25.09.2006 · Den Chefs bringt es mehr Geld, Macht und Anerkennung: Eine hübsche Übernahme krönt die Karriere und sichert den eigenen Job. Wenn Manager ihr privates Reich gründen, müssen die Eigentümer in der Hälfte aller Fälle teuer dafür bezahlen.
Von Inge KloepferMerck kauft Serono, Bayer übernimmt Schering, Linde greift sich BOC, Adidas wächst mit Reebok, Eon kämpft um Endesa, die Postbank besitzt die Bausparkasse BHW, Hexal gehört zu Sandoz. Die Liste der geplanten oder jüngst vollzogenen Übernahmen ließe sich fast beliebig fortsetzen. Denn Unternehmenskäufe stehen bei den Managern derzeit wieder hoch im Kurs. Mehr als 20.000 große und kleine „Transaktionen“ hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung für die vergangenen 12 Monate in Europa ausgemacht. Allein die Anzahl übertrifft damit den Boom der New Economy vor fünf Jahren erheblich. Übernahmen, so erscheint es, sind die Krönung einer Managerkarriere. Derjenige, der keine Transaktion vorweisen kann, hat sein Meisterstück nicht abgeliefert.
Dabei sind die vielen Milliarden, die Manager bezahlen, nicht unbedingt gut investiert. Denn noch immer ist nur jede zweite Übernahme ein Erfolg. Die Hälfte also scheitert, bringt den Eigentümern nichts, führt im Gegenteil zur Wertvernichtung. Gerade weil so viele Übernahmen mißlingen, befassen sich Forscher seit längerem mit der Motivation der Manager, ihre Konzerne mit den Übernahmen anderer Unternehmen in immer neue Größenklassen zu treiben. Wenn Manager Marktanteil und damit Größe zur wichtigsten Stellschraube für den Unternehmenserfolg deklarieren, wenn sie Unternehmen immer häufiger auch kaufen, weil sie sich eine Gelegenheit nicht entgehen lassen konnten (weshalb AirBerlin-Chef Hunold unlängst die dba übernahm), dann stellt sich die Frage: Warum haben die Manager so viel Vergnügen an Übernahmen? Was treibt sie an?
Übernahmen bescheren Managern Geld und Macht
Die Faszination der Manager für das Wachstum des eigenen Unternehmens hat einen Grund: Denn an die Größe des Konzerns ist in der Regel die Vergütung gekoppelt. Die hinter der Größe vermutete steigende Komplexität ihrer Managementaufgabe steht in direktem Zusammenhang mit ihrem Managementgehalt - ganz unabhängig davon, ob das dauerhafte Wachstum auch den Eigentümern nützt und ihren Wohlstand mehrt. Darüber hinaus erwächst den Managern aus zunehmender Größe immaterieller Nutzen wie Macht und Status, Bedeutung und gesellschaftliche Anerkennung - ein nicht zu unterschätzendes Moment. Schon aus diesen Gründen also können Übernahmen in der Tat Vergnügen bereiten. Die Wissenschaftler haben für diesen Aspekt der Motivation einen hübschen Namen: das Empire-Building-Syndrom.
Doch es geht noch weiter. Manager deklarieren die Eroberung des Marktes durch Unternehmenskäufe unter anderem auch deswegen zur einzig gültigen Erfolgsstrategie, um ihren eigenen Arbeitsplatz abzusichern. Der Wachstumskurs ist also eigentlich die Überlebensstrategie des angestellten Managers und seines Teams. Ein schnell wachsendes Unternehmen tut sich leichter, führende Mitarbeiter zu halten.
Zukäufe schützen nicht davor, selbst gefressen zu werden
Der Manager, der Übernahmen stemmt und zwei Unternehmen fusionieren muß, ist am wenigsten wegzudenken. Auch dann noch, wenn er nach einer wenig erfolgreichen Akquisition die Schäden beheben und die Fehler korrigieren muß, die er und sein Team gemacht haben. „Wir wollen der Größte werden“, hatte Jürgen Schrempp gesagt, als er Ende der neunziger Jahre den größten transatlantischen Autokonzern schuf. Die Aktionäre haben dafür teuer bezahlt. Doch Schrempp blieb und übte sich über Jahre im Krisenmanagement. Derweil haben die Eigentümer von Daimler-Chrysler mit ihrem reduzierten Gewinnanteil das Wohlfahrtsniveau des Managements subventioniert.
Und noch ein Drittes: Übernahmen sind die Flucht nach vorn, sie werden von den Managern als Strategie gesehen, nicht selbst die Begehrlichkeiten finanzstarker Konkurrenten auf sich zu ziehen. Denn auch das könnte die eigene Position und damit das Wohlergehen gefährden. Wer kauft, kann nicht gefressen werden. Oft genug stellen Manager den Eigentümern das eigene Gefressenwerden als Schreckensszenario dar und planen lieber selbst einen Coup. Auch hier ist inzwischen nachgewiesen, daß Unternehmenskäufe nicht davor schützen, selbst zum Opfer zu werden.
