verdienten. Das war dem Ernährer überlassen, dem Mann. Nach Meinung der Soziologen wurde damit eine entscheidende Weiche gestellt, die nicht nur auf das Rollenverständnis von Männern und Frauen bis heute nachwirkt, sondern die auch die Wertschätzung sozialer gegenüber anderen Berufen prägt.
„Goldenes Zeitalter der Normalfamilie“
Als man begann, diese sozialen Berufe Anfang des 20. Jahrhunderts zu professionalisieren, waren sie nicht als Ernährerberufe konzipiert. Es waren Berufe für Frauen, bevor sie heirateten. Eine Krankenschwester mußte keine Familie ernähren können. Sie mußte auch nicht aufsteigen.
Natürlich gab es auch in Deutschland Phasen, in denen Frauen in den Arbeitsmarkt hoch integriert waren, zum Beispiel zu Kriegszeiten. Doch nach dem Krieg änderte sich das wieder, es begann das vermeintlich „goldene Zeitalter der Normalfamilie“: der Ernährer ganz in seinem Element, die Hausfrau und Mutter ebenfalls in ihrem Element bei Herd und Kindern. Immer dann, wenn Frauen versuchten, sich im Arbeitsmarkt fest zu verankern, schleuderte ihnen die Gesellschaft das Wort Rabenmutter entgegen, was seine Wirkung nicht verfehlte.
Frauen werden gebraucht
Noch heute sind Frauen weniger aufstiegsorientiert, messen dem Gehalt weniger Bedeutung bei, sind weniger flexibel und mobil und arbeiten häufig in kleinen Unternehmen, die schlechter zahlen.
Aber: Es tut sich etwas in Deutschland. Und das hängt mit der Verbesserung des Humankapitals der Frauen zusammen. Sie werden produktiver, sind im Durchschnitt besser ausgebildet als ihre männlichen Kombattanten. Die Wirkung dessen kommt allerdings erst noch. Die heute in der Ausbildung und im Studium befindlichen jungen Frauen haben sich noch gar nicht auf den Arbeitsmarkt begeben. Tun sie das in den nächsten Jahren, dürfte sich die Gehaltslücke weiter schließen. Hinzu kommt natürlich die vielzitierte demographische Entwicklung. In einer schrumpfenden Gesellschaft wird das Humankapital knapp. Frauen werden gebraucht. Wer gebraucht wird, wird mehr wert. Die Zeit arbeitet also für die Frauen. Das goldene Zeitalter der Normalfamilie haben sie hinter sich gelassen. Jetzt steht ihnen ein goldenes Zeitalter am Arbeitsmarkt bevor.
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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