Wie schlimm ist der Erdgas-Unfall in der Nordsee? Sichere Antworten auf diese Frage gab es am Mittwoch nicht. „Wir haben wenig konkrete Informationen zu den Unfallursachen, aber der Vorfall ist schwerwiegend, das ausströmende Gas ist hochexplosiv“, sagte Jürgen Messner, Erdölgeologe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, der F.A.Z. Seit Sonntag strömen auf der vom französischen Total-Konzern betriebenen Förderplattform Elgin in der Nordsee Erdgas und ein flüssiges Gaskondensat aus. Das Gas hat eine explosive Wolke um die Plattform gebildet, während das Kondensat - eine Form leichten Erdöls - einen Teppich auf der Wasseroberfläche gebildet hat, der mehrere Quadratkilometer bedeckt. Der Unfallort befindet sich rund 240 Kilometer östlich der schottischen Hafenstadt Aberdeen. Das Vorkommen dort wird seit elf Jahren ausgebeutet.
Der Betreiber Total wusste am Mittwoch weder, wie es zu dem Gasaustritt kommen konnte, noch, wie er zu stoppen ist. Von Vorteil sei, dass das Gasleck oberhalb des Meeresspiegels liege, hieß es in Unternehmenskreisen. Dennoch gibt der Zwischenfall den Ingenieuren Rätsel auf: Es ist bislang unklar, warum überhaupt Erdgas und Kondensat aus dem Bohrloch strömen, denn dieses soll eigentlich verschlossen gewesen sein. Das mit großer Kraft nach oben drängende Gas steht zudem unter hohem Druck und ist sehr heiß, was die Abdichtung des Lecks zusätzlich erschwert.
Flamme könnte Gaswolke entzünden
Wegen der Explosionsgefahr konnten sich Helfer dem Unfallort am Dienstag nur schwer nähern. Noch kritischer wurde die Situation dadurch, dass auf der inzwischen vollständig unbemannten Plattform noch immer die offene Flamme einer Gasabfackelungsanlage brannte. Diese könnte schlimmstenfalls die Gaswolke entzünden und zur Explosion bringen. Total teilte mit, das sei wegen der derzeitigen Windverhältnisse unwahrscheinlich, doch werde geprüft, ob und wie die Gasfackel gelöscht werden kann. Ein Problem ist dabei offenbar, dass die Gasabfackelung zum Druckausgleich benötigt wird.
Der Betriebsunfall weckt Erinnerungen an die BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vor zwei Jahren. Die BP-Katastrophe hat 2010 zur schwersten Ölpest in der Geschichte der Vereinigten Staaten geführt, und BP musste für die Umwelttragödie Schadensrückstellungen von bislang fast 40 Milliarden Dollar bilden. Damals vergingen drei Monate, bevor es gelang, ein Ölleck in der Tiefsee abzudichten.
Total hat jetzt eingestanden, dass es schlimmstenfalls sogar ein halbes Jahr oder noch länger dauern könnte, das Gas zu stoppen. Dies wäre der Fall, wenn eine sogenannte Entlastungsbohrung niedergebracht werden müsste, um die unterirdische Gaslagerstätte zu verstopfen. Das Unternehmen glaubt allerdings, dass das ausströmende Gas aus einem relativ kleinen Nebenreservoir stammt, das sich womöglich schnell entleere, und der Gasaustritt damit von alleine stoppe.
Fachleute gehen davon aus, dass die Umweltschäden geringer sind als im Fall der BP-Katastrophe. „Das ausströmende Kondensat verflüchtigt sich leichter und ist auch aufgrund der geringeren Mengen ökologisch weniger bedrohlich als das Rohöl im Fall von BP“, sagt Erdölexperte Messner von der BGR. Der Total-Unfallort befindet sich außerdem in vergleichsweise seichten Gewässern, was die Arbeiten nach Meinung von Fachleuten erleichtern dürfte. Die Nordsee ist an der Stelle 93 Meter tief, während die Meerestiefe beim BP-Unfall mehr als 1500 Meter betrug.
Londoner Analysten der Investmentbank J.P. Morgan Cazenove weisen aber auch darauf hin, dass eine Entlastungsbohrung schwieriger sein könnte als im Fall der BP-Katastrophe, denn das Total-Bohrloch reiche weiter unter den Meeresboden. Das Gasreservoir liegt in 5300 Metern Tiefe im Vergleich zu rund 3000 Metern beim BP-Unglück. Bei einer Entlastungsbohrung wird der ursprüngliche Bohrkanal durch eine zweite Bohrung seitlich angezapft. Durch den Entlastungskanal wird Füllmaterial und Beton nach unten gepumpt, um das ursprüngliche Bohrloch abzudichten. Dies ist jedoch technische Präzisionsarbeit, die nicht immer gelingt: Die Entlastungsbohrung muss die ursprüngliche Bohrung kilometertief unter dem Meeresboden präzise treffen.
Technische Herausforderung:
Frank Pauls (faweho)
- 29.03.2012, 14:57 Uhr
Oberhalb des Meeresspiegels?
Andreas Rehbock (odr2010)
- 29.03.2012, 12:24 Uhr
Die Nachricht von gestern ...
Closed via SSO (wschn)
- 29.03.2012, 12:12 Uhr
Die Berichterstattung erinnert mich an den Atomunfall in Japan.
Ralf Kleemann (aikon123)
- 29.03.2012, 11:40 Uhr
Endlich mal wieder
Gerhard Katz (spital8katz)
- 29.03.2012, 09:41 Uhr