Manager denken an sich selbst
Manager denken also immer an sich selbst. Für Unternehmen muß das per se nicht schädlich sein. Gefährlich aber ist es allemal. Denn die Manager sind nicht die Eigentümer. Ihre Interessen stimmen mit denen der Anteilseigner, etwa der Aktionäre, nur partiell überein. Eigentum und Kontrolle fallen auseinander - auch wenn es genügend Versuche gab und gibt, diesen Mangel zu beheben. Doch selbst die ausgefeiltesten Aktienoptionsprogramme, die die Manager zu Mitunternehmern machen sollen, haben dieses grundsätzliche Problem bisher nicht gelöst.
Das heißt: Manager gucken sich auch dann Übernahmeziele aus, wenn diese überhaupt kein Potential bergen, den Unternehmenswert zu mehren. Dazu überschätzen sie sich selbst, haben verzerrte Vorstellungen von ihren eigenen Führungs- und Problemlösungsfähigkeiten. Selbst wenn eine Übernahme betriebswirtschaftlich wohlbegründet ist, schätzen Manager häufig genug die Chancen als zu groß ein, während die Risiken zur Nebensächlichkeit geraten. Manager sind in diesem Fall häufig bereit, zu hohe Preise zu zahlen, und reden den Eigentümern die nächste Transaktion mit der ihnen eigenen Kraftrhetorik schön.
Oft müssen Eigentümer teuer bezahlen
Eines sei zur Ehrenrettung der Manager, mit deren Akquiselust sich zahlreiche Ökonomen seit Jahren beschäftigen, allerdings gesagt: Es gibt durchaus betriebswirtschaftliche Gründe für Unternehmenskäufe. Größe kann auf den verschiedenen Geschäftsfeldern eine entscheidende Rolle spielen. Wenn in bestimmten Branchen nur noch die Marktführer verdienen, ist das möglicherweise ein Indiz dafür. Kostenvorteile von der Entwicklung über den Einkauf bis hin zum Vertrieb können im Wettbewerb sehr wohl entscheidend sein. Marktmacht, die sich in Marktanteilen messen läßt, kann Mehrwert bedeuten - nicht nur für die Manager, sondern auch für die Aktionäre. Dabei ist die Marktmacht nicht immer mit „natürlichem“ Wachstum, also einem zähen Kampf um Kunden, zu erreichen, sondern eben schneller und mitunter auch effizienter durch den Kauf eines Unternehmens.
Zurück zum Vergnügen der Konzernlenker an Übernahmen. Kein Geringerer als der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat die Motivation der Unternehmer folgendermaßen beschrieben: „Da ist zunächst der Traum oder der Wille, ein privates Reich zu gründen. Da ist sodann der Siegerwille. Kämpfen wollen einerseits, Erfolg haben wollen des Erfolges als solchem willen andererseits . . .“
Für Manager könnte dies ebenso gelten: In der Hälfte der Fälle müssen die Eigentümer für das Empire-Building-Syndrom ihrer Angestellten jedoch teuer zahlen.
Vodafone schluckt Mannesmann
Es war die größte Übernahmeschlacht aller Zeiten. Drei Monate, von Ende 1999 bis Anfang 2000, zog sich der Kampf zwischen Vodafone und Mannesmann hin. Den Briten ging es um das Mobilfunkgeschäft der Düsseldorfer, alle sonstigen Aktivitäten wie das Röhrengeschäft verkauften sie schnell. Wer als Aktionär bis zuletzt Ruhe bewahrte und dann verkaufte, machte den besten Schnitt. Denn im Laufe der Firmenschlacht stieg der Mannesmann-Kurs von knapp 200 Euro auf mehr als 350 Euro. Am Ende stand ein 181 Milliarden Euro schwerer Deal.
AOL übernimmt Time Warner
Das Internetunternehmen AOL kaufte den Medienkonzern 2001. Transaktionswert des Aktientausches: 165 Milliarden Dollar. Der zunächst als genialer Coup gefeierte Zusammenschluß sollte eine neue Epoche einleiten, galt jedoch schnell als Fehlschlag. Finanzvorgaben wurden verfehlt, die erhofften Synergien stellten sich nicht ein, und Time Warner häufte einen großen Schuldenberg an. 2003 wurde AOL sogar aus dem Firmennamen gestrichen.
Pfizer kauft Warner-Lambert
Pfizer übertrumpfte zur Jahrtausendwende den Konkurrenten American Home Products, der sich bereits mit Warner-Lambert geeinigt hatte. Zusammen kamen zwei der am schnellsten wachsenden Pharmaunternehmen. Transaktionswert: 90 Milliarden Dollar. (stt.)
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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