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Ergo-Chef Torsten Oletzky im Interview „Wir haben nicht immer eine gute Figur gemacht“

 ·  Mit einer Reise nach Budapest machte der Versicherungskonzern Ergo 2011 Schlagzeilen. Danach kamen weitere Skandale ans Licht. Künftig reisen die Versicherungsvertreter nur noch mit Ehepartner, sagt Ergo-Chef Torsten Oletzky im Interview. Auf einer neuen Internet-Seite will der Konzern alle geprüften Vorfälle offenlegen.

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© Schoepal, Edgar „Unter Druck macht man auch mal Fehler“: Ergo-Chef Torsten Oletzky

FRAGE: Herr Oletzky, Sie haben vor einem Jahr gesagt, die Sexreise Ihrer Vermittler nach Budapest war ein Einzelfall. Nun sind weitere Fälle ans Licht gekommen.

ANTWORT: Es gab die Budapest-Geschichte, die absolut unsäglich war, ja. Aber auch über eine Reise nach Jamaika, die jetzt Thema ist, wurde schon im letzten Jahr berichtet. Sie war im Juli 2011 in der Zeitung.

FRAGE: Sie haben uns im Juni 2011 gesagt: „Wir haben fast jeden Stein umgedreht und dabei nichts gefunden, was in Art oder Umfang mit der Budapest-Reise vergleichbar gewesen wäre.“

ANTWORT: Ich will die Fälle eigentlich nicht mehr miteinander vergleichen, denn ich habe gelernt, dass die Öffentlichkeit da keinen Unterschied macht. Aber ich bin weiter der Meinung: Es gibt keinen Fall, der in Art und Umfang mit Budapest vergleichbar ist.

FRAGE: In Jamaika besuchten die Vermittler einen Swingerclub, es gab drei Reisen dorthin, und das Ganze kostete etwa so viel wie Budapest. Wieso ist das weniger schlimm?

ANTWORT: Ich sage nicht, dass es nicht so schlimm ist. Ich möchte nichts entschuldigen, was eindeutiges Fehlverhalten ist. Aber Form und Umfang sind unterschiedlich: Bei Budapest war eine Gruppe von Vermittlern auf einer Reise, die von einer Führungskraft des Unternehmens organisiert war und deren Programm vollkommen unakzeptabel war. Bei anderen Fällen haben Gruppen von selbständigen Vermittlern solche Dinge auf Eigeninitiative organisiert und über die Firma abgerechnet. Jamaika war ein solcher Fall. Aber ich habe verstanden, dass dort, wo Veranstaltungen mit Bezug zu Ergo stattfinden, Ergo in der Verantwortung ist.

FRAGE: Die Ergo hat diese Reisen genehmigt und dafür bezahlt.

ANTWORT: Ja, aber die Frage ist doch: Welche Chance hatte der Mitarbeiter, der den Antrag zum ersten Mal auf dem Schreibtisch hatte, zu erkennen, dass daran etwas unanständig war? Ein Vermittler bucht ein Hotel auf Jamaika . . .

FRAGE: . . . mit dem vielsagenden Namen „Hedonism II“ . . .

ANTWORT: konnte ein Mitarbeiter da sofort erkennen, was dahintersteckt? Wir sind der Meinung, man konnte es nicht. Die Budapest-Reise war damals ja noch nicht öffentlich. Insgesamt ist dieses Hotel dreimal gebucht worden über drei Jahre. Als die Revision es entdeckt hat, haben wir die Beträge zurückgefordert. Es ging also letztlich nicht auf Firmenkosten. Und es hat eine scharfe Rüge für die Beteiligten gegeben.

FRAGE: Haben Sie sich nicht zu früh aus dem Fenster gelehnt mit dem Satz: „Wir haben jeden Stein umgedreht“?

ANTWORT: Es war wohl seinerzeit zu früh, das zu sagen. Inzwischen hat unsere Revision über 550 Reisen geprüft, mit nur wenigen Fällen von Fehlverhalten. Keiner hatte das Ausmaß der Budapest-Reise.

FRAGE: Und dazu stehen Sie noch?

ANTWORT: Ja. Zu diesem Ergebnis kommt auch unsere Revision. Sie hat Fehlverhalten in elf weiteren Fällen gefunden. Keiner dieser Fälle soll damit entschuldigt werden, aber Sie müssen auch die Situation sehen, in der wir 2011 waren: Es gab die Themen Budapest-Reise, Riester-Rente, betriebliche Altersvorsorge und Unfallversicherung . . .

FRAGE: . . . überall hat die Ergo Negativschlagzeilen gemacht . . .

ANTWORT: Da haben Sie recht. Dort haben wir umfassend aufgeklärt. Gleichzeitig mussten wir uns auch mit Anfragen von Aufsichtsbehörden und - wie bei Riester - mit laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen auseinandersetzen. Dabei haben wir in der Kommunikation nicht immer eine gute Figur gemacht.

FRAGE: Heißt das, die Krisen sind Ihnen 2011 über den Kopf gewachsen?

ANTWORT: Wir sind mit so vielen Anfragen konfrontiert worden und haben das Menschenmögliche getan. Dass wir ein Thema wie Jamaika in unserer Pressekonferenz am 3. August 2011 nicht erwähnt haben, war ein Fehler. Unter Druck macht man auch mal Fehler. Aber unsere Reaktion auf die heutigen Vorwürfe ist eindeutig: Wir haben eine Transparenzinitiative gestartet, bei der wir die Ergebnisse der Untersuchung von 550 Incentive-Reisen im Detail aufdecken. Wir werden auch zu Budapest und den Jamaika-Reisen zusätzlich Informationen ins Internet stellen, damit sich die Öffentlichkeit selbst ein Bild machen kann.

FRAGE: Damit meinen Sie die Website, die Sie heute freischalten.

ANTWORT: Ja, wir veröffentlichen dort Ergebnisse der Untersuchung.

FRAGE: Sie haben aber nur 580 Reisen geprüft - von insgesamt 3500.

ANTWORT: Wir haben eine große Stichprobe genommen, wir wollten die Reisen von zehn Vertriebsorganisationen mit zirka 350 Geschäftsstellen aus zehn Jahren überprüfen. Wir sind eben ein sehr großes Unternehmen. Alle 3500 Reisen anzuschauen hätte noch deutlich länger gedauert.

FRAGE: Aber so können Sie immer noch nicht ausschließen, dass es weitere Skandalreisen gab.

ANTWORT: Ich kann Ihnen versprechen: Wir werden alles, was wir finden, veröffentlichen - jetzt und in Zukunft. Wir haben unsere Lektion gelernt.

FRAGE: Sie selbst stellen die Revisionsberichte jetzt online. Warum haben Sie anderen Medien gerichtlich verboten, die Dokumente zu veröffentlichen?

ANTWORT: Revisionsberichte sind vertrauliche Dokumente. Hier sind Persönlichkeitsrechte im Spiel. Wenn die Revision damit rechnen muss, dass ihre Erkenntnisse morgen in der Presse stehen, kann sie nicht arbeiten. Im Übrigen wollen wir keine rechtlichen Auseinandersetzungen mit Medien, das führt zu nichts.

FRAGE: Lenken Sie ein?

ANTWORT: Wir sind dagegen, dass Berichte veröffentlicht werden, die auf nicht korrektem Wege an die Öffentlichkeit geraten sind.

FRAGE: Es ist also okay, wenn Sie die Berichte veröffentlichen, aber nicht, wenn die Medien es tun?

ANTWORT: Aus meiner Sicht spielt es eine wichtige Rolle, wem die Information gehört und wie man in ihren Besitz gekommen ist. Wir halten die Veröffentlichung von Revisionsberichten grundsätzlich nicht für den richtigen Weg, haben uns aber in dieser Situation dafür entschieden.

FRAGE: Stellen Sie nicht Ihre eigenen Leute bloß?

ANTWORT: Es ist ein schmaler Grat. Aber die Revisionsuntersuchung hat gezeigt, dass es in der weit überwiegenden Zahl der Reisen nichts zu beanstanden gab. Jeder im Unternehmen hat verstanden, dass in unserer Situation der einzige Weg aus dem Problem über maximale Transparenz führt. Insofern bin ich überzeugt, dass unsere Mitarbeiter das akzeptieren.

FRAGE: Was wollen Sie den Mitarbeitern damit signalisieren?

ANTWORT: Jeder weiß nun, wie wir mit Fehlverhalten umgehen und dass wir keine Toleranz dafür haben. Wir haben weitere Dinge in Frage gestellt: Es geht nicht nur darum, ob es bei einer Reise unanständige Programmpunkte gab, sondern auch darum, wohin die Reisen gingen und wie viel Geld ausgegeben wurde. Wenn ich sehe, dass es Reisen gab, bei denen wir in der Spitze fünfstellige Summen pro Kopf bezahlt haben, dann ist das völlig inakzeptabel. Derartige Reisen sind heute nicht mehr möglich.

FRAGE: Gibt es personelle Konsequenzen?

ANTWORT: Es hat welche gegeben, aber es ist schwer, die Linie zu ziehen, wann man sich von einer Person trennen muss. Wenn es offensichtliche und gravierende Verstöße gibt, gibt es auch eine Kündigung.

FRAGE: Aber die gab es nicht.

ANTWORT: In den neuen Fällen, die wir auf der Website veröffentlichen, gab es keine unmittelbar mit dem Sachverhalt verbundenen Kündigungen. Einem der Jamaika-Veranstalter wurde gekündigt, aber dafür gab es viele Gründe.

FRAGE: Und Sie trennen sich von Ihrem Vertriebsvorstand.

ANTWORT: Ja, wir trennen uns im gegenseitigen Einvernehmen. In solchen Fällen ist es üblich und fair, dass man in der Öffentlichkeit nicht über die Hintergründe spricht.

FRAGE: Wie weit sind Sie als Vorstand für die Skandale mitverantwortlich?

ANTWORT: Ein Vorstandsvorsitzender ist am Ende für alles verantwortlich, was im Unternehmen passiert. Die Dinge, die mit denen wir 2011 konfrontiert wurden, haben wir unter hohem Zeitdruck in maximaler Gründlichkeit aufgearbeitet.

FRAGE: Steht Ihre Muttergesellschaft Münchener Rück hinter Ihnen?

ANTWORT: Wir haben den gesamten Teil der Aufklärung in enger Abstimmung mit den Münchner Kollegen gemacht. Wir bekommen alle Unterstützung aus München, die es braucht.

FRAGE: Manche bezweifeln, dass es noch 100-prozentigen Rückhalt gibt.

ANTWORT: Nikolaus von Bomhard als Vorstandsvorsitzender von Munich Re hat sich dazu öffentlich und eindeutig geäußert. Von daher kann ich nur sagen, dass ich den Rückhalt zur Ergo nach wie vor verspüre.

FRAGE: Ist es Zeit, die Reisen für Vermittler zu streichen?

ANTWORT: Bei den meisten Reisen war nichts zu beanstanden. Wir halten die Reisen als Zeichen der Wertschätzung für gute Vermittler nach wie vor für vertretbar. Wir werden solche Reisen aber selektiver und nur noch mit Ehe- oder Lebenspartnern ausschreiben. Wir haben keine Reisen mit Partnern gefunden, bei denen es Fehlverhalten gab.

FRAGE: Wäre es nicht einfacher zu sagen: „Dann gibt es eben Boni in bar“?

ANTWORT: Geld ist nicht alles. Die Wertschätzung lässt sich besser auf anderen Wegen zeigen. Dazu gehören auch Veranstaltungen, die den Zusammenhang in der Gruppe stärken.

FRAGE: Weil Vermittler ohnehin schon genug verdienen?

ANTWORT: Jemand, der gut ist, kann auch in diesem Beruf gutes Geld verdienen - aber es ist nicht so, dass der Beruf des Versicherungsvermittlers besser bezahlt wäre als vergleichbare andere Berufe.

FRAGE: Kritiker sagen, wegen der Provisionen schwatzen Vermittler Kunden oft falsche Verträge auf. Ist der Vertrieb noch kontrollierbar?

ANTWORT: Er ist nicht nur kontrollierbar, er ist auch sehr gut. Wir haben uns Zehntausende Fälle angeschaut, mit der Gründlichkeit hat noch keine Firma alte Beratungsfälle analysiert. Davon war nur knapp ein Prozent auffällig. Die überwiegende Mehrheit der Vermittler ist qualifiziert und berät gut. Über höhere Qualifizierungsstandards können wir aber gerne reden.

FRAGE: Unterstützen Sie die Abschaffung der Provisionen, die Politiker fordern?

ANTWORT: Wir sind zu jeder Diskussion bereit, aber ich glaube nicht, dass ein System, das sich viele Jahre bewährt hat, von der Politik ausgehebelt werden sollte. Man muss sich kritisch fragen, ob Kunden bereit sind, für Beratung gesondert zu bezahlen. Deswegen halte ich die Schlussfolgerung für falsch, dass Honorarberatung das Richtige ist und die Provisionsberatung das Problem.

Die Skandale der Ergo

Der Versicherungskonzern Ergo geriet 2011mit einer Reise nach Budapest in die Schlagzeilen, Vorstandschef Torsten Oletzky geriet massiv unter Druck: Vertriebsmitarbeiter hatten sich 2007 mit Prostituierten auf Firmenkosten vergnügt. Seitdem kamen weitere Reisen in einen Swingerclub auf Jamaika ans Licht. Es folgte der Riester-Skandal: Auf Formularen hatte die Versicherung zu niedrige Kostensätze ausgewiesen. Die Verträge von 12.000 Betroffenen seien angepasst worden, sagt Ergo. Es gehe dabei um einen Gesamtbetrag von rund einer Million Euro, nicht wie in Medien behauptet um 160 Millionen. Dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg.

Das Gespräch führte Nadine Oberhuber.

Quelle: F.A.S.
